Die „Pille danach“: Noch immer ein Tabu

Die „Pille danach“ ist leider immer noch ein Tabuthema in Österreich. Viele Frauen berichten von Schwierigkeiten bei der Beschaffung.

„Man muss es wohl immer wieder sagen: Das sind keine Smarties.“ Das twitterte Jens Spahn, deutscher CDU-Politiker und aktueller Gesundheitsminister noch im Januar 2014, als die Debatte aufkochte, ob die „Pille danach“ auch in Deutschland endlich rezeptfrei erhältlich sein sollte.

Seit März 2015 ist sie es – und damit ist Deutschland ein Nachzügler. In fast allen Ländern Westeuropas ist die „Pille danach“ (mit dem Wirkstoff Levonorgestrel) schon mehr als zehn Jahre rezeptfrei erhältlich. Seit Dezember 2009 ist auch in Österreich für die Notfall-Verhütung kein Rezept mehr erforderlich.

Für seinen Kommentar erntete Jens Spahn von vielen Frauen Kopfschütteln und heftige Kritik. Denn noch immer müssen sich Frauen kritische Bemerkungen gefallen lassen, wenn sie nach einer Verhütungspanne auf die „Pille danach“ zurückgreifen müssen. Der Apothekenbesuch kann da schon zu einem äußerst unangenehmen und peinlichen Erlebnis werden. Eine Online-Umfrage des deutschen pro familia-Bundesverbands aus dem Jahr 2008 ergab, dass zwei Drittel der befragten Frauen es stressig fanden, sich die „Pille danach“ zu besorgen. Ein Drittel der Befragten fühlte sich abschätzig, respektlos oder herablassend behandelt, weil sie die „Pille danach“ wollten.

Ähnlich schlechte Ergebnisse in puncto Beratung attestierte eine Studie aus dem Jahr 2016 im Auftrag des Vereins für Konsumenteninformation (VKI). So hieß es in einem Artikel des Magazins "Konsument": "Apotheker verweisen gerne darauf, dass Kunden kompetente Information erwarten können. Die Realität sieht anders aus, wie unser Test zur Beratung beim Einkauf einer 'Pille danach' belegt". Lediglich in einer einzigen Apotheke wurde in dem Test "sehr gut beraten", (mehr dazu hier).

„Mein Körper, meine Entscheidung“ – Frauen erzählen

Wir haben einige Frauen gefragt, welche Erlebnisse sie bei der Beschaffung der „Pille danach“ hatten:

„Es war eine blöde Situation, für uns beide. Das Kondom ist geplatzt, und ich bin in Panik geraten. Ich bin generell ein sehr vorsichtiger Mensch – und die Pille nehme ich nicht mehr, weil ich mich schon zu lange mit Hormonen vollgestopft hatte. Es blieb also nur noch der Gang zur Apotheke. Ich wollte nicht zur Nachtapotheke und ließ mir bis zum nächsten Morgen Zeit – natürlich eine dumme Entscheidung, aber zum Glück ist nichts passiert. Ich ging also zu einer Apotheke, die nicht meine Stammapotheke war (das wäre mir noch unangenehmer gewesen). Bedient wurde ich schließlich von einem älteren Mann. Ich wollte cool und gelassen rüberkommen, so als würde ich mir gerade Aspirin holen. Leider ging das in der vollen Apotheke sehr schlecht, da der Mitarbeiter mich lauthals fragte, wann denn der Geschlechtsverkehr passiert sei, ob ich denn einen Freund habe (!) und ob mir bewusst sei, dass die Einnahme der "Pille danach" zu schrecklichen Nebenwirkungen führen könne. Ich bin im Erdboden versunken, und wollte das Ding eigentlich nur kaufen und schnell wieder raus, ohne Aufsehen zu erregen. Schließlich sehe ich nicht ein, warum mein Sexleben und die damit verbundenen Entscheidungen in aller Öffentlichkeit zur Schau gestellt werden sollten. Ich will nun mal nicht ungewollt schwanger werden – und da ist es doch mehr als okay, wenn ich über meinen eigenen Körper bestimmen kann.“ (Studentin, 25 Jahre)

„Ich hatte mal einen Freund, der hat sich geweigert, Kondome zu verwenden – auch nachdem ich die Pille bereits abgesetzt hatte. Es war immer sehr mühsam, da ich mich alleine um die Verhütung kümmern musste. Deshalb war ich zweimal gezwungen, die „Pille danach“ zu nehmen, aus Angst vor einer Schwangerschaft. Rückblickend weiß ich natürlich nicht, warum ich überhaupt mit ihm geschlafen habe, aber wenn man jung und unsicher ist, passieren solche Dinge nun mal. Beim ersten Mal wurde ich von der Apothekerin regelrecht ausgefragt – wann ist es passiert, wie ist es passiert, wo ist es passiert. Abgesehen von der Frage nach der Uhrzeit, ist der Rest eigentlich etwas, das sie überhaupt nichts angeht. Hinzu kam, dass ich sie in der Nacht – weil Nachtapotheke – wohl aus dem Schlaf gerissen habe. Äußerst schlecht gelaunt und mit einem vorwurfsvollen Blick – nach der Frage, wie alt ich denn überhaupt sei – überreichte sie mir schließlich die Packung.“ (Angestellte, 28 Jahre)

„Ich hatte keine Probleme bei der Beschaffung in der Apotheke. So genau weiß ich es auch nicht mehr. Ich erinnere mich aber sehr gut an die Nebenwirkungen, die waren heftig. Für mich war es im Vorhinein zwar logisch, dass es kein Zuckerschlecken wird, aber damit hatte ich nicht gerechnet. Also ich würde sie nie wieder nehmen.“ (Frau S., 32 Jahre)

„Also ich hab sie zweimal genommen. Einmal habe ich sie selbst besorgt. Die Fragen in der Apotheke waren: ob ich sie schon mal genommen habe, wann der Verkehr war, ob ich weiß, dass ich Schmerzen haben kann. Dann erklärten sie, wie ich sie anwenden soll. Es war keine ungute Situation und kein Problem für mich. Die Mitarbeiterin hat freundlich, aber besorgt und eher leise gesprochen. Ich habe die Pille gleich genommen und sie hat nicht gewirkt. Ich habe keine Schmerzen gehabt. Das andere Mal hat sie mein Freund in der Apotheke besorgt. Sie haben sie ihm nicht gegeben, wollten mit mir telefonieren und haben mich gefragt, ob ich das will und mir erklärt, wie ich es anwenden soll und so weiter. Wieder sehr lieb und besorgt. Und dann haben sie sie ihm verkauft. Wieder keine Schmerzen. Keine Blutung. Gar nichts.“ (Frau L., 31 Jahre)

„Ich habe sie bereits drei Mal genommen – und jedes Mal waren die Reaktionen unterschiedlich. Einmal wurde mir sofort ein Glas Wasser hingestellt, die Apothekerin war sehr freundlich, in meinem Alter. Generell habe ich das Gefühl, dass mich jüngere Frauen besser verstehen. Ein anderes Mal war es eine ältere Frau, in der Apotheke „Zum Heiligen…“, sie hat mir äußerst zynisch „Alles Gute“ gewünscht, und mir gesagt, ich solle beim nächsten Mal lieber besser aufpassen. Es war jedes Mal eine große Überwindung, die Pille zu holen. Ich habe immer das Gefühl, ich werde von anderen verurteilt. Dabei ist das mein Körper, meine Entscheidung. Nebenwirkungen hatte ich einmal ganz stark, ich musste erbrechen und sie daraufhin wieder einnehmen. Ein anderes Mal habe ich auch mit Übelkeit gekämpft. Doch mir war damals alles lieber, als schwanger zu werden.“ (Angestellte, 27 Jahre)

Manche riskieren lieber Schwangerschaft

Angela Tunkel, Geschäftsführerin der Österreichischen Gesellschaft für Familienplanung, kennt solche Geschichten: „Leider ist die „Pille danach“ noch immer ein Tabuthema. Weil diese mit Sexualität und mit Selbstbestimmung der Frau zu tun hat. Auch wird sie mit der Schwangerschaftsabbruchpille verwechselt – leider auch von ApothekerInnen. Die „Pille danach“ kann aber nur den Eisprung verschieben. Ein bereits befruchtetes Ei wird nicht beeinflusst/geschädigt.“

Die Klinische- und Gesundheitspsychologin sagt, dass in ihren Beratungsstellen Frauen und Mädchen öfter von Schwierigkeiten bei der Beschaffung erzählen: „Immer wieder berichten Mädchen/Frauen, dass die „Pille danach“ in der Apotheke nicht lagernd ist.Bei christlich geführten Apotheken kann es Tage dauern, bis sie geliefert wird – natürlich zu spät für die Einnahme. Auch wissen ApothekerInnen oft nicht, dass auch Jugendliche ohne Einverständnis der Eltern die „Pille danach“ beziehen dürfen.“ In ländlichen Gebieten gäbe es außerdem ein Problem mit der Anonymität der Mädchen und Frauen: „Daher wird auf den Kauf gegebenenfalls verzichtet und damit eine ungewollte Schwangerschaft riskiert.“

Die Verhütung bleibe leider nach wie vor meistens an der Frau hängen. „Der Partner sollte die finanziellen Kosten mittragen“, sagt die Expertin. Männer sollten sich außerdem stärker mit dem weiblichen Zyklus auseinandersetzen und Kondome verwenden, die von der Größe passen. „Viele kaufen leider oft die falsche Größe, da nicht bekannt ist, dass es unterschiedliche Kondomgrößen gibt. Zusätzlich ist die Auswahl an Kondomen in Drogeriemärkten oft auf zwei Größen beschränkt.“ Die richtige Kondomgröße kann mithilfe des Kondomguides ermittelt werden.

Was aber wirklich hilft? „Damit die „Pille danach“ gar nicht zum Einsatz kommen muss, ist sexuelle Bildung unabdingbar“, so die Expertin.

Sexualberatung für Jugendliche, Beratung und Untersuchung - anonym, kostenlos und ohne Voranmeldung gibt es in den "First Love"-Beratungsstellen oder online hier.

Die „Pille danach“ sollte innerhalb von 72 Stunden nach einem ungeschützten Geschlechtsverkehr oder einer Verhütungspanne eingenommen werden. Dabei gilt: je schneller, desto besser! Die "Pille danach" hemmt oder verzögert nur den Eisprung, wenn sie rechtzeitig, das heißt noch vor dem Eisprung eingenommen wird. Nach einem Eisprung ist sie wirkungslos und hat keinen Einfluss auf die Einnistung des Eies, wenn es schon zu einer Befruchtung gekommen ist. Mehr Infos auf: http://www.oegf.at/wissen/notfall.asp

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