Diese U-Bahn-Geschichten zeigen, wie menschlich Wien ist

WIENERIN-Redakteurinnen erzählen von ihren Momenten der Menschlichkeit, Solidarität und Zivilcourage in Wiener Öffis.

Täglich bombardieren uns Boulevardzeitungen mit Schreckensmeldungen über Messerstechereien, Schlägereien und Drogenkämpfe in den Wiener Öffis, selbsternannte Aufdeckerjournalisten erzählen von ihrer persönlichen Hölle in der U6 und Vergewaltigungen werden plötzlich zum Politikum - wenn die Herkunft der Täter stimmt.

In diesem Wahnsinn ist es oft nicht leicht, sich dem Tenor des Hasses zu entziehen. Wir versuchen es trotzdem und veröffentlichen drei schöne U-Bahn-Momente, die uns den Glauben an die Menschlichkeit zurückgeben:

1: "Weil es gut ist, sich einzumischen"


Barbara Haas, WIENERIN-Chefredakteurin:
"U3 – Abfahrt Enkplatz Richtung Ottakring. Der rammelvolle Zug bleibt zwischen zwei Stationen stecken, da beginnt eine – offenbar psychisch kranke – Frau eine junge Türkin zu beschimpfen. „Geh in Oasch, du Ausländer-Gsindel“. Niemand sagt was, wobei es jedem unangenehm ist, aber es ist zu eng und zu heiß, um zu diskutieren. Die junge Türkin versucht es trotzdem: „Nur weil man Ausländer ist, heißt das nicht, dass man ein schlechter Mensch ist.“ Die Frau versteht das als Provokation und haut völlig unmotiviert ihrem Sitznachbar, einem jungen Türken, mit der zusammengerollten Zeitung eine runter. Ich erschrecke und rufe reflexartig: „He, benehmen Sie sich. So können Sie sich hier nicht aufführen, wir stecken doch alle gemeinsam fest, das geht nicht.“ Sie dreht sich um, und meint: „Und du kriegst die Ruhr!“ Ich schrecke mich noch mal, will mich schon in mich zurückziehen, da beginnen plötzlich drei Frauen neben mir, einen unausgesprochenen Plan umzusetzen und der heißt: Wir werden diese Situation gemeinsam meistern. Sie reden mit der kranken Frau, sagen, dass sie sich erst wieder in der nächsten Station ärgern darf und plötzlich bildet sich eine Mehrheit des Guten. Es klingt pathetisch, aber man spürt diese Kraft echt irgendwie. Als der Zug dann endlich weiterfährt und uns in der nächsten Station ausspuckt (Garnitur kaputt), haben wir ein gemeinsames Erlebnis, das wir teilen können. Fazit: Keiner sudert über die blöden Wiener Linien, alle finden, dass es gut war, sich gemeinsam einzumischen. Dass die Frau krank ist und einer klaren Argumentation ohnehin nicht zugänglich, ist uns allen klar. Dass man trotzdem was tun muss, aber auch."

2: „Kauf die besseren Tickets, das zahlt sich aus!“


Ursula Neubauer, stv. Chefredakteurin:
"Ich steige in die U3 ein. Es ist nicht viel los, nur ein Typ sitzt da, er ist komplett schwarz angezogen, hat zerzauste Haare, eine Bierflasche dabei und schnürt sich grad seine Springerstiefel enger. Seine Arme sind tätowiert, sein Gesicht seh' ich nicht, er ist ja über seine Stiefel gebeugt. Mich zieht irgendwie nichts zu ihm hin, ich setz mich weiter vorne hin.

Bei der nächsten Station steigen viele Leute ein, ein junger Mann offensichtlich nicht österreichischer Abstammung setzt sich dem schwarz Gekleideten gegenüber. Na bravo, denkt sich offensichtlich die Dame mir gegenüber, denn sie schaut neugierig, vielleicht ein bissl besorgt hin. Kann ich ihr irgendwie nachfühlen, in Zeiten wie diesen weiß man ja nie …

Und dann spricht der Rockertyp den jungen Ungarn (wie sich herausstellt) an. Oje?! Nein, es ist alles gut – sie reden über die Musik, die in dessen Ohrstöpseln läuft. Satz zwei ist gleich „Und ich bin kein Nazi, nur dass du das weißt, weil viele glauben das wegen meines Outfits und den Stiefeln. Aber die Nazis tragen andere Schuhbänder. Ich bin einfach ein Rocker, ich mag die Musik total“. Die Frau mir gegenüber lächelt, andere Mitfahrende auch. Und ich freu mich mit. Es ist schön, den beiden zuzuhören. Und dann setzt der Schwarzgekleidete noch eines drauf und erklärt dem jungen Ungarn, der in Wien arbeitet, dass er sehr besorgt sei über die anstehende Bundespräsidentenwahl, da könnte nämlich einer gewinnen, den er für einen Nazi hält. Und das wolle er auf keinen Fall. Über ein Festival reden sie noch, der Rocker empfiehlt dem jungen Typen die besseren Tickets zu kaufen, das würde sich auszahlen. Dann steigt er aus. Schade eigentlich. Wir hätten den beiden auch noch weiter zugehört. Und fahren mit einem Lächeln weiter – und der Gewissheit, dass es sich auszahlt, immer an das Gute in jemandem zu glauben, auch wenn er ziemlich düster aussieht."

3: "Der Schein trügt ziemlich oft"


Paula Kolb, Online-Redakteurin:
„Rush-Hour in der 6er-Straßenbahn. Am Kinderwagenplatz saß eine junge Frau mit zerzausten, ausgewachsenen Dreadlocks. Ihre Fingernägel waren schmutzig, ihre Kleidung sah abgetragen und staubig aus, ihre beiden Freunde hatten Dosenbier in den Händen. Als die junge Frau einer einsteigenden Mutter mit Kinderwagen Platz machen wollte, lehnte die Mutter den Sitzplatz ab. Das Kind und die Frau saßen sich gegenüber und haben die ganze Fahrt rührend miteinander gespielt. Weder Mutter noch Kind haben sich am Aussehen der Frau gestört. Das hat allen Umstehenden ein Lächeln aufs Gesicht gezaubert, und wieder einmal in Erinnerung gerufen: Don’t judge a book by its cover. Der Schein trügt ziemlich oft.“

 

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