Die Ungewöhnliche

Tritt Helena Bonham Carter auf die Straße, wird getuschelt. Über ihre Haare, ihr Haus und ihre bessere Hälfte, Regisseur Tim Burton. Die Britin beugt sich nicht dem Hollywood-Diktat – weder in Stilfragen noch in der Rollenauswahl. Und profitiert auf der ganzen Linie vom Anderssein. So hat die 44-Jährige keine Angst, altersbedingt ausrangiert zu werden, sondern gilt als Anwärterin für den Oscar.

Belsize Park, nordwestlich von London. In der ruhigen Nobelwohngegend reihen sich Alleen mit herrschaftlichen Häusern in gepflegten Gärten aneinander. Hinter videoüberwachten Toren wohnen Stars wie Gwyneth Paltrow, Jude Law oder Kate Moss. Genau dort steht hinter hohen Hecken ein geheimnisvolles Gebäude. Kaum zu sehen, dafür hört man umso mehr: Es seien zwei Häuser, die mit einem unterirdischen Geheimgang verbunden sind, der von Kerzen beleuchtet und von Fledermäusen bewohnt wird. Und darin sollen sich Skelette und anderer Gruselplunder stapeln.

Die Ungewöhnliche: Helena Bonham Carter

Gerüchte und Geschnarche.
Belustigt darüber sind die Bewohner der sagenumwobenen Bleibe: die britische Schauspielerin Helena Bonham Carter und ihr Lebenspartner, der US-Regisseur Tim Burton. „Die Mythen kommen sicher daher, weil ich mit Tim liiert bin. Zusammen schauen wir so seltsam aus, dass alle denken, wir leben in absurdesten Verhältnissen." So absurd, dass es schon mal heißt, Burton-Bonhams Kinder, Tochter Nell (3) und Sohn Billy Ray (7), leben in einem dritten Haus nebenan - alleine. Mit den Gerüchten aufräumen? Die 44-Jährige denkt nicht daran. Der Wind, der um den weiß getünchten Wohnkomplex gemacht wird, scheint ihr zu gefallen. Denn der Grund, warum sich beide ein Heim mit zwei eigenen Bereichen teilen, ist ganz banal: „Ich brauche in der Nacht Ruhe, Tim aber schnarcht oder ist schlaflos und schaut fern."


Das Spinner-Paar.

Bonham redet selten über das normale Familienleben. „Es glaubt uns ja sowieso niemand, dass wir meistens East-Enders (die englische Lindenstraße, Anm. der Red.) schauen und müde sind, weil wir so viel arbeiten." Lieber heizt sie die Gerüchteküche an. Als Burtons Alice im Wunderland mit ihr in der Rolle als Herzkönigin 2010 in die Kinos kam, sprach sie von ihrer Schlüsselsammlung oder ihrer Liebe zu kleinen Türen, die sie im Garten aufstellen will. Oder als sie kürzlich in Harry Potter und die Heiligtümer des Todes erneut die böse Hexe Bellatrix Lestrange spielte, davon, dass Burton und sie Gebisse sammeln, Schränke voll mit falschen Zähnen haben.

Aber nicht nur deshalb wird das Paar, das schon bei Planet der Affen, Big Fish, Sweeney Todd, Charlie und die Schokoladenfabrik zusammenar¬beitete, als „Bonkers" (deutsch: die Spinner) bezeichnet. Sondern auch, weil beide modisch aus der Hollywood-Reihe tanzen, mit „Vogelnest-Frisuren" und im „Grufti-Look" über rote Teppiche schreiten und die Worst-dressed-Listen anführen.

In Unterhosen
Helenas Antwort auf die harsche Stilkritik? Ein eigenes Modelabel. Unter The Pantaloonies vertreibt sie seit 2006 Federhüte sowie lange Damen-Unterhosen mit Spitze. Ihre Kleidung, so sagt sie, sei Gegenpol zu ihrer niedlichen Vergangenheit.

Das Historiendrama mit Colin Firth und Helena Bonham Carter (Bild rechts) startet am 17. 2. im Kino.

Rede-Stoff! Der britische Historienfilm von Regisseur Tom Hooper gilt als heißer Oscar-Anwärter (Verleihung am 27. 2.).

Colin Firth spielt den unter Stotteranfällen leidenden King George VI., Vater der heutigen Königin Elizabeth II. Helena Bonham Carter, seine königliche Gemahlin, und Sprachtherapeut Lionel (Geoffre Rush) bemühen sich gemeinsam um des Königs Sprachkompetenz. Die Hauptdarsteller gelten ebenfalls als Oscar-Kandidaten.

Blaublütig und introvertiert
Helena Bonham Carter wächst als Tochter aus gutem Hause in Golder Green auf, einer Nobelgegend von London. Mutter Psychotherapeutin, Vater Bankier. Im blaublütigen Stamm-baum stehen Barone, Diplomaten, Premierminister. Eine privilegierte Kindheit, von außen betrachtet. Von innen sah es anders aus: Als Helena fünf ist, erleidet ihre Mutter einen Nervenzusammenbruch, erholt sich jahrelang nicht. Vier Jahre später hat ihr Vater einen Schlaganfall und sitzt seitdem im Rollstuhl. Das introvertierte Mädchen träumt davon, aus ihrer Welt auszubrechen. Mit 13 Jahren gewinnt sie einen Schreibwettbewerb und kauft sich vom Preisgeld bei einer Casting-Agentur ein. Drei Jahre später folgen die ersten kleinen TV-Rollen.


Neues Image
Bald darauf feiert sie mit romantischen Kostümfilmen wie Zimmer mit Aussicht oder Wiedersehen in Howards End den Durchbruch. „Ich hasste mein Image der prüden Lady im Korsett." Sie datete Schauspieler wie Steve Martin, war jahrelang mit Kenneth Branagh liiert, ohne mit ihm zusammenzuleben. „Ich wohnte bis 30 bei meinen Eltern. Und dachte mir: Ach, wenn doch Mr. Right nebenan einziehen würde!"

Das tat dann Jahre später Tim Burton, den sie 2001 beim Dreh von Planet der Affen kennen lernte. Seitdem wird ihre Karriere in zwei Epochen unterteilt: die Vor-Burton- und die Burton-Ära. Die der lieblichen Rüschenkleid-Filme und die der dunklen Fantasy-Figuren.

Dass sie seither keine Schönheiten spielte, sondern meist wahnwitzige Charaktere verkörpert, betrachtet sie heute als geglückte Altersvorsorge. Denn Bonham Carter ist eine der wenigen Schauspielerinnen, die mehr Rollenangebote bekommen, je älter sie werden. „Weil ich nie ein Sexsymbol war, kann ich nun in Ruhe altern."

Auch wenn sie manchmal fast beleidigt ist darüber, welche Filmfiguren ihr Liebster für sie vorsieht - wie zuletzt die Herzkönigin. „Ich bekam einen Riesenkopf und musste ständig schreien. Klar, dass er mich nicht adrett ausschauen lässt. Aber als ich nach Drehschluss keine Stimme mehr hatte, wusste ich, warum er mich wählte - damit er daheim seine Ruhe hat."

Redekunst
Vielleicht ist es nun ihre Revanche, dass sie die Rolle als Queen Elizabeth in The King's Speech
(Kinostart: 17. 2.) von Regisseur Tom Hooper annahm: die adrette Aristokratin, die ihren stotternden Mann (Colin Firth) verbal unterm Pantoffel hat, und für die ihr Chancen auf den Oscar prophezeit werden. Wenn sie die Statue mit nach Hause nehmen sollte, steht die dann bestimmt zwischen Skeletten, Gebissen und Fledermäusen ...

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