Die Obsession mit (weiblicher) Körperlichkeit kotzt mich an!

Ja, ich weiß, dass Bewegungen wie Body Positivity und Body Neutrality extrem wichtig sind. Und ich weiß, dass wir den Diskurs führen müssen, aber oida: Wie lange noch? Ich mag nimmer. Ein Kommentar.

Körperlichkeit

"Können wir endlich aufhören, über Körper zu reden?", platzt es in der Redaktionssitzung aus mir raus, als wir mögliche Themen rund um Body Neutrality besprechen. "Body dies, Body das. Ich würd‘ so gern endlich über Gehirne und Gscheitsein und Lustigsein reden", sag‘ ich direkt im Anschluss ebenso recht ungefiltert – und bestimmt unreflektiert in dem Moment. Völlig unreflektiert was meine eigenen Privilegien und vor allem das System, in dem wir leben, betrifft. Denn: So berechtigt mein Wunsch, endlich nicht mehr über Körper zu diskutieren, auch sein mag, so fern liegt er auch.

Ziemlich egal, welche Studie man hernimmt – die Ergebnisse sind immer ähnlich ernüchternd: Zwischen drei Viertel und 90 Prozent aller Frauen sind mit ihrem Körper nicht zufrieden. Darüber zu sprechen ist deshalb wichtig, weil in unserer Gesellschaft Wert auch über Körperlichkeit definiert wird und viele Menschen damit Abwertung erfahren. Oder sich selbst abwerten, weil es das System, in dem wir leben, so gelehrt hat. Das ist problematisch, weil wir den Diskurs über weibliche Körper so lange so falsch geführt haben, dass unser Body Image mittlerweile weit über Körperlichkeit hinausgeht, wie Anuschka Rees im Buch "Beyond Beautiful" (12,99 Euro über thalia.at) erklärt: Body Image meint nicht nur alle Gedanken und Gefühle zu unserem Aussehen, "zusätzlich beinhaltet unser Body Image (...) auch unsere Entscheidungen, und alles, das wir wegen unseres Aussehen tun. Ob wir zum Beispiel die Einladung zum Strand ausschlagen, weil wir uns nicht im Bikini zeigen wollen. Oder ob wir ins Fitnessstudio gehen, um abzunehmen. All diese Dinge. Studien haben gezeigt, dass ungefähr 30 Prozent unseres Selbstwertgefühls vom Body Image kommen."

Lass mich doch einfach in Ruh‘ mit meinem Körper, du deppertes System

Auf einer rationalen Ebene weiß ich also, dass Diskurse rund um Bewegungen wie Body Positivity und Body Neutrality wichtig sind – und im Nachhinein genier‘ ich mich für meine zusammenhangslosen, ungefilterten und unreflektierten Aussagen in der Redaktionssitzung, wenn ich doch genau weiß, dass der Diskurs für weniger privilegierte Menschen noch so viel wichtiger ist als für mich. Daher formulier ich’s jetzt besser als Wunsch: Ich wünschte, wir wären schon weiter - und nicht "erst" bei: Frauen sind kurvig schön, sie sind schlank schön, sie sind androgyn schön, sie sind groß und klein und dick und dünn, aber immer schön. Oder wie bei Body Neutrality: Ich habe einen Körper und ich nehme das zur Kenntnis – nicht mehr und nicht weniger. Aber ganz egal, über welche der beiden Bewegungen ich nachdenke, am Ende lande ich immer beim selben Gedanken: Ich würd' mir das so gern einfach nur mit mir selbst ausmachen, weil oida: Wie schön (pun intended) wär das eigentlich?

Ich will mich g‘scheit und manchmal deppert finden. Und hin und wieder will ich mich süß und an anderen Tagen auch ganz bewusst schirch und grindig finden und mich in Selbstmitleid suhlen (gelingt mir am besten, wenn ich traurige Musik höre und so tu‘, als wäre ich Protagonistin in einem Musikvideo von Kelly Clarkson). Ich will, dass es ein legitimes Gefühl ist, mich schirch zu fühlen. Weil ich will, dass es am Ende des Tages nichts an meinem Selbstwert ändert. Und manchmal mag ich mich vielleicht auch in den Spiegel schauen und mich schön finden. Aber in erster Linie will ich mich halt g’scheit finden. Und lustig (das bin ich, fragt’s meine Kolleginnen, höhö).

Danke für nix, Patriarchat!

Die Bottom Line ebendieser Gedanken von mir bleibt am Ende des Tages aber in Zeiten wie diesen immer noch: Wie verdammt privilegiert bin ich eigentlich, um überhaupt Kapazitäten zu haben, mir über sowas Gedanken zu machen? Ich bin davon überzeugt, dass Body Positivity zwar eine immer breitere Bewegung wird, aber trotzdem immer noch in einer verhältnismäßig kleinen Bubble stattfindet; Body Neutrality in einer wahrscheinlich noch kleineren Bubble. Einer Bubble, in der Bloggerinnen, die Body Neutrality propagieren, trotzdem ihre Körper zeigen müssen, um darauf hinzuweisen, wie absurd unsere Obsession mit Körperlichkeit ist. So scheint das in einem System, das so stark auf (weiblicher) Körperlichkeit basiert, eben zu sein.

Aber hey, good news: Die Mauern dieses Systems bröckeln. Wenn auch langsam, aber sie bröckeln: Ich erinnere mich an den Aufschrei, als Dove vor wenigen Jahren erstmals Models mit Konfektionsgröße 40 statt Size Zero vor den Vorhang holte. Das zeigt nur, dass wir bis dahin ‚noch falscher‘ über Körper gesprochen hatten, als wir das heute tun. Heute setzen immer mehr Unternehmen auf diverse Körperformen. Es tut sich was, aber eben mit Babysteps. Denn so lange es für Nike wegen einer Plus-Size-Schaufensterpuppe Hasskommentare regnet, sind wir noch nicht bereit, einfach nicht mehr über Körper zu reden. Wir können Körperlichkeit noch nicht aus unserem Wertesystem streichen – egal, ob wir alle Kopf stehen und noch so oft ungeduldig "I mog nimma!" sudern. Menschen, die Bewegungen wie Body Positivity oder Body Neutrality für sich entdeckt haben, arbeiten damit einen oft lebenslangen Leidensweg mit ihrem Körperbild auf.

Vielleicht werden Körper erst dann unwichtiger, wenn wir Frieden mit ihnen geschlossen haben. Und das gelingt nur durch Diskurs. Nur: Das Patriarchat hat den Diskurs so verschandelt, dass wir wohl jetzt noch ein Zeiterl über Körper reden müssen, um endlich nicht mehr über Körper reden zu müssen.

 

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