Die Sache „Yasmin“

Warum es nicht genügt, den Text des AMS-Comics zu ändern. Ein Kommentar von WIENERIN-Chefredakteurin Sylvia Margret Steinitz

elesen hat den Comic inzwischen wohl fast jede, jeder. Die Episode „Yasmin" aus der Reihe „Was geht?" des AMS, in der fünf Jugendliche sich Gedanken um ihre Zukunft machen. Yasmin, das Kopftuch tragende muslimische Mädchen mit dem dunklen Teint, träumt in der ersten (inzwischen durch eine neue Fassung ersetzten) Version des Comics davon, Zahnärztin zu werden: „Dann kauf ich mir jeden Tag die neuesten CDs", erklärt sie, während sie mit ihren Freunden im Musikladen nach neuen Hits sucht. Ihre Freunde reden ihr das aus: „Du willst noch über 12 Jahre auf gute Musik warten?", fragt die Kumpanin und zählt auf, was auf Yasmin noch zukäme: „Erst Matura, dann Uni, danach Fachausbildung..." Yasmin ist aus irgendeinem Grund schockiert, als hätte sie noch nie davon gehört, wie lange ein Studium so dauert: „Bis dahin bin ich ja alt und grau! So genau habe ich mir das noch gar nicht überlegt ..." Die unzusammenhängende und reichlich kryptische Antwort eines Kumpels: „Ja, aber Mama und Papa wollen doch stolz auf dich sein!?" Am Ende wird Yasmin dann doch lieber Zahntechnikerin.

2. Version

Der Comic entfachte, was man im Web 2.0 als veritablen Shitstorm bezeichnet: einen Riesenwirbel. Die Vorwürfe reichen von Rassismus über Elitismus bis zu schierer Dummheit. Beim AMS zeigte man sich erst bestürzt, dann einsichtig und textete das Machwerk flugs um. Ein guter erster Schritt, denn ...

Der Comic bedient platte Vorurteile.

Für den zu transportierenden Inhalt - wozu Studieren, Lehre ist auch ok - wurde ein konservativ-muslimisches Mädchen zur Protagonistin gewählt. In einer Zeit, in der Aufklärungsarbeit und positive Motivation nötiger sind denn je, hätte man diese Rolle einem Jugendlichen mit weniger vorurteilsbehaftetem Hintergrund zuordnen müssen. Zudem: Die Triebfeder, die Yasmin zugestanden wird, nämlich der Wunsch, dass „deine Eltern stolz auf dich sind", wie ihre Freunde meinen, ist eine auf äußerst eindimensionalen Vorurteilen beruhende Annahme. Eigene Vorstellungen, selbständig entwickelte Sehnsüchte? Nicht bei einem Kopftuchmädchen, lautet die Botschaft.

Der Comic transportiert eine unethische Botschaft.

Die Art und Weise, in der Yasmin nahe gelegt wird, lieber ein bisschen schnelles Geld (für den Kauf angesagter Musik-CDs!) als längere Wartezeit auf ein hohes Einkommen anzustreben, ist im besten Fall seltsam. Hier wird mit Konsumgeilheit argumentiert und werden neben Yasmin auch die Betrachterin, der Betrachter auf billigste Weise manipuliert - mit augenblicklichen Sehnsüchten. Und das in einer Gesellschaft, in der wir gerade begreifen, dass Turbokapitalismus und Konsumrausch weder glücklich machen noch die Welt verbessern.


Und: Angesichts eines drohenden massiven Facharbeitermangels mag es legitim sein, Berufswegen südlich der akademischen Breitengrade eine Imagepolitur zu verpassen. Einem jungen Mädchen seinen Traum vom Studium auszureden, das in seinem Umfeld wahrscheinlich ohnehin (noch) in der Minderheit ist, führt jedoch zu weit.

Dieser Comic vermittelt ein elitistisches Weltbild.

Junge Mädchen mit Migrationshintergund, speziell aus islamischen Ländern, sollen ihren Traum von einer höheren Bildung, sozialem Aufstieg für die eigene und die nächste Generation, von einem Platz im oberen Drittel der Gesellschaft und nicht zuletzt den Traum vom Aufbrechen patriarchaler Strukturen begraben und brav „unten" bleiben, wo sie hingehören. Yasmin, einem engagierten jungen Mädchen, das Träume hat, die möglicherweise als erste in ihrer Clique, ihrer Familie eine Uni besuchen würde, wird suggeriert: Lass es und begnüge dich mit weniger. Und zwar nicht in einem noch zu erstellenden Plan B, sondern von vornherein.

Was steckt dahinter?
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Veli, Alex, Yasmin, Michi und Amir wollen es wissen:
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Wie viele Jahre Schule brauche ich dafür noch?
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In den Geschichten sind Tipps versteckt, wie man sich seinen zukünftigen Job am besten checkt!
Wir leben in einer Zeit, in der politischen Parteien gesetzlich erlaubt wird, Online-Spiele zu kreieren, in denen Geistliche von Gebetshäusern geschossen werden. Es bleibt auch ohne Folgen, wenn Comicstrips verbreitet werden, in denen unterschwellig suggeriert wird, Österreicher mit Migrationshintergrund planten die feindliche Übernahme unseres Landes. Und nun wird - nicht von einer politischen Partei, sondern von einer staatlichen Stelle und ob absichtlich oder nicht - muslimischen Mädchen nahegelegt: Studieren? Vergiss es. Und das bringt uns zum eigentlichen Problem:

Dieser Comic ist Auswuchs einer fragwürdigen Gesellschaftskultur.

Eine Kultur, die ermöglicht, dass derartige Machwerke überhaupt in die Öffentlichkeit gelangen. Die Comics der Reihe „Was geht?" gingen durch viele Hände - Grafiker, Texter, Abteilungsleiter ... Die einzelnen Storys wurden von mehreren Personen freigegeben. Hat niemand seine oder ihre Bedenken geäußert, den Comic in Teilen oder zur Gänze zur Diskussion gestellt? Erhielten Vertreter von Jugendorganisationen die Comics zum Probelesen? Gab es auch nur einen einzigen Gedanken dazu, solche „Lehrmittel" auf Inhalt, Botschaft und mögliche Probleme hin zu prüfen? Und wenn nein, warum nicht? Weil die durch (bisher) fehlerhafte bzw. nicht ausreichende politische Maßnahmen entstandenen Probleme mit den Folgen der neuen Völkerwanderung einfach als Realität gewertet werden sollen - statt als Herausforderung, die es im Sinne kommender Generationen zu meistern gilt?

Fazit

Nein, es genügt nicht, „Yasmin" umzutexten, wie die Verantwortlichen im AMS es in Auslassung der sonst üblichen formularfetischistischen Bürokratie veranlassten. „Die Sache Yasmin" muss viel weiterreichende Konsequenzen haben, als dass eine Handvoll Menschen im AMS an den Pranger gestellt wird. Es muss jene Struktur erfasst werden, die diesen Skandal ausgebrütet und ermöglicht hat: das Bürgertum dieses „Österreich 2.0", in dem das Bemühen um die richtigen Zwischentöne Anlass für Spott ist, und ein Regierungs- und Verwaltungsapparat, der offenbar immer noch nicht bereit ist, sich sozialen und politischen Herausforderungen (verantwortungs-)bewusst zu stellen und sich stattdessen wahlweise in Negation oder in der Beschwörung schierer Annahmen übt. Und letztlich eine Gesellschaft, die einem monokulturellen Gestern verhaftet ist, das es in Wirklichkeit ohnehin nie gab.



P.S.: Ob nun Textbausteine geändert wurden oder nicht, eines bleibt bestehen:

Der Comic ist grottenschlecht.

Die offenbar intendierte Botschaft des Comics - „Erst zu Ende denken, dann für einen Beruf entscheiden" - wird auf äußerst platte Weise transportiert, unabhängig von der missglückten, weil nicht zu Ende gedachten Wahl der Protagonistin. Ich wundere mich: Das AMS sollte die besten Grafiker, Texter, Werbepsychologen verpflichten, um Kampagnen für die wichtigste Ressource von Industrie und Wirtschaft - den künftigen Berufstätigen - zu erarbeiten. Was wir mit „Was geht?" serviert bekommen, ist im besten Fall bemüht, tatsächlich eher als mittelmäßig zu bezeichnen und streckenweise von erschreckender Plattheit. Ich wüsste zu gern, auf welche Weise die Auswahl der Ausführenden erfolgte und fordere eine Überprüfung der Auftragsvergabe.

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