Die überinformierte Mutter

Stillberaterin, Schlafcoach und Parenting Classes: Eigentlich müssten es Mütter von heute so einfach haben. Doch die Wahrheit ist: Wir sind verwirrter und gestresster denn je.

Jelena Kolumne September

Wissen ist Macht, oder? Big Confession: Ich werde von den ganzen Meinungen, Forschungen und Richtlinien zu Elternschaft buchstäblich ohnmächtig. Sound so viele Wörter sollte ein Kind mit 20 Monaten sprechen - wenn nicht, gleich ab zum Sprachtraining! Zeige deinem Kind Wertschätzung - aber ja nicht zu viel loben, denn das zerstört des Kindes Selbstwert und es wird als Erwachsener ein "People Pleaser"!

Da ist das Top-Thema Ernährung jetzt noch nicht einmal dabei - dabei ist doch ganz klar: Wenn man es in den ersten paar Jahren verscheißt, haben die Kinder für immer und ewig ein zutiefst gestörtes Verhältnis zu Essen. Aaaaah! Meine Conclusio: Wir Millennial-Moms wissen zu viel.

CHILL MAL

Vielleicht irre ich mich, aber ich glaube, das war früher anders. Während mein Kleiner mit White Noise Machine, Lieblingskuscheltier und nur in seinem Bett schläft, habe ich folgende Kindheitserinnerung im Kopf: Es sind die 1990er, wir sind auf einer Hochzeit, ich liege auf zwei Stühlen, und während ein paar Meter von mir weg irrsinnig laute Blasmusik dröhnt, döse ich langsam weg -so wie alle anderen Kinder auf dieser Feier auch.

Was ich mich die ersten Monate gestresst habe mit diesem Schlafthema! Natürlich frage ich mich jetzt, ob ich das gechillter hätte angehen sollen, aber es war doch so wichtig, auf seine Bedürfnisse, seine Schlaffenster und seine Müdigkeitsanzeichen zu achten, oder? Zumindest haben das alle Ratgeber und Insta-Moms gesagt. Vielleicht habe ich auch zu viel amerikanischen Content konsumiert und bin in die nie enden wollende Optimierungsfalle getappt.

"Eine Mutter weiß, was das Beste für ihr Kind ist" - wirklich? Weiß sie das? Denn wie, bitte, sollen Intuition und Mutterinstinkt zum Vorschein kommen, wenn man von allen Seiten mit Infos bombardiert wird? Ich dachte, ich werde die coolste Mutter ever, doch Tatsache ist: Ich habe mich bei jeder Kleinigkeit hundertfach hinterfragt und mich, salopp gesagt, angeschissen. Um diese Verunsicherung zu überspielen, habe ich mehr recherchiert - und mit jeder weiteren Info war ich noch verwirrter als zuvor. Was mir noch aufgefallen ist: Die, die wirklich mehr reflektieren sollten, lesen genau goa nix, und die, die eh schon überdrüber geben, zermartern sich bei jedem Satz den Kopf, ob sie jetzt eh keinen Serienmörder erziehen.

BALANCE, BABY

Nach gut zwei Jahren glaube ich nun zu wissen, wie ich die Datenflut zu meinen Gunsten nutzen kann, um als Mama zu wachsen und nicht paranoid zu werden: Anstatt jeden Furz extensiv zu recherchieren (vielleicht ist das ja eine journalistische Berufskrankheit), priorisiere ich mein Gefühl. Ich bin dankbar für all das Wissen und die Tools, die unsere Eltern und Großeltern nicht hatten, aber nun frage ich mich bei jeder neuen Info: Bringt sie mich meinem Kind näher oder führt sie dazu, dass ich es "fixen" will? Connection before Correction!

 

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