Diese Krankheit könnten Sie haben, wenn Sie oft schlecht drauf sind

Manchmal geht Sonja spätabends in den Garten und schaut von draußen in ihr Haus. "Gemütlich sieht es da drin aus", denkt sie dann. "Wenn ich als Fremde hier vorbeiginge, würde ich meinen: Die Leute, die hier wohnen, müssen einfach glücklich sein." Meist schleicht sich dann leise von hinten der verbotene Gedanke an: "Aber ich bin es nicht." Nein, Sonja hat keinen Ehemann, der sie betrügt, kein krankes Kind, keine finanziellen Nöte. Sie hat alles, was man sich nur wünschen kann. Bis auf eines: gute Laune. Lust am Leben. Sonja sagt: "Für mich ist alles eine Last. Mein Job, der Haushalt, sogar der Sex mit meinem Mann. Ich erledige zwar alles brav, aber eigentlich würde ich mich am liebsten nur unter meiner Tuchent verkriechen."

Vielleicht ist es ein Glück, dass Sonja sich noch zu ihren alltäglichen Pflichten zwingen kann. Vielleicht ist es aber auch ein Pech. Denn so kommt weder sie noch ihre Umgebung auf die Idee, dass sie eigentlich seit Jahren krank ist. Nicht schwer, aber dafür chronisch. Dysthymie heißt ihr Leiden, das zu den leichten Formen von Depression gehört. Bis vor etwas mehr als zehn Jahren galt die Dysthymie in Anlehnung an die griechischen Wortwurzeln (dys = gestört, thymos = Stimmung) nur als depressionsähnliche Verstimmung. Man verstand darunter Menschen, die einfach "ständig schlecht drauf" sind. Teilweise wurde es auch als individuelle "natürliche" Charaktereigenschaft abgetan. Mittlerweile, so die Universitätsdozentin Dr. Margot Schmitz, hat sich aber die Sichtweise der Mediziner geändert: "Statt Unterscheidungen nach Hypothesen zu machen, macht man heute Beschreibungen. Und da gibt es bei der Depression eben typische Symptome, die einfach nur stärker oder schwächer ausgeprägt sind."

Bis vor etwas mehr als zehn Jahren galt die Dysthymie in Anlehnung an die griechischen Wortwurzeln (dys = gestört, thymos = Stimmung) nur als depressionsähnliche Verstimmung.

Der "Vorteil" an der großen, der Major Depression: Den Betroffenen geht es so schlecht, dass ihre Symptome kaum zu übersehen sind. Sie können sich zu nichts mehr aufraffen, bleiben manchmal sogar den ganzen Tag im Bett. Außerdem sind ihre Stimmungstiefs zeitlich limitiert und wechseln mit Monaten oder Jahren normaler Stimmung ab. Die Dysthymie jedoch beginnt schleichend, meist schon in Teenagerjahren oder Anfang 20. Die oft nur als Grantler oder Jammerlappen angesehenen Kranken fühlen sich monatelang müde, niedergeschlagen, sie grübeln viel und schlafen schlecht. Jedoch: Sie sind meist fähig, mit den Anforderungen des täglichen Lebens fertig zu werden. Und genau deshalb kann sich diese Form von Depression unbemerkt in ihrem Leben einnisten.

Unerkannt krank

Schätzungen zufolge leiden in Österreich 250.000 Menschen an Dysthymie. Und bei etwa drei Vierteln wird die Krankheit weder erkannt noch behandelt. Stattdessen, so Dozentin Schmitz, kommt es auf anderen medizinischen Gebieten zu riesigen Fehlbelegungen, weil sich der Druck der Psyche auf den Körper schlägt: "Wir wissen, dass bei 40 Prozent der Patienten von praktischen Ärzten eine Depression im Hintergrund steht, und dasselbe gilt für ein Drittel aller Gynäkologie-Patientinnen." Dazu kommen noch etliche Patienten, die mit Rückenschmerzen zum Orthopäden pilgern, die Magenkranken in den Internen-Abteilungen und, nicht zu vergessen, jede Menge Alkohol-oder Drogenkranker.

Schätzungen zufolge leiden in Österreich 250.000 Menschen an Dysthymie.

Während bei den anderen Arten von Depression körperliche Ursachen (wie Krankheiten oder hormonelle Veränderungen) oder tief greifende negative Erlebnisse die Auslöser sind, beginnt die Dysthymie schon in der Kindheit. Ursache jedoch ist bei allen Erscheinungsformen dieselbe: eine Veränderung im Stoffwechsel des Gehirns. Zu wenig Botenstoffe zwischen den Nervenzellen. Und dieser Mangel an Neurotransmittern verursacht dann die "Krankheit der -losigkeit". Der Gefühl-, Hoffnungs-, Wert-, Lust-, Ruhe-, Freud-, Schlaf-, Macht- und Hilflosigkeit.

Die Wurzel des Übels

Wie beginnt nun eine Dysthymie im kindlichen Gehirn? Expertin Margot Schmitz: "Angenommen, ein Kind ist das schwarze Schaf der Familie. Es wird ständig beschimpft und bestraft. Das macht ihm Stress. Der wiederum bringt seine Neurotransmitter in Unordnung. Auf Dauer hinterlässt diese Belastung biochemische Botschaften in seinem Gehirn. Irgendwann kann sich der Stoffwechsel nicht mehr umstellen, und das schwarze Schaf wird zum depressiven Erwachsenen." Der Kindern zugefügte Stress kann natürlich auch ganz anderer Natur sein. Jede Form von Geborgenheitsverlust, sei es Gewalt, Scheidung, Todesfälle oder auch ein wegen Depressionen emotionell unerreichbares Elternteil spielt eine Rolle. Aber auch eine extreme Überbehütung, die das Kind an seiner freien Entwicklung hindert, kann Dysthymie auslösen. Bei Mädchen gibt es überdies einen Faktor, der wohl auch dafür verantwortlich ist, dass viel mehr Frauen als Männer an Depressionen erkranken: die enorme Häufigkeit (jedes vierte Mädchen) sexueller Übergriffe.

Auch eine extreme Überbehütung, die das Kind an seiner freien Entwicklung hindert, kann Dysthymie auslösen.

Wie bereits erwähnt, fühlen sich Dysthymiker schon als Teenager nicht mehr so richtig wohl in ihrer Haut. Bei Parties stehen sie eher am Rande des Geschehens und beobachten die anderen in ihrem Treiben. Manche saufen oder kiffen sich nieder aus Frust, nicht bei der allgemeinen Heiterkeit mitzukönnen, manche flüchten sich in Verachtung für die "Oberflächlichkeit" der Altersgenossen. Mädchen sind in der Schule eher sehr ruhig, Burschen tendieren öfter zu Rebellion und ecken überall an. Schwermütige Literatur, Musik oder Gruftie/Gothic-Style kann solche Kids sehr anziehen.

Existenz unter Druck

Als junge Erwachsene leben sie sozial eher zurückgezogen. Obwohl sie sich oft so mies fühlen, als ob sie Blei in den Venen hätten, verlangen sie sich selbst große Leistungen ab. Denn: ihr Über-Ich ist streng und unnachgiebig. Ihre Beziehungen sind schwierig, das typische Problem ist der Gegensatz von Klammern und Flüchten. Gegen Ende 20, wenn die jugendlichen Kräfte nachzulassen beginnen, klagen sie noch mehr als zuvor über allerlei Wehwehchen. Manche haben dann auch bereits Suchtprobleme, weil sie ihre permanenten Unlustgefühle irgendwie niederkämpfen wollen. Obwohl sie inzwischen schon beruflichen Erfolg gehabt haben können, ist ihr Selbstwertgefühl sehr niedrig. Auf Kränkungen reagieren sie deshalb auch übermäßig empfindlich. In Körper und Gesicht beginnt sich der psychische Druck abzuzeichnen: eine eher schlaffe Haltung mit flacher Brustatmung. Fahler Teint, stark ausgeprägte Nasolabial- und Nasenwurzel-Falten.

Auf Außenstehende wirkt ihre Mimik oft streng und einschüchternd, dabei geht bei ihnen Aggression eher nach innen als nach außen.

Auf Außenstehende wirkt ihre Mimik oft streng und einschüchternd, dabei geht bei ihnen Aggression eher nach innen als nach außen. Bei Männern kann es allerdings auch umgekehrt sein: Sie geben aller Welt die Schuld daran, dass es ihnen schlecht geht. Den Trödlern auf der Straße, dem blöden Chef, der nervigen Partnerin. In ihren Dreißigern gewöhnen sich manche Dysthymiker daran, mit ihrer Behinderung zu leben. Andere verzweifeln und denken immer öfter an Selbstmord, den sie später nicht allzu selten auch begehen. Und manche, die den Leidensdruck nach Jahrzehnten nicht mehr ertragen, suchen endlich professionelle Hilfe.

Der Weg ans Licht

Der Schlüssel zum Erfolg besteht vor allem in einer Kombination von Psychotherapie und Antidepressiva. Wichtig ist allerdings, so Dozentin Margot Schmitz, dass sich die behandelnden Ärzte sehr gut mit den Medikamenten auskennen. Denn: "Gerade weil es eine leichte, aber chronische Erkrankung ist, können sie da nicht mit Hämmern reinfahren. Dysthymiker vertragen vielleicht ein Zehntel der Dosis der Antidepressiva, die jemand mit einer schweren Depression bekommt. Oft funktioniert es auch erst, wenn sie je ein Bröserl von zwei oder drei Präparaten kombinieren." Ebenfalls wichtig: "Viel Geduld. Denn bis die Medikamente wirken, können leicht ein bis drei Monate vergehen." Doch Geduld zahlt sich aus. Wer Therapie und Pillen kombiniert, hat zu etwa 73 Prozent die Chance, dass ihm sein Leben dann endlich einmal richtig Spaß macht.

Bin ich depressiv?

Wenn Sie mehr als drei Fragen mit "Ja" beantworten, neigen Sie zu Depressionen.

  • Ich fühle mich oft niedergeschlagen und hoffnungslos
  • Ich kann mich nur schwer zu Aktivitäten aufraffen. Freunde, Hobbys, das interessiert mich alles nicht mehr wirklich
  • Ich arbeite routinemäßig und ohne wirkliche Freude
  • Ich bin von mir selbst enttäuscht und fühle mich wertlos
  • Ich habe kaum Lust auf Sex
  • Ich habe keinen Appetit/übermäßig viel Appetit
  • Ich habe Schlafstörungen (Ein-, Durch- oder Ausschlafstörungen) oder: Ich könnte dauernd nur schlafen
  • Ich fühle mich oft müde und körperlich unwohl (bis hin zu chronischen Kopf- oder Rückenschmerzen)
  • Ich habe das Gefühl, dass alles über mir zusammenbricht, mir ist alles zu viel
  • Ich bin nervös, unkonzentriert und zerstreut
  • Ich bin oft anderen gegenüber unbeherrscht und gereizt, dann habe ich deshalb wieder Schuldgefühle
  • Mich quälen selbst kleine Entscheidungen
  • Um meine innere Unruhe besser zu ertragen, greife ich regelmäßig zu Alkohol, Haschisch oder anderen beruhigenden Mitteln
  • Ich kann meine Gedanken und Gefühle nur schwer in Worte fassen und anderen zeigen

Sie vermuten, Sie seien depressiv. Oder jemand, der Ihnen nahe steht. Wie geht es nun weiter?

  • Selbsthilfe ist leider nicht möglich.
  • Nach außen wenden. Suchen Sie das Gespräch mit anderen Betroffenen und Freunden. Finden Sie heraus, wo es in Ihrer Nähe Beratungsstellen und Psychotherapeuten gibt. Können Sie sich dazu nicht mehr aufraffen, dann bitten Sie eine Vertrauensperson um Hilfe.
  • Gut kombiniert. Zusätzlich zu einer Therapie helfen Psychopharmaka, aus dem tiefsten Tief herauszukommen. Achtung: Die Wirkung tritt bei allen Anti-Depressiva erst nach etwa zwei Wochen ein, brechen Sie deshalb die Therapie nie vorschnell ab!
  • Hilfe geben. Wenn Sie die Symptome bei anderen entdecken, reden Sie der Person zu, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Beachten Sie dabei folgende TIPPS:
  • Erzählen Sie dem Depressiven, dass seinen Gefühlen eine Stoffwechselstörung im Gehirn zugrunde liegt, bei der es nicht genug Botenstoffe zwischen den Nervenzellen gibt. Das verringert meist seine Schuldgefühle, erhöht die Akzeptanz der Krankheit und die Bereitschaft zu einer ärztlichen Behandlung.
  • Mitleid und Trost bestätigen einen depressiven Menschen in seinem Elend und ziehen ihn nur tiefer hinein.
  • Aufforderungen wie "Lass dich nicht so hängen!" oder "Anderen geht es auch schlecht!" verstärken ebenfalls nur dessen Schuldgefühle und Versagensängste.
  • Lassen Sie den Betroffenen sich ausjammern, ohne ihn zu bemitleiden.
  • Reagieren Sie mit einfühlenden Fragen statt mit Ratschlägen.
  • Geben Sie dem Depressiven das Gefühl, dass er sich selbst helfen kann, indem er Hilfe sucht.
  • Versuchen Sie eine gewisse innere Distanz zu der betroffenen Person zu halten.
  • Nehmen Sie Selbstmorddrohungen immer ernst. Es ist ein Ammenmärchen, dass Menschen, die über Selbstmord reden, ihn nicht begehen.
Landesverbände für Psychotherapie
(können Ihnen geeignete Therapeuten nennen):
Wien: 01/5127102; 01/5126173
Niederösterreich: 02235/42965
Burgenland: 02682/63010
Steiermark: 0316/372500
Salzburg: 0662/823825
Vorarlberg: 05572/21463
Tirol: 0512/561734
Oberösterreich: 0732/776090
Kärnten: 0463/500756

Im Internet
www.nein-zur-depression.at
www.psychotherapie.at
www.kompetenznetz.de
www.depression.de
www.kriseninterventionszentrum.at

Telefonnotrufe
Telefonseelsorge: 142
Sozialpsychiatrischer Notdienst Wien:
01/3108779 od. 3108780
Ö3 Kummernummer: 0800/600607
Rat auf Draht (für Kinder und Jugendliche): 147
 

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