Die Schmuggler-Stadt im neuen Gewand

Marseille hat sich gemausert. Die WIENERIN besuchte die quirlige Metropole, die so viele Gesichter wie Gerüche hat.

Marseille hat sich gemausert. Vom französischen Chicago zum Paris der Provence. Heute gilt die Hafenstadt am Mittelmeer als Umschlagplatz für Design, Düfte und Delikatessen. Die WIENERIN besuchte die quirlige Metropole, die so viele Gesichter wie Gerüche hat.

Text & Fotos Johanna Jenner

Marseille saugt die Welt in sich auf wie ein Schwamm. Sagt die Frau hinter dem Marktstand am Cours Belsunce. Sie deutet lächelnd auf ihr T-Shirt mit der Aufschrift „ 50 % Marseillaise, 50 % d’ailleurs“, was so viel heißt wie „Halb Marseille, halb von woanders“. „Ich komme aus Marokko, lebe seit 20 Jahren in Marseille, das so viele Gesichter hat, wie es hier Gerüche gibt.“ Wie wahr. Kaum ein paar Schritte vom alten Hafen mit den vielen Fisch­restaurants entfernt wird die Geruchs­wolke aus salziger Meeresluft und gegrilltem Fisch mit Knoblauch von anderen Aromen abgelöst, wie den blumigen Düften, die aus den Seifenboutiquen in den Einkaufsstraßen wehen, oder den süßen Vanilleschwaden aus den Patisserien.

Und wieder nur Gassen weiter haben Flanierer den Eindruck, mitten im Morgenland gelandet zu sein. Verschiedenste „Spécialités orientals“ werden feilgeboten und es riecht nach Gewürzen aus fernen Ländern. Spätestens jetzt wird klar, warum die Hafenstadt auch den Namen „Frank­reichs Tor zum Orient“ trägt. In den 111 Stadtvierteln leben 820.000 Menschen, davon viele Immigranten aus arabischen und afrikanischen Ländern. Auf das Schmelztiegelflair sind die Einwohner mittlerweile stolz: Postkarten zieren Andy Warhols Suppendosen mit der Aufschrift „Marseille Melting Pot“ und das multikulturelle Viertel La Plaine wird immer mehr zum In-Bezirk. Frankreichs ­älteste Stadt hat sich gemausert. Vorbei der Kampf gegen Kriminalität und Korruption, Schmuggel und Schiebereien. Vom Schmuddel­image „französisches Chicago“ hat sich die Stadt befreit. Heute zeigt sich Marseille in neuem Gewand: als aufsteigende Mode­stadt – und hat sich als „Paris der Provence“ herausgeputzt.

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Erschnuppern Sie einen Hauch von Marseille – in der August-Ausgabe der WIENERIN.

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Marseille erstreckt sich über 57 Kilometer Küstenlinie und umfasst eine Stadtfläche, die zweimal so groß wie Paris ist.

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Wer früh aufsteht, kann am alten Hafen das bunte Treiben amFischmarkt beobachten.

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Bei der Bootstour um Marseille war die Sicht von WIENERIN-­Redakteurin Johanna Jenner auf die Hafenstadt getrübt.

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