Diese Frau sprach 30 Stunden mit Fritzl

Frauen sind ebenso gewalttätig wie Männer. Es zeigt sich nur anders. Das sagt Adelheid Kastner, Österreichs arrivierteste Psychiaterin, die auch schon in die Seele von Josef Fritzl blickte. Mehr über Gewalt und Frauen im WIENERIN-Interview.

Ob Anne Holt, Jo Nesbø, Stieg Larsson oder die US-Serie How to get away with murder – die Koketterie mit dem Bösen ist ein Geschäft. Warum es gut ist, seine Mordlust virtuell zu befriedigen, erklärt Adelheid Kastner.
Die Psychiaterin sieht das reale Böse auch als eine seichte Pfütze im Gegensatz zur überzeichneten Projektion davon.

Warum fasziniert uns denn das Böse so sehr?

Adelheid Kastner: Na ja, zum Teil wird es wohl daran liegen, dass man hier minderfreundliche Teile ausgelebt sieht, ohne sich selbst die Hände schmutzig zu machen. Wir sind ja nicht frei von Neid, Eifersucht, Missgunst, leben das aber in der Regel nicht aus. Und am Ende der Geschichten kriegen wir gezeigt, dass es gut ist, diese Teile nicht auszuleben, weil das Gute ja immer siegt und Böses bestraft wird.

Sie treffen viele Straftäter, haben Josef Fritzl analysiert. War es Teil Ihrer Motivation, in diesen Beruf zu gehen, solche Menschen kennenzulernen?

Adelheid Kastner: Ich bin Psychiaterin und daher grundsätzlich interessiert an Menschen. Man versucht, die Denkweisen und Handlungsanreize einer anderen Person nachzuvollziehen.

Kann mich über Fritzl nicht beklagen

Mit Josef Fritzl etwa haben Sie mehr als 30 Stunden verbracht. Raus kam, dass er ein Mensch ist, der andere gerne beherrscht. Hat er das bei Ihnen auch probiert?

Adelheid Kastner: In der Art, wie er das bei anderen oder bei einem ganz speziellen Menschen versucht hat, natürlich nicht. Und ich kann mich – auch wenn das zynisch klingen mag – über den Herrn Fritzl nicht beklagen, er hat sich mir gegenüber adäquat verhalten. Er hat aber schon versucht, sich in einem besseren Licht darzustellen, wobei die Möglichkeiten bei ihm limitiert waren. Denn was genau hätte er besser darstellen sollen? Aber er hat sich bemüht, die Zustände „unten" etwas rosiger auszumalen.

Wurden Sie schon jemals von einem Täter getäuscht, wie es in manchen Filmplots vorkommt?

Adelheid Kastner: Wenn mich jemand getäuscht hätte, wüsste ich das nicht, denn es ist ja nicht so, dass jemand nach der Verhandlung sagt: Ätsch, jetzt hab ich dich reingelegt. Aber ich kenne Situationen, in denen ich merke, dass Aussagen nicht authentisch sind, sondern einen manipulativen Beigeschmack haben. Meine Strategie ist folgende: Ich bleibe dann stundenlang dort sitzen, denn so wird es immer mühsamer für den anderen. Nach fünf Stunden werden die meisten Leute müde und sagen diesen einen Satz, der den Wolf im Schafspelz zeigt.

Müssen uns eingestehen, dass Frauen auch gewalttätig sind

Gibt es einen Unterschied zwischen weiblicher und männlicher Gewalt?

Adelheid Kastner: Männliche Gewalt führt öfter zu strafrechtlich relevanten Folgen, es sitzen mehr Männer im Gefängnis als Frauen. Aber das bedeutet nicht, dass Frauen nicht handgreiflich werden. Gegenüber Kindern, aber auch gegenüber Männern. Der geschlagene Mann wird aber seltener in der Polizeistation auftauchen, weil es peinlich wirkt. Wenn eine Frau auf ihren Mann einschlägt, ist das desaströs für seinen Selbstwert, aber er wird keine Fraktur haben. Ich glaube generell nicht, dass Frauen weniger aggressiv sind, denn verbale Erniedrigung ist genauso Aggression. Und ich sehe es als wichtige Aussage zur Gleichberechtigung, uns einzugestehen, dass Gewalt vielfältig ist und von beiden Geschlechtern ausgeübt wird.

In Krimis wirken die Bösen oft clever, die Guten sind immer eher farblos. Warum?

Adelheid Kastner: Das ist nur in Krimis so, vermutlich, um die Charaktere sexy zu ­machen. In der Realität sind Straf­täter meist flach und trist. Jemanden umzubringen, weil man ein Sparbuch will, ist banal. Hinzuhauen, weil man eifersüchtig ist, ist flach. Das Böse hat keine Tiefe, sondern ist meist eine unattraktive, seichte Pfütze.

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