“Die Welt ist kein Safe Space für Vergewaltigungsopfer”

50 Länder, 800 zurückgelegte Kilometer – und noch so viel vor. Die Südafrikanerin Claire McFarlane will in jedem Land der Welt laufen und sexualisierte Gewalt zum Thema machen.

+++++ Trigger-Warnung: Der folgende Artikel enthält Darstellungen von sexualisierter Gewalt und kann für Betroffene retraumatisierend wirken. +++++

Claire McFarlane - Footsteps to Inspire

"Ich bin die Überlebende einer Vergewaltigung. Ich habe eine Geschichte - und ich teile sie“, sagt Claire McFarlane. Mit ihrem Projekt Footsteps to Inspire will die Südafrikanerin in jedem Land der Welt 16 Kilometer laufen – einen Kilometer für jedes Jahr, das zwischen ihrer eigenen Vergewaltigung und der Verurteilung des Täters vergehen mussten. Sie will andere Betroffene inspirieren und verändern, wir wir als Gesellschaft über sexualisierte Gewalt sprechen.

50 Länder hat die 41-Jährige schon besucht. In jedem davon setzt sie sich mit der individuellen Situation für Gewaltopfer auseinander, spricht mit Hilfsorganisationen und Betroffenen und legt gemeinsam mit Interessierten ihre 16 Kilometer am Ufer eines Gewässers zurück. Österreich ist Land Nummer 51, am Sonntag ist sie auf der Donauinsel in Wien gelaufen. Wir haben sie getroffen – genau zwanzig Jahre nach ihrer Vergewaltigung und drei Jahre nach dem Start ihrer Reise. Ein Gespräch über Traumata und gefährliche Strukturen, über wichtige Safe Spaces und Empowerment.

Heute vor zwanzig Jahren hat dich ein Mann in Paris vergewaltigt. Sechzehn Jahre hat es gedauert, bis der Täter schließlich von einem Gericht verurteilt wurde. Wie geht es dir heute?

Claire McFarlane:Ich fühle mich gut. Ich hatte die Chance, mein Trauma zu verarbeiten und mich letztlich selbst zu empowern - als Frau und auch als Opfer. Heute helfe ich mit meiner Geschichte anderen Überlebenden und Betroffenen. Das hilft auch mir.

Du engagierst dich seit drei Jahren mit deinem Projekt "Footsteps to Inspire" und triffst Überlebende sexualisierter Gewalt in Ländern auf der ganzen Welt.

Ich war gerade erst in Moldawien, dort ist sexuelle Gewalt immer noch ein riesiges Tabu. Niemand spricht darüber, nicht einmal in Interviews wurde das Wort "Vergewaltigung" ausgesprochen. Den Opfern wird immer die Schuld gegeben. Viele wissen gar nicht, wohin sie sich nach einer Gewalterfahrung wenden können. Ich habe mit sehr jungen Betroffene gesprochen, viele sind erst zwischen 15 und 18 Jahre alt. Ein Mädchen hat einen Blog gestartet, innerhalb einer Woche haben sich sechs weitere Überlebende bei ihr gemeldet und sie konnte ihnen wiederum weiterhelfen.

Du setzt also Impulse für andere Betroffene.

Das ist der Punkt! Natürlich ist es wichtig, in einen Dialog zu treten und das Thema greifbarer zu machen, aber am Ende geht es darum, Betroffene zu empowern. Innerhalb einer einzigen Woche so eine Veränderung anzustoßen, mitzuerleben, wie eine junge Frau Mut und Selbstbewusstsein aufbaut und sofort an andere weitergibt, das sind die Momente, in denen ich weiß: "Wow, genau deshalb mache ich das." Heute ist also ein guter Tag für mich.

Das klingt, als würdest du ein kleines Grassroot-Movement starten.

Meine Arbeit lässt sich schwer in Zahlen messen. Leider leben wir in einer Welt, in der alles messbar sein muss. Das macht auch die Finanzierung schwieriger, noch dazu ist das Thema so stigmatisiert.

Nach Moldawien habe ich nachgerechnet: Wenn ich in jedem Land nur eine einzige Person inspiriere und die weitere Menschen inspiriert – dann habe ich schon 15.000 Mädchen erreicht. Unglaublich!

Deine eigene Geschichte ist dramatisch, du wärst fast gestorben und warst auch mit Victim Blaming konfrontiert. Wie hast du diese Zeit erlebt?

Es war hart. Plötzlich sollst du beweisen, dass du diese schreckliche Tat nicht selbst herausgefordert hast. Du weißt nicht, wem du vertrauen kannst. Das gilt auch für medizinisches Personal.

Die Frauenhelpline gegen Gewalt bietet rund um die Uhr und anonym gratis telefonische Erst- und Krisenberatung für Frauen, Kinder und Jugendliche, die von Gewalt betrof­fen sind: 0800/222 555.

Die Zeit nach der Vergewaltigung war ein weiteres Trauma für mich. Wegen meiner Verletzungen musste ich in ein auf HIV spezialisiertes Krankenhaus. Ende der 90er war das Stigma um AIDS noch größer als heute, Erkrankte wurden entweder als Homosexuelle oder Sexarbeiterinnen gesehen. Ich bin kein Mann, also nahmen alle im Krankenhaus an, dass ich eine Prostituierte sei. Für mich gibt es an Prostitution nichts auszusetzen, aber das medizinische Personal hat mich herabwürdigend behandelt. Ich musste mich hinstellen und sagen: "Ich bin keine Prosituierte. Ich wurde in den Straßen von Paris vergewaltigt." Das macht mich bis heute fassungslos. Ich bin aber nicht mehr wütend. Das Problem ist das System, in dem wir leben. Es hat versagt und wir müssen es ändern.

Wie reagieren die Menschen auf dein Projekt? Gibt es auch negative Kritik oder Hasskommentare?

Ich bin sehr pazifistisch und versuche, niemandem die Schuld zu geben. Die patriarchale Gesellschaft ist das Grundübel. Viele junge Männer wollen sich ändern, sie wissen nur nicht wie - und niemand bringt es ihnen bei. Für sie ist es oft einfacher, so zu sein, wie alle anderen. Ich versuche, Mitgefühl zu haben und auch diese Umstände zu verstehen. Das dringt durch, deswegen werden die Leute nicht so wütend.

Nach medialen Berichten gibt es online dennoch viele "Pro-Rape"-Kommentare. Ich versuche, das als Grundlage für einen Dialog zu sehen: Wenn du nicht weißt, wieviele Menschen in deiner Gesellschaft tatsächlich glauben, dass Vergewaltigungen ihr gutes Recht seien – wie sollst du dann mit dem Problem umgehen? Wir müssen das Verhalten verstehen, um es verändern zu können.

Hat sich die Wahrnehmung von sexueller Gewalt in den letzten zwanzig Jahren verändert?

Es ist ein Auf-und-Ab. Als HIV ein großes Thema war, haben wir als Gesellschaft auch plötzlich mehr über sexuelle Gewalt gesprochen. Menschen flüchten sich aber sehr schnell wieder in das Tabu. Viele glauben immer noch, dass es bei sexualisierter Gewalt um Sex geht. Es geht nicht um Sex. Es geht um Macht und Machtmissbrauch.

In den letzten drei Jahren hat sich viel getan. Sexuelle Gewalt ist ein globales Problem, wir haben nur nicht darüber gesprochen. Durch#MeToo tun wir das jetzt.

Das Problem ist das System, in dem wir leben. Es hat versagt und wir müssen es ändern.

von Claire McFarlane

Du sagst, deine Art über sexualisierte Gewalt zu sprechen sei ungewöhnlich. Wie meinst du das?

Mein Vergewaltiger wurde zehn Jahre nach der Vergewaltigung gefasst. In Frankreich hast du als Opfer keine Wahl: Willst du Gerechtigkeit, musst du klagen, sonst kommt der Täter ungestraft davon. Das bedeutet Schmerz und eine Retraumatisierung.

Um damit klarzukommen, hab ich angefangen zu laufen. Sport kann sehr heilsam sein. Er stärkt den Körper und schafft eine überraschend gute Atmosphäre zum Reden. Gerade bei Themen wie sexualisierter Gewalt müssen wir die Umstände angenehmer gestalten. Betroffene laufen mit mir und können über ihre Erlebnisse reden, müssen aber nicht. Manchmal geht es auch nur um die Solidarität in einem Safe Space. Es schadet auch nicht, dass man sich während des Gesprächs nicht anschauen muss. Wir laufen ja nebeneinander her.

Wie in einer klassischen Psychoanalyse.

Ja! Menschen geben so oft mehr von sich preis, als sie selbst geahnt hätten. Es gibt aber keinen Druck und wenn sie sich doch unwohl fühlen, können sie weglaufen. (Sie lächelt.)

Die Nähe zum Wasser hat zusätzlich eine therapeutische Wirkung. Ich werde oft gefragt:“Warum sehen die Leute bei deinen Läufen so glücklich aus? Es ist so ein schwieriges Thema, warum sind sie glücklich?" Dabei müssen wir nicht unglücklich sein, um über sexualisierte Gewalt reden zu können. Wir brechen mit Klischees und darin liegt die Macht dessen, was wir hier gemeinsam tun.

Du läufst nicht nur, du beschäftigst dich in jedem Land mit der spezifischen Situation für Betroffene von sexualisierter Gewalt, triffst dich mit Organisationen und Betroffenen. Hat dich ein Land besonders beeindruckt?

Gerade Länder, an die ich keine großen Erwartungen hatte, haben mich oft überrascht. Das Ersthilfe-System in Malaysien ist etwa großartig. Jedes Krankenhaus ist ein "One-Step-Crisis-Center": Ein Safe Space für Opfer von sexualisierter oder häuslicher Gewalt, egal welches Gender. Am Eingang benutzt das Personal Farbcodes, damit alle MitarbeiterInnen über die Situation Bescheid wissen. Betroffene müssen ihre Geschichte so nur zweimal erzählen. Eine ausgebildete Pflegekraft macht die Erstuntersuchung und alle SpezialistInnen, bis hin zur Polizei, kommen dann zur PatientIn. So werden zusätzliche Traumata verhindert.

Das ist rücksichtsvoll und gleichzeitig so einfach.

Das System orientiert sich an den Empfehlungen der WHO. Meine eigene Erfahrung wäre so auch weniger schrecklich gewesen. Ich musste fünf Stunden in der Notaufnahme warten, in einer feindseligen Umgebung. Allein das Gefühl zu haben, dass sich die Menschen um dich kümmern, sich um dich sorgen und dich ernst nehmen, ist viel wert.

Wir müssen nicht unglücklich sein, um über sexualisierte Gewalt reden zu können.

von Claire McFarlane

Die Länder können also durchaus voneinander lernen?

Absolut, aber wir müssen unsere Vorurteile begraben. Viele gute Praxen kommen aus Ländern, die der Westen gar nicht beachtet. Namibia hat das beste Gesetz gegen sexualisierte Gewalt! Es ist zwar nicht unbedingt gut implementiert, aber der Geltungsbereich ist sehr umfassend. Das Gesetz schließt etwa auch Erpressung ein, was gerade in der Sportindustrie oder am Arbeitsmarkt ein Riesenthema ist.

Es berücksichtig also die Machtkomponente in sexualisierter Gewalt?

Ja, genau! Es basiert auf der Annahme, dass Betroffene in solchen Situationen gar keine Zustimmung geben können. Wenn in Europa ein Trainer sagen würde „Du fährst nicht zu den Olympischen Spielen, wenn du nicht mit mir schläfst“, werden sich einige Opfer fügen. In Namibia zählt das als Vergewaltigung. Hier würden die Gerichte sagen, das Opfer hätte doch zugestimmt.

Welche Länder haben dich negativ überrascht?

Von den europäischen Ländern, besonders den westeuropäischen, hätte ich mir viel mehr erwartet. Die Strukturen sind wirklich vorsintflutlich. Die Schweiz hat eines der schlechtesten Gesetze, das ich kenne. Die Definition von Vergewaltigung ist quasi „Penis in Vagina plus beweisbare Verletzung“. Das schließt extrem viele Betroffene aus. Sie haben kaum Zugang zu Hilfeleistungen und keine Chance auf Gerechtigkeit.

Ein anderes Negativbeispiel ist Bali. Dort gibt es keinerlei Systeme oder Unterstützung für Opfer. Nichts. Und die meisten Mädchen werden gezwungen, ihre Vergewaltiger zu heiraten.

Welche Probleme gibt es in jedem der Länder, die du bis jetzt besucht hast?

Die globalen Probleme sind die Rape Culture und das Victim Blaming. Wir fragen immer noch das Opfer: "Was hast du getan?", anstatt den Täter zu fragen: "Warum hast du das getan? Warum hast du diese Person missbraucht?" Das muss sich ändern, darauf läuft letztlich alles hinaus. Im Moment ist die Welt kein Safe Space für Opfer von sexualisierter Gewalt.

Sexualisierte Gewalt beeinträchtigt Menschen, egal welche Sprache sie sprechen oder welche Religion sie haben.

von Claire McFarlane

Wie können wir die Welt zu einem Safe Space machen?

Überlebende müssen wissen, dass ihr Gewalttäter nicht ewig Macht über sie haben wird. Regierungen müssen Präventationsarbeit leisten und ausreichend Unterstützungs- und Hilfsangebote etablieren, das ist nicht mal teuer. Es gibt weltweit so viele Best-Practice-Beispiele, kulturelle Unterschiede spielen dabei keine Rolle. Sexualisierte Gewalt beeinträchtigt Menschen, egal welche Sprache sie sprechen oder welche Religion sie haben. Regierungen könnten das Stigma wohl tatsächlich über Nacht beenden, wenn sie sexualisierte Gewalt als globales Gesundheitsthema anerkennen und bekämpfen.

Warum machen sie es trotzdem nicht?

Regierungen rechnen in Geld, nicht in sozialen Faktoren. Dabei ist es volkswirtschaftlich absolut schädlich, sexualisierte Gewalt zu ignorieren und nicht ausreichend zu bekämpfen, besonders wenn es um sexualisierte Gewalt gegen Kinder geht. Traumata sind wirtschaftsschädigend.

Ein Argument, das auch konservative Regierungen ansprechen sollte.

Es ist eine schreckliche Argumentationskette, aber wenn es bedeutet, dass wir wichtige Strukturen bekommen, dann rechtfertigt der Zweck wohl die Mittel. Regierungen müssen die finanzielle und rechtliche Grundlage schaffen, um die soziale Komponente können sich NGOs kümmern.

Trotzdem haben wir es als Gesellschaft bis jetzt noch nicht geschafft. Warum?

Das ist die Frage, die ich versuche zu beantworten. Ich glaube, es liegt daran, dass wir sexualisierte Gewalt immer noch als Sex sehen und nicht als den Machtmissbrauch, der es ist. Das führt dazu, dass wir nur schwer darüber sprechen können, weil unser Sexleben als Privatsache angesehen wird. Es ist den Menschen unangenehm. Deshalb ist genau das wichtig, was wir hier tun: uns zusammentun und darüber sprechen. Nur so brechen wir das Tabu.

Claire McFarlane - Footsteps to Inspire

Footsteps to Inspire

Claire beschäftigt sich seit drei Jahren mit der Situation für Betroffene von sexualisierter Gewalt auf der ganzen Welt. Ihre Geschichte teilt sie auf Instagram, Facebook und ihrer Crowdfunding-Seite.

 

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