Die Schuldfrage: Hat Opfer-Sein mit Kirche zu tun?

Frauen als Opfer von Gewalt: Dieses Phänomen ist so alt wie die Menschheit selbst. Aber warum hält sich die Stigmatisierung der Opfer so hart­näckig? Haben Religion, Glaube und auch die Institutionen der Kirchen etwas damit zu tun? Das haben wir bei der Wiener Theologin Sigrid Müller nachgefragt.

Laut Weltbank wird ­mindestens eine von drei Frauen im Laufe ihres Lebens geschlagen, vergewaltigt oder ist auf andere Weise Gewalt ausgesetzt. Am Lehrstuhl für Moraltheologie der Uni Wien beschäftigt man sich seit Jahren mit diesem gesellschaftlichen Problem. Im Interview ­erklärt die Leiterin Sigrid Müller, inwiefern die Bibel zur Lösung beitragen kann und warum Papst Franziskus trotzdem kein Feminist werden wird.

WIENERIN: Welche Verbindung gibt es zwischen Religion und Gewalt gegen ­Frauen?

Sigrid Müller: ­Viele Jahrhunderte lang war die kirchliche Lehre vom sogenannten Naturrecht geprägt. Gemeint ist die Annahme, dass Gott durch die Schöpfung eine Ordnung geschaffen hat, die man genau erkennen kann und befolgen muss. Zu ­dieser Ordnung zählen auch die körperliche Stärke und Überlegenheit des Mannes. Auch die Vernunft schrieb man dem Mann zu, was wiederum ­legitimierte, dass nur er über die Art und Weise des Zusammenlebens bestimmen durfte.

Steht diese „göttliche Ordnung“ irgendwo geschrieben, zum Beispiel in der Bibel? 

Nein, eben nicht. Das ist genau der Punkt. Die Kirche hat damals nicht biblisch argumentiert. Diese Rollenbilder wurden eigentlich von Philosophen in der Antike geprägt.

Dann steht auch nirgendwo in der Bibel, dass die Frau dem Mann gegenüber gehorsam zu sein hat? 

Geistliche haben Analogien aus der Bibel entsprechend ausgelegt. Aus heutiger wissenschaftlicher Sicht wurde mit der Bibel unsachgemäß ­umgegangen. 

Fake News – gepredigt von der Kanzel herab? 

Nicht unbedingt, denn die Bibelstellen waren ja da. Doch genauso waren auch Bibelstellen da, die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern thematisieren. Doch die wurden unter den Teppich gekehrt. Man hat die Bibel instrumentalisiert, um gesellschaftliche, politische und kirchliche Interessen zu legitimieren.

Ist das bis heute so?

In der Zwischenzeit hat sich eine sehr differenzierte Bibelwissenschaft entwickelt, die ein solches Vorgehen kritisch hinterfragt. Nach heutiger Sicht ist vieles, was früher gepredigt wurde, gegen Gottes Willen. 

Vertuschte Missbrauchsfälle, Anti-Verhütungsmittel-Kampagnen, homophobe Statements – die katholische Kirche hat nicht unbedingt den Ruf, sich zu modernisieren – im Gegenteil.

Keine Frage, die na­tur­rechtliche Verengung wirkt noch nach. Hier zeigt sich auch der Unterschied zwischen Theologie und Kirche: Die Theologie bearbeitet die aktuelle Zeit, entwirft neue Sichtweisen und Ideen. Und die Kirche als weltweite Institution braucht manchmal viel länger, um diese Entwicklungen nachzuvollziehen.

In der katholischen Kirche haben vor allem Männer das Sagen. Ist das der Grund, warum sie sich so sehr an die ­traditionelle Rollen­vorstellung klammert?

Es spielt sicher eine Rolle, dass die Erfahrungen von Frauen zu ­wenig gehört werden. Papst Franziskus hat mittler­weile begonnen, mehr Frauen in Gremien zu berufen. In „Amoris laetitia“ – einer seiner jüngsten Schriften – schreibt er sogar, dass es Männern nicht schadet, wenn sie im Haushalt mit ­anpacken.

Bibelstellen über Gleich­berechtigung wurden unter den Teppich gekehrt.

Sigrid Müller, Moraltheologin

Ist Franziskus ein Feminist?

Nein. So weit würde ich nicht gehen. Dafür steht ihm seine lateinamerikanische, kulturelle Herkunft zu sehr im Weg. 

Zurück zu Frauen, die Opfer von Gewalt werden. Welche Antworten hat die moderne Theo­logie darauf?

Im Bericht über die Schöpfung und das Paradies wird eine gewaltfreie Zone beschrieben. Dort gibt es keine Gewalt, auch nicht gegen Tiere. Die Menschen sind ­Vegetarier. Unsere Gesellschaft ist allerdings kein Paradies. Es sind Gewaltstrukturen vorhanden. Wenn wir darüber reden, dass sich die Rolle der Frau massiv verändert hat bzw. verändern soll, müssen wir auch darüber reden, dass sich die ­Rolle des Mannes verändern muss. Folgende Frage ist zu klären: Wie kann ein Mann ein Mann sein, ohne sich über seine körperliche Überlegenheit zu definieren? 

Und wie schafft „Mann“ das?

Die eigentliche christliche Botschaft lautet, dass das Wohl für alle an oberster Stelle steht. Körperliche Überlegenheit kann dementsprechend auch positiv eingesetzt werden, etwa, um Schwächere zu beschützen, und nicht als Unterdrückungsmittel.

Sigrid Müller ist Universitätsprofessorin für Moraltheologie an der Uni Wien und Mitglied in der Europäischen Gesellschaft für theologische Forschung von Frauen.

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