Die schöne Seite von Demenz

Demenz und Alzheimer - das sind Krankheiten, die als absolute Schreckgespenster gelten. Zu unrecht, findet WIENERIN-Autorin Ursula Neubauer. Die Zeit mit ihrer dementen Oma hatte nämlich viele schöne Seiten

"Wie alt bist du noch einmal?“ „33, Oma.“ „Was? So alt schon?“ Dieses Spiel haben wir oft gespielt. An Zahlen, meinen Beruf, manchmal meinen Namen konnte sich meine demente Oma nur selten erinnern, wenn ich sie besucht habe. Ihr eigenes (hohes) Alter hat sie meistens noch mehr überrascht. ­Viele Jahre lang lebte sie in ihrer eigenen Welt, bevor sie im Alter von 98 ganz ruhig gegangen ist.

Demenz heißt in einer eigenen Welt zu leben

In ihrer Welt ging es meiner Oma total gut. Kein Hadern, dass sie nicht mehr alleine zu Hause leben konnte. Kein Missmut. Ganz viel Dankbarkeit und Liebe waren da. Sie konnte sich zwar an vieles nicht erinnern, aber sich an kleinen Dingen freuen, wenn wir mit ihr spazieren waren – an blühenden Bäumen, der vorbeistreunenden Katze. Sie war happy und fühlte sich wie im Hotel, weil sie nicht mehr selber kochen brauchte, sondern andere alles für sie gemacht haben. Und sie war schnell zu begeistern, wenn wir ihr ihre Lieblingsschokolade – Schokoschirmchen – gebracht haben.

Demenz muss nicht schrecklich sein

Wenn ich von ihrer Krankheit erzählt habe, hieß es oft: „Auweh, ihr Armen.“ Oder: „Um Gottes Willen, das ist ja schrecklich.“ Und ich musste oder konnte entgegnen: „Nein, es ist überhaupt nicht schrecklich.“ Wir hatten eine schöne Zeit mit unserer dementen Oma. Jedenfalls ab dem Zeitpunkt, wo wir uns an die Situation gewöhnt hatten – sich damit zu arrangieren, dauert natürlich schon ein bisserl.

"Demenz hat nicht lustig zu sein!"

Irgendwann hab ich sogar Anekdoten über sie erzählt – und die sind meistens nicht so gut angekommen. Über so eine Krankheit macht man sich nämlich gefälligst nicht lustig. Es war aber lustig! Wir hatten oft einen irrsinnigen Spaß mit meiner Oma. Haben viel gemeinsam gelacht. Zum Beispiel, als wir miteinander Zeitschriften durchgeblättert haben, sie auf Prinz William zeigte und sagte: „Den kenn ich, der ist aus dem Nachbarort!“ Manchmal hat sie auch von früher erzählt, dann waren wir gedanklich gemeinsam an ihrer alten Arbeitsstelle, wo sie Kollegen Streiche gespielt hatte, oder bei Tanzfesten. Und die eine oder andere Lebensweisheit brachte sie dann auch immer an: „Bist du verheiratet?“ „Nein, Oma.“ „Is eh gscheiter, musst dich nicht so viel ärgern.“

Wir hatten jetzt einfach eine andere Beziehung

Wenn der Verstand und das Gedächtnis allmählich wegbrechen, bleibt noch das Gefühl. Und das ist eigentlich wirklich viel. Ich weiß gar nicht mehr, wie oft sie gesagt hat, wie hübsch meine Schwester und ich seien. Wie stolz sie auf uns sei. Bei jedem Besuch wurden wir mit einem „Ich freu mich so, dass ihr da seid!“ begrüßt, und es war keine Sekunde ironisch oder als Vorwurf gemeint. Ganz oft hat sie während eines Gesprächs aufgeschaut, meine Hand genommen und gesagt: „Ich hab euch ja so gern!“ Oder: „Bin ich froh, dass ich euch hab!“ Wahrscheinlich hat sie es aufgrund der Krankheit öfter gesagt, als sie es sonst getan hätte. Ja, die Beziehung zu meiner Oma hatte sich verändert. Aber: Nur weil sie mein Alter nicht wusste oder meinen Namen, sich an Ereignisse nicht erinnern konnte, hatte sie mich nicht weniger lieb. Und ich sie. Wenn das Gefühl alles ist, was bleibt, dann kann das ganz schön viel sein – und mehr als genug.

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