Die Universität der zwei Geschlechter

Die Universität ist nicht für alle ein Ort, an dem sie sich frei und sicher fühlen. Die trans Frau Madeleine hat uns ihre Vision der idealen Uni erzählt, in der trans, intergeschlechtliche und nicht-binäre Menschen respektiert werden.

Eine Universität ist ein Ort, an dem Menschen visionär denken, an dem sie Zukunftskonzepte entwickeln, an dem das Wissen vieler Jahrtausende weitergegeben wird. Und sie ist ein Ort, an dem alle die gleichen Chancen haben sollten.

Nicht alle Menschen finden auf der Universität ihren Platz


Leider ist das nicht für alle Studierenden der Fall. Menschen, die sich nicht mit dem zugewiesenen Geschlecht identifizieren können, die Geschlechtsmerkmale (chromosomal, anatomisch und/oder hormonell) besitzen, die nicht den „klassischen Idealen“ eines rein männlichen oder weiblichen Körpers entsprechen oder die sich nicht als Mann oder Frau wahrnehmen - für sie gibt es selbst auf der Uni keine Identität und keinen Platz. Denn trans Personen oder inter und nichtbinäre Personen haben dort mit Vorurteilen und Diskriminierungen zu kämpfen. "Unsere Anliegen wurden einfach immer totgeschwiegen und ignoriert", sagt etwa Madeleine. Sie ist eine trans Frau und studiert seit fünf Jahren an der Universität Wien. Während des Studiums begann sie mit einer geschlechtsangleichenden Therapie.

"Das war für mich persönlich sehr anstrengend und ist geprägt gewesen von Unsicherheiten und den Fragen, wie mich die Menschen wahrnehmen und ob ich akzeptiert werde", erzählt sie. "Man erlebt nicht immer schöne Dinge in dieser Zeit." Eine Zeit, die für Madeleine von Zweifeln und fragenden Blicken begleitet war. Und davon, dass Menschen sie immer wieder in ein Geschlecht pressen wollten. Etwa wenn bei Prüfungen der falsche Name vorgelesen wurde und sie dadurch ein "Zwangs-Outing" erfuhr, weil da eine Frau stand, die während ihrer Übergangsphase noch einen Männernamen hatte.

"In vielen Fällen wissen die Menschen nicht, was sie uns mit diesen Dingen antun"


Sätze, die sie oft gehört hat, sind zum Beispiel: "So nenn ich dich erst nach der OP" oder "Kann ich das jetzt durchstreichen und daneben den neuen Namen hinschreiben?". Auch aus der Toilette wurde sie aufgrund ihrer tiefen Stimme bereits verjagt. "In vielen Fällen wissen die Menschen nicht, was sie uns mit diesen Dingen antun, und meinen es vielleicht gar nicht böse. Es besteht zu wenig Bewusstsein über die Thematik." Die Uni-Bürokratie machte es ihr zusätzlich schwer: "Viel Papierkram, viel mühsame Kommunikation. Viele Scherereien und dauerndes Nachlaufen."

Deshalb engagiert sich Madeleine jetzt für die Rechte von trans, inter und nicht-binären Menschen an Hochschulen. Ein Engagement, das ihr und vielen anderen Kraft gibt. Ausgehend von der Initiative smash the gender binary, die von Studierenden der Akademie der Bildenden Künste Wien im Herbst 2015 angeregt worden war, gründete sich das Projekt NaGeh. "Denn viele akzeptieren noch immer nicht, dass es nicht nur zwei Geschlechter gibt, und machen das Thema zu einer ideologischen Frage, die es gar nicht ist", sagt Madeleine. Sie selbst musste Strategien entwickeln, um sich zu schützen. "Wenn ich nicht gerade mein Trans-Sein mit allen möglichen Mitteln verberge, kann die Uni ein ziemlich nervenaufreibender Ort sein", sagt sie. "Mit dem Trans-Sein offen umzugehen ist nicht immer die beste Entscheidung, obwohl ich das anfangs gedacht habe. Schade eigentlich."

Personalschulungen, Unisex-Toiletten und Ansprachen ohne Geschlecht


Dabei wäre es nicht so schwer, ihr und anderen Betroffenen mehr Aufmerksamkeit zu geben. Einfache Maßnahmen wie Sensibilisierung wären ein wichtiger Schritt, um der strukturellen Diskriminierung entgegenzuwirken. Personalschulungen, Unisex-Toiletten und Ansprachen ohne Geschlecht, mit dem Identitäts-und nicht dem Geburtsnamen, wären schnell umsetzbar. Eine weitere Idee wären Richtlinien und Denkanstöße, wie mit trans, inter und nicht-binären Personen respektvoll umgegangen werden soll. Im Grunde aber: "Endlich damit zu beginnen, ein Bewusstsein zu schaffen", sagt Madeleine kämpferisch.

Denn nicht zuletzt wären solche Maßnahmen für die gesamte Gesellschaft wichtig, meint sie. "Unter den Normierungen, der Binarität, dem zwanghaften Aufrechterhalten zweier Geschlechter leiden schließlich ganz viele Menschen. Das ist ein Thema, das uns alle angeht und uns leider auch alle einschränkt."

»SENSIBILISIERUNG. "Wir stehen einerseits den Studierenden mit einer Ombudsstelle bei konkreten Anliegen zur Seite und leisten andererseits wichtige Sensibilisierungsarbeit in diesen Bereichen." »PREIS. "Wir haben den Staatspreis Diversitas ins Leben gerufen, um herausragende Persönlichkeiten und Leistungen an den Hochschulen zu würdigen und vor den Vorhang zu holen." »MASSNAHMEN. "Mit einer entsprechenden Gesetzesnovelle haben wir 2015 konkrete legistische Maßnahmen gegen Diskriminierungen jeglicher Form an den Hochschulen gesetzt, und diesen Weg werden wir weitergehen."

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