Diese Künstlerin macht Gipsabdrücke von Vulven und wir lieben sie

Unter dem Slogan "Every Vulva is a Vulva" macht die Wiener Künstlerin Gloria Dimmel Gipsabdrücke von Vulven, um die Vielfalt aufzuzeigen. Wir haben es auch ausprobiert.

Da sitze ich nun breitbeinig, wie bei der Frauenärztin auf einem ziemlich bequemen Polstersessel. Meine Beine habe ich auf Glorias Bett abgestützt, und warte, während sie die Gussmasse in der Küche anrührt. Vier weitere Frauen sind im Raum - auch sie verewigen gleich ihren Intimbereich in Gips. Und da kommt auch schon Gloria mit der Masse und setzt sich mir gegenüber hin. Die Masse fühlt sich überraschend angenehm an - wie eine Mischung aus Silikon und Slimies, die man sich als Kind ab und zu im Spielzeuggeschäft aussuchen durfte.

Gloria erklärte dann, was zu tun ist: "Nimm eine Hand voll und schmiere es vorsichtig hinein - man kann fast nichts falsch machen." Und das stimmt. Es ist kinderleicht. Ist die Masse erstmal dick aufgetragen wartet man kurz und zieht sie dann ganz langsam heraus. Und das war´s auch schon. Denn danach beginnt Glorias Teil der Arbeit. Behutsam schneidet sie die überschüssigen Teile der getrockneten Gussmasse ab und legt sie dann in ein kleines Plastikschälchen hinein. Die gießt sie dann mit flüssigem Gips aus. Jetzt heißt es geduldig sein, denn der Gips muss nun für ungefähr eine Woche aushärten. Feinheiten werden danach noch von Gloria mit kleinen Werkzeugen nachjustiert. Die Künstlerin fertigt immer zwei Abdrücke an - einen für sie und einen für die Frau.

"Bin ich da unten eigenlich normal?"

Diese Frage stellt sich wahrscheinlich jede Frau im Laufe ihres Lebens. Die Antwort: JA! Denn ob asymmetrisch, lang, kurz, dunkel oder hell: Vulven gibt es in den verschiedensten Größen und Formen und sie verändern sich auch im Laufe des Lebens. Und JA das ist normal. Auf diese Vielfalt will die Künstlerin und Studentin Gloria Dimmel aufmerksam machen und zeigen, dass jede Vulva schön ist, egal wie sie aussieht.

"Every Vulva is a Vulva!"

Seit über einem Jahr widmet sich die 25-jährige dem Kunstprojekt. In ihrer Wohnung im 17. Bezirk veranstaltet sie regelmäßig "Abdruck-Sessions" mit Frauen, die ihre Vulva in Gips verewigen wollen. Begonnen hat alles vergangenen Sommer aus Neugier am eigenen Körper. "Viele Frauen wissen nicht genau, wie sie untenrum aussehen - mich hat es interessiert, ich habe viel darüber nachgelesen und dann habe ich einen Abdruck gemacht und ihn meinen Freundinnen gezeigt", erzählt Gloria Dimmel. Danach kam der Stein ins Rollen: Freundinnen und Bekannte wollten auch unbedingt mitmachen. "Ich habe schnell bemerkt wie viel Redebedarf darüber besteht und dass die meisten Frauen dieselben Gedanken oder Zweifel haben, aber sie kaum mit anderen teilen." Am schönsten ist es für die Künstlerin, wenn sich die Frauen zum bestaunen der fertigen Gipsabdrücke treffen: "Spätestens da merkt jede, dass es nichts gibt, wofür man sich schämen oder verstecken muss", sagt sie.

Vom Hobby, zum Kunstprojekt

"Zu Beginn war es nur ein Hobby, aber jetzt ist es viel mehr!", erzählt Gloria Dimmel im Interview mit wienerin.at. Im März hatte sie bereits ihre erste Ausstellung in Wien, wo sie über 40 Abdrücke präsentiert hat. Mittlerweile sind wieder 15 Stück dazugekommen. "Es ist jedes Mal eine neue Erfahrung, wenn eine fremde Person mir gegenübersitzt und sich so öffnet. Bisher hatte ich aber nur positive Erfahrungen." Dass die Vulva in der Öffentlichkeit noch immer ein Tabuthema ist und selten gezeigt oder thematisiert wird, kritisiert Dimmel. Die Künstlerin möchte mehr Bewusstsein schaffen. "Die Vulva wird entweder extrem übersexualisiert dargestellt, wie in Pornos, zum Mysterium gemacht oder ganz ausradiert - auch weil es keine geläufige Benennung dafür gibt. Es wird viel zu wenig neutral darüber gesprochen", sagt sie. Bisher hat die Künstlerin vorwiegend mit Frauen zusammengearbeitet, die keine großen Schwierigkeiten mit ihrem Körperbild haben. "In der Zukunft wäre es schön, auch mit Opfer von Missbrauch zusammenzuarbeiten oder Aufklärungsarbeit bei Jugendlichen zu leisten, denn das Tabu beginnt früh."

Auf Gloria Dimmels Kommode liegt eine Sammlung von Gips-Vulven - keine davon sieht gleich aus.

Gipsabdrücke von Vulven

Es war ein schönes Gefühl zu sehen, wie ok es ist anders auszusehen - auch untenrum. Frauen müssen so viel Kritik über ihr Aussehen und ihren Körper aushalten, dass es solche Projekte ein bisschen erträglicher machen in einem Frauenkörper zu stecken. Und obwohl sich der Spirit "Every vulva is beautiful" in der Wohnung von Gloria Dimmel unter allen teilnehmenden Frauen verbreitet hat, steigt auf der anderen Seite die Zahl der Schönheitsoperationen im Intimbereich.

Fragwürdige Schamlippen-OP´s nehmen zu

In den letzten Jahren scheint leider auch die Vulva auf die Liste der Problemzonen gekommen zu sein. Während eine Verkleinerung der inneren Schamlippen etwa durch medizinische Ursachen oder Schmerzen total nachvollziehbar ist, lassen sich immer mehr Frauen scheinbar überschüssige Haut aus Schönheitsgründen entfernen. Immer mehr Frauen bezahlen tausende Euros, um auch im Intimbereich einem Idealbild zu entsprechen, dass es eigentlich gar nicht gibt. Für Gloria Dimmel ein besorgniserregender Trend. "Ich würde mir mehr Aufklärung wünschen. Das ist das allerwichtigste, um ein positives Körperbild zu vermitteln und nicht von Idealen unterdrücken zu lassen. Sich unters Messer zu legen ist nicht die richtige Lösung", erklärt sie.

Derzeit arbeitet Gloria Dimmel an der Vergrößerung ihrer Vulva-Sammlung und plant eine weitere Ausstellung.

 

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