Die Rotlicht-Wutrede

Sie ist Prostituierte und seit zehn Jahren im Geschäft, sagt „ich verkaufe richtig gute Zeit“, aber sie stellt fest: Die Manieren der Männer werden immer schlechter. Das ist der Grund, warum die Wienerin Denise* und ihre Berliner Kollegin Karoline nun ein Buch geschrieben haben. Die WIENERIN traf Denise zum tabulosen Interview.

WIENERIN: Eine Wutrede aus dem Rotlichtmilieu – das hört man nicht oft. Warum also?

Denise*: Man kennt doch diese Bücher: „Ich war Prostituierte und es war so schrecklich“. Das wollten wir nicht, denn es ist nicht schrecklich. Aber wir wollten sagen, was wir uns wünschen würden. Und auch zeigen, dass sich die Manieren der Männer verändert haben. Und es gibt natürlich auch ganz viele lustige Episoden, die ja auch keiner kennt und die wollten wir auch einmal erzählen.

WIENERIN: Wie lange sind Sie schon Prostituierte?

Sehr lang. Schon etwa 10 Jahre. Und immer noch sehr sehr gern.

WIENERIN: Warum betonen Sie so, dass Sie gerne als Prostituierte arbeiten?

Schauen Sie, einige machen das nur des Geldes wegen, das geht aber nur begrenzte Zeit. Aber wenn es dir überhaupt nicht gefällt, dann geht’s du recht schnell ein. Oder man merkt es am Service, dass es nicht das richtige Metier ist. Ich finde, es ist ein angenehmer Job, wenn man ihn gerne macht.

WIENERIN: Was mögen Sie denn so gerne dran?

Ich kann tun was ich will, ich hab viel Abwechslung. Was andere in sechs Jahren nicht erleben, hab ich in einer Woche. Ich kann viel lachen dabei, ich arbeite echt gern mit Menschen und tatsächlich muss man ja sagen: Ich verkaufe eine gute Zeit. Halbe Stunde, Stunde, egal – ich verkaufe richtig gute Zeit.

Männer kennen ihre Grenzen nicht

WIENERIN. Zurück zum Buch und ihren Forderungen: Was ist denn so schlecht an den Manieren der Männer?

Wo man früher am Straßenstrich eine kassiert hätte, ist jetzt einfach Standard. Zum Beispiel Girlfriend, mit Küssen. Anal ist Standard, Deepthroat ebenfalls. Oder eben das ganze Fetisch, was früher echt als krank galt, kommt jetzt. Ich meine, das taugt mir ja auch und das hab ich früher auch gemacht und seit "Shades of Grey" kommt das eben immer mehr. Die Leute sind – das ist gut – experimentierfreudiger. Aber – und das ist schlecht – sie sehen sich so viel im Internet an, weil ja alles sehr frei zugänglich ist. Und daher kommt es, dass sie ihre eigenen Grenzen nicht mehr kennen, sie tasten sich nicht mehr selbst an das Thema heran, sondern werden durch Pornos herangeführt. Und denken sich vielleicht – ich setz das jetzt genau so wie es im Video ist – um. Aber er sieht halt die Schnitte nicht. Dass der sich waschen geht zwischen anal und vaginal sieht er nicht und glaubt, es geht so.

WIENERIN. Sie sagen, die Männer sollen Grenzen akzeptieren - was genau meinen Sie damit?

Wenn ich sage, dass ich das nicht anbiete, dann biete ich das nicht an. Mein Paradebeispiel dazu: Geht ein Mann in einen Supermarkt und sagt, er will ein Motorrad kaufen. Und dann sagt die Verkäuferin, dass sie das nicht hat, aber er meint: „Ich will das aber von dir, weil ich bin jetzt schon mal hier und deshalb gib mir ein Motorrad.“ Sie verstehen was ich meine. Es ist so, dass die Mädels was anbieten. Das gibt es. Wenn Männer etwas ganz anderes wollen, das auch noch unter Tabu läuft, müssen sie woanders hingehen. Und das zu lernen, das würde ich mir wünschen.

WIENERIN. Aber wie weiß ich denn als Mann, was es wo gibt? Ist das denn immer so klar ausgeschildert?

Unterschiedlich. Manche lesen ganz gern und tun das auch. Manche sehen nur ein Bild und lesen nicht mehr. Und ich meine, manche Dinge kann man ja auch besprechen.

WIENERIN: Haben Sie auch Dinge, die Sie nicht anbieten?

Genug. Dinge, die ich im privaten Bereich auslebe und nicht hier. Ich kann mich nicht ganz hergeben. Küssen ist privat.

Fisting, Fetisch, Riesen-Dildos...

WIENERIN: Noch mal zu den Online-Pornos: Haben nicht Pornos immer schon eine etwas verzerrte Wirklichkeit wiedergegeben? Auch früher? Was ist denn da jetzt so viel anders geworden?

Ich glaube, dass einiges anders geworden ist. Die Praktiken werden immer extremer, spannender und so: Fisting, Fetisch, Riesen-Dildos, Gang Bang. Pegging zum Beispiel galt früher als krank oder eben schwul – für mich war es immer schon Standard, weil ich das gemacht habe – heute verliert es das Tabu. Aber: die Männer wissen einfach nicht, was sie aushalten...

Ich hab ihn ins Koma gevögelt...

WIENERIN: Dazu gibt es eine Szene im Buch, wo Sie beschreiben wie Sie...

.. ja ich hab einen Mann ins Koma gevögelt… stimmt.

WIENERIN. Was ist passiert?

Er sagte: Ich hab das in einem Video gesehen ich möchte das auch.

So wird die Szene im Buch beschrieben:

„Denise* wählte zur Sicherheit einen kleinen Dildo,aber den wollte der Kunde nicht. »Hast du nichts Größeres?«, fragte er. Sie zeigte ihm den großen schwarzen, der fast so dick wie ihr Unterarm war und mehr wie ein martialischer Kultgegenstand eines afrikanischen Urvolkes als wie ein Dildo aussah. Der gefiel ihm. Als der Kunde auf dem Tisch lag, so wie er es in dem Video gesehen hatte, und ihr seinen Hintern entgegen hielt, schnallte sie trotzdem den kleineren Dildo an. Jetzt sieht er es nicht mehr, dachte sie, und wenn sie einmal losgelegt haben würde mit dem Pegging, würde er ihr wahrscheinlich dankbar dafür sein. Viel Spaß, dachte sie, als sie anfing. Draußen herrschte brütende Hitze und das Hotelzimmer hatte keine Klimaanlage. Ihr fiel selbst das Atmen schwer und sie war sich der körperlichen Strapazen bewusst, denen sich ihr Kunde aussetzte. So vorsichtig, wie sie nur konnte, drang sie in ihn ein. Er stemmte sich mit den Armen auf dem schmalen Tisch hoch. Denise* machte noch langsamer. Da sackte er in sich zusammen. Er fiel einfach in Ohnmacht.“

WIENERIN: Tja, in Ihrem Buch schreiben Sie gemeinsam mit Ihrer Kollegin: Online-Pornos machen impotent! Das ist ja ein beängstigender Beipacktext irgendwie. Was meinen Sie damit?

In erster Linie ist damit gemeint, dass es Vorstellungen sind, die man gar nicht umsetzen kann. Typen können nicht eine Stunde da rackern und dann drei Liter Samenflüssigkeit verlieren und keine Frauen ist so perfekte geschminkt und hergerichtet wie in einem Porno. Das sind Illusionen. Und wenn man versucht, so zu sein, birgt es die Gefahr, dass man das was man kann, gar nicht mehr gut findet.

WIENERIN: Würden Sie - auch wie im Buch beschrieben – in Wien auf der Kärntnerstraße stehen und eine Wutrede halte, was wären die wichtigsten Punkte.

Ich hab nur einen Wunsch: Männer, seht es als das, was es ist. Eine gute Zeit, ein Job, ein bisschen Schauspielkunst und solide Handwerkskunst. That's it.

Das Buch "Männermanieren" - Standpauke aus dem Rotlicht erscheint im Verlag edition-a (16,90 €)

* Name von der Redaktion geändert.

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