Diese heimischen Designerinnen solltet ihr auf dem Schirm haben

Innovativ: Diese Designerinnen bringen auf ganz unterschiedliche Art neue Impulse in die heimische Modeszene.

Diese heimischen Designerinnen solltet ihr auf dem Schirm haben

Jennifer Milleder

Was ist echt, was nur Illusion?

Jennifer Milleders Mode bewegt sich zwischen den Welten.

Jennifer Milleder

Ausladend und dann wieder ganz nah am Körper; sinnlich-soft und doch auch scharfkantig; mal nostalgisch verträumt, mal hypermodern: Jennifer Milleders Ästhetik will sich nicht fest­legen – auch das macht den Reiz ihrer Entwürfe aus. Es sind Stücke irgendwo zwischen Kunst und Kleidung. Die Figur des Dandys und die Surrealisten lieferten den thematischen Unterbau für Mirror, die Kollektion, mit der die Steirerin 2020 ihr Studium an der Angewandten abschloss und mit der sie über die Grenzen Wiens hinweg Aufsehen erregt.

Die Nachfrage für Fotoshootings und Bühnenperformances ist groß, vom Set der WIENERIN reisten ihre Teile direkt weiter nach London. Die Designerin sagt, sie genieße die Möglichkeit, mit Silhouetten und Materialien zu experimentieren und sich dem Thema Alltagstauglichkeit verstärkt dann zu widmen, wenn ihr Label kommerzielle Ziele verfolgt. Noch steht das textile Geschichtenerzählen, das Spiel mit Illusion und Realität an erster Stelle. Jennifer Milleder ist eine, die wir im Auge behalten sollten.

Patricia Narbón

Stoff gewordene Klarträume

Couture-Kreationen schweben über den Dingen.

Patricia Narbóns

Wie hast du deine Leidenschaft für Mode entdeckt?

Ich war immer schon ein kreativer Mensch, der sich von Ästhetik und Kunst angezogen fühlt. Als Teenager in den Nullerjahren habe ich Mangas und Anime geliebt – die Outfits der ­Charaktere und überraschenden Kombinationen; wie die Looks zu den Persönlichkeiten passen, wie sich Figuren neu erfinden durch das, was sie tragen, und wie. Auch in meiner eigenen Entwicklung habe ich nach einem Werkzeug gesucht, um das zu tun.

Wie sieht dein Zugang zu Modedesign aus?

Mein Zugang ist authentisch, nachhaltig und hat eine bestimmte Intention. Mode ist eine Sprache, und ich möchte Gespräche starten, eine Botschaft verbreiten oder eine Geschichte erzählen. Ich möchte ein kleines Universum kreieren, frei und mit kindlicher Neugier.

Wie lässt sich der Look deiner Kleider beschreiben?

Meine Mode ist "Lucid Dreaming Couture"; spirituell und im Moment, pulsierend, maximalistisch.

Du machst neben der Mode auch Musik. ­Welche Parallelen siehst du in diesen beiden ­Disziplinen?

Beides ist ein Liebesakt. Wenn kein Herz dabei ist, funktioniert es nicht. Manchmal ist es, als würde ich im offenen Meer treiben, und plötzlich zieht mich eine Idee an den Füßen, der ich nicht ent­kommen kann. Ich muss sie dann einfach um­setzen, es ist wie eine Obsession.

GüÇ

Anpassungsfähig, aber keinesfalls gewöhnlich

zeigt mit ihrem Label GüÇ, wie sinnlich Multifunktionalität daherkommen kann.

Janette Papas

"Meine Mode muss sich dem Körper ihrer Trägerin anpassen und nicht andersrum": Janette Papas, die Frau hinter dem Label Güç, verhilft dem Prinzip der Adaptierbarkeit zu neuer Relevanz – denn selbstverständlich ist Mode, die die Bedürfnisse unserer so unterschiedlichen Körper berücksichtigt, noch lange nicht. Abstriche macht Papas dabei aber keineswegs; im Gegenteil: Die Art, wie die Designerin Optik und Funktionalität vereint, zeugt von großem Talent. Einer Lehrerin am Akademischen Gymnasium fiel die Begabung ihrer Schülerin zuerst auf. "Durch ihre Unterstützung habe ich gemerkt, dass mich Modedesign auch selbst reizt", erzählt die Wienerin. Und dann war da noch die Uroma: In einem Dorf im türkisch-syrischen Grenzgebiet lebend war sie es, die Papas die Schönheit pragmatischer Kleidung, bei der jedes Detail seinen Sinn hat, nahebrachte.

Janette Papas entschied sich für ein Modedesignstudium in Berlin. Nach ihrem Abschluss folgte der Umzug nach Paris, um in den Ateliers der Kult­marke Mugler zu arbeiten. Im Juni 2020 gründete sie schließlich ihr eigenes Label, benannt nach dem Mädchennamen ihrer Mutter: Güç.

Wie der Start inmitten einer Pandemie lief? "Ich habe gelernt, dass es immer eine Lösung gibt. Einmal habe ich im Hof meines Pariser Wohnhauses geweint. Ich hatte keine Stoffe mehr, alle Geschäfte waren geschlossen. Die Gardienne (­Hausmeisterin, Anm.) hat das mitbekommen und bei den Nachbarn Lein­tücher gesammelt, damit ich weiter an meinen Prototypen arbeiten kann."

Mit vereinten Kräften also konnte das Debüt der Designerin trotz Lockdowns entstehen: Feinste Stoffe, zurückgenommene Farben, raffinierte Cuts und Details wie Karabiner und Ösen prägen die Entwürfe, wobei Letztere für ebenjene Variabilität sorgen, die auch in der Kollektion für den kommenden Frühling / Sommer wieder bestimmendes Element ist. Wohin es mit Janette Papas’ Label gehen soll, ist also klar. Der Slow-Fashion-Ansatz der Designerin sorgt für zusätzlichen Fokus: Papas will mit ihrer nachhaltigen Made-to-order-Arbeitsweise zu bewussterem Konsumieren anregen.

AMAAENA

Mode als Kommentar zu der Welt, die sie umgibt

Anna Menecia Antenete Hambira, Gründerin des Labels Amaaena, entwirft Lieblingsstücke mit Message.

Amaaena ist kein klassisches Modelabel. Dein Zugang ist ein interdisziplinärer, der viele künstlerische Ausdrucksformen umfasst. Wie kam es dazu?

Amaaena

Ich habe in Bremen Integriertes Design studiert, bevor ich als Erasmus-Studentin an die Angewandte in Wien gekommen bin. Durch Hussein Chalayan, den damaligen Leiter der Modeklasse, habe ich begonnen, mich zunehmend auf Mode zu fokussieren.

Streetwear-Elemente spielen in deiner aktuellen Koll

ektion eine wichtige Rolle. Was reizt dich daran?

Wenn ich beobachte, was Menschen tragen, sehe ich hauptsächlich Basics. Mir geht es darum, diese Basics mit einem zeitgenössischen Part neu zu interpretieren; Stücke zu schaffen, die im besten Fall Lieblingsteile werden. Ich sehe keinen Sinn darin, Mode zu machen, die nicht getragen wird.

Umso ungewöhnlicher sind die Materialien …

Stoffe sind für mich emotional sehr aufgeladen. Für die aktuelle Kollektion etwa habe ich mit Frottee ge­arbeitet. In meiner Kollektion geht es viel ums Weichsein. Sie spielt an einem Ort, an dem Verletzlichkeit durch den Austausch untereinander zu Stärke wird.

Wie findest du neue Ideen?

Der Austausch mit Freundinnen und Freunden, Kulturschaffenden, marginalisierten Personen, aber auch meine eigene Lebensrealität sind für mich Inspirationsquelle genug. Meine Mode ist immer auch ein Kommentar zu der Welt, in der ich mich bewege.

Hisu Park

Sinnlich, stark und eigensinnig

Die koreanisch-österreichische Designerin will Gefühle tragbar machen.

Hisu Park

Deine erste Kollektion hat in der österreichischen Kreativ­szene viel Beachtung gefunden. Sie ist ein erstaunlich reifes, rundes Debüt. Wann hast du festgestellt, dass Mode deine künstlerische Sprache ist?

Meine Mama ist Pianistin, und ich habe schon als Kind begonnen, Musik zu machen. Ich hatte mir aber schon damals gewünscht, das, was ich höre, auch sehen zu können. Ich wollte die Musik selbst und das, was ich beim Spielen fühle, sichtbar machen, also habe ich angefangen, meine Gefühle und Höreindrücke zu zeichnen. Mit der Zeit kam auch der Wunsch auf, spüren zu können, was ich sehe und höre, also habe ich angefangen, mit Stoffen zu basteln. Mit Anfang 20 begann ich dann, in Antwerpen Modedesign zu studieren.

Hast du in der Mode etwas vermisst, bevor du selbst begonnen hast, Kleidung zu entwerfen?

Ich hatte immer schon einen eher zierlichen Körperbau, und bei der Frauenkleidung gab es für mich immer nur Sachen, die sehr mädchenhaft waren. Ich habe oft in der Männerabteilung eingekauft, weil ich auch Kleidung tragen wollte, die eckig, kantig und groß war. Das war auch eine maßgebliche Inspiration für meine Kollektion Grumpy Jane, die selbstbewusste Silhouetten hat und einem Kraft geben soll, selbst wenn man gar nicht so viel davon hat.

Wer ist denn diese Grumpy Jane?

Grumpy Jane ist mein Alter Ego, eine mürrische Jane. Ihr Name ist der Literaturgeschichte entliehen. Meine Jane ist eine sensible Figur, die selbstsicher die Hürden nimmt, die sich Frauen jeden Tag stellen.

Wie sieht der kreative Prozess hinter deinen Entwürfen aus?

Ich versuche, Mode zu ent­werfen, die mich berührt. Die ersten Ideen kommen meist schnell; ich versuche, diese laufend weiterzuentwickeln. Ich verfolge keine spezielle Richtung, nur mein ganz subjektives Gefühl von Ästhetik.

Kannst du erste Einblicke in deine nächste Kollektion geben?

Sie baut auf meiner letzten Kollektion auf und stellt Grumpy Jane in einen neuen Kontext. Der zerbrechlichen, aber nach außen hin ­starken Figur der Grumpy Jane werden Freundinnen und Freunde zur Seite gestellt, die sie auf ihrer Reise unterstützen. Die Designs meiner letzten Kollektion waren eher ruhig und unaufgeregt, was sich mit Grumpy Jane and Gang zum Teil ändern wird: Die Outfits werden experimenteller, ausgefallener, facettenreicher.

Florentina Leitner

Ziemlich fantastisch

Florentina Leitner

zog aus, um dem Camp neues Leben einzuhauchen.

Seit Florentina Leitner mit Vertigo ihre Abschluss­kollektion an der Royal Academy präsentierte, wird sie als eines der spannendsten Modetalente ihrer Generation gehandelt. Den Titel für ihre Entwürfe hätte sie dabei kaum passender wählen können: Zwar war es die gleichnamige Op-Art-Ausstellung im Wiener Museum moderner Kunst, die den Impuls für Look und Titel der Kollektion gab, doch auch das Tempo, in dem sich die junge Designerin in der internationalen Fashionszene etablierte, ist schwindelerregend.

Aufgewachsen in Niederösterreich wusste Florentina Leitner bald, dass Kleidung das kreative Ausdrucksmittel ihrer Wahl sein sollte. Auf den Abschluss an der Modeschule Hetzendorf folgte der Schritt an die Royal Academy of Fine Arts im belgischen Antwerpen, eine der weltweit renommiertesten Ausbildungsstätten für ModedesignerInnen. Schon während ihres Studiums fiel Leitner in Fashionkreisen mit ihren Full-Body-Catsuits auf – hautenge Lycraanzüge, die den Körper von den Finger- zu den Zehenspitzen in laute Farben und Muster hüllen. Mode müsse sich ja nicht immer ernst nehmen, findet die Designerin – und das sieht man. Florentina Leitners exaltierte Silhouetten und Mustercollagen machen TrägerInnen und BetrachterInnen gleichermaßen Spaß, feiern die stilvolle Übertreibung, sind campy und treffen damit nicht zuletzt den Nerv der Generation Instagram. Celebritys wie Kylie Jenner zählen zum wachsenden Fanklub der Modemacherin, die nach ihrem Studium für Dries Van Noten arbeitete, dann aber doch recht schnell und zielstrebig in Richtung eigenes Label abbog.

Sie sagt, sie habe schnell gemerkt, wie wichtig es ihr trotz Pandemie war (und ist), selbstständig zu sein und nach ihren eigenen Maßstäben zu arbeiten; etwa, wenn es um die Nachhaltigkeit ihrer Kreationen geht: "Wir arbeiten mit Dead Stock (Stoffüberschuss anderer Hersteller, Anm.), Upcycling und dem Konzept der Semi-Couture, bei dem vieles nur auf Anfrage produziert wird.“ Ebenso wichtig ist der Designerin, "size inclusive" zu arbeiten: Ein wesentlicher Teil ihrer Catsuits wird in großen Größen bestellt, was Leitner für eine schöne, empowernde Entwicklung hält. Wohin sie sich, ihr noch junges Label und ihre Ästhetik entwickeln möchte? "Meine Kollektion für den Sommer 2022 ist erwachsener, eleganter, auch ein bisschen düsterer als meine bisherigen Entwürfe."

Und auch ein Stück ihrer österreichischen Heimat ist wieder mit dabei: Nach dem Musterrausch, den sie im Wiener mumok erlebte und in ihre Abschlusskollektion einfließen ließ, und der ironischen Familienaufstellung The Royal Leitners für den vergangenen Herbst / Winter war es diesmal ein fiktiver Urlaub am Mondsee, der die Inspiration für Leitners spacig-nostalgische Frühlings-/Sommerkollektion lieferte.

 

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