Die neuen Vegetarier

Vegetarier ist nicht gleich Vegetarier. Wir haben mit vier Frauen gesprochen, die ganz unterschiedliche Einstellungen zum Thema fleischlose Ernährung haben.

Die Mitleidende

Bernadette Ziegler, Angestellte im Personalwesen

„Tiere waren für mich noch nie anonym. Bei jedem Schnitzel auf meinem Teller habe ich das kleine Schwein vor mir gesehen - sein Leiden, seinen Schmerz, seine Hilflosigkeit. Deswegen bin ich vor fünf Jahren ganz bewusst zur „Pescarierin" geworden. Ich esse also kein Fleisch mehr, Fisch allerdings schon noch.

Schwer gefallen ist mir der Umstieg nicht. Nur wenn ich eine Leberkässemmel rieche, könnte ich schwach werden. Sonst geht mir das Fleisch nicht ab. Lustig ist bloß, wie manche Menschen auf meine Einstellung reagieren. Würde ich kein Fleisch essen, weil's mir nicht schmeckt, wär das okay. Wenn ich aber sage, dass es mir um das Leid der Tiere geht, ernte ich Unverständnis.Dabei will ich niemanden bekehren, jeder soll sich ernähren, wie er will.


Ob ich jetzt moralisch korrekter lebe als früher, kann ich schwer beurteilen. Immerhin esse ich ja noch Fisch, trinke Milch, esse Eier. Warum? Weil es mir noch schmeckt - und weil es einfacher ist, so die notwendigen Nährstoffe zu sich zu nehmen, statt sich zu informieren, wie viel davon in welchem Gemüse steckt. Das schlechte Gewissen bleibt aber. Ich wünsche mir, irgendwann auch damit aufhören zu können. Vor allem mit dem stark überfischten Thunfisch."

Die Genießerin

Susanne Zacke, Unternehmerin

„Ein Buch hat meinen Wandel herbeigeführt: Ein Freund empfahl mir vor einem halben Jahr Slaughterhouse, das darüber berichtet, wie verabscheuungswürdig in der Massentierhaltung mit Tieren umgegangen wird. Schon beim Lesen war mir klar: Dorthin gehe ich nicht zurück.
Schon in den Jahren zuvor hatte ich mit einem immer größer werdenden Schuldgefühl Wurst und Fleisch gegessen, nur der letzte Kick hatte mir gefehlt. Jetzt bin ich ein halbgewandeltes Wesen, ein „Flexitarier": Ich esse bislang noch Fisch und Seafood, der Verzicht auf Fleisch fällt mir nicht leicht. Ich bin ein absoluter Genussmensch - das fade vegetarische Gasthausessen macht mich echt grantig! Kürzlich hatte ich einen Rückfall, mit meinem ehemaligen Lieblingsgericht Peking-Ente, das ich auch noch mit Genuss verspeist habe ...
Mir ist klar, dass ich erst den halben Weg gegangen bin. Aber es ist ein Anfang und besser, als weiter gedankenlos Leberkässemmel und Hühnerflügelberge hineinzustopfen. Und der Vegetarismus hat ja auch eine Menge positiver Effekte auf die Umwelt!
Ob die neue Veggie-Welle etwas bewirken wird? Ich fürchte, solange Fleisch - also ein Lebewesen - zu Dumpingpreisen verkauft werden kann, werden es Menschen auch kaufen."

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Verlockend ist die Vorstellung, schon mit etwas Verzicht auf Fleisch viel Gutes für die Umwelt bewirken zu können: So würde jeder vegetarische Tag in Wien so viel CO2 einsparen wie 100.000 Autos ausstoßen, hat Ernährungswissenschaftler Martin Schlatzer vom Wiener Institut für Ethik und Wissenschaft im Dialog ausgerechnet.

Die Überzeugte

Petra Schönbacher, Obfrau von Animal.Fair

„Schnitzel und Tafelspitz waren in meiner Familie Alltagskost. Anfangs war ich noch On-off-Vegetarier. Doch vor vier Jahren erhielt ich die Diagnose Arthrose, seitdem lebe ich vegan. Sogar meine Kosmetika und Mode sind ohne tierische Inhaltsstoffe. Heute sind meine körperlichen Beschwerden gleich null. Natürlich musste ich mich genau informieren, was mein Körper braucht. Oft höre ich von anderen: ,Vegan, was kannst du noch essen?!‘ Dabei hat Veganismus mit Askese nichts zu tun - im Gegenteil: Ich habe mein früheres Essen nicht nur durch anderes ersetzt, sondern viel Neues entdeckt, ob Gewürze oder Getreide. Jedes Mal, wenn ich esse, fühlt es sich richtig an, das macht mich glücklich.

Inzwischen entschuldige ich mich bei Einladungen zum Essen auch nicht mehr dafür, dass mein Veganersein Umstände bereitet: Heute gehe ich damit selbstbewusster um.

Ich versuche aber nicht, andere Leute zu missionieren. Was ich dennoch bemerke: Viele Menschen sind heutzutage schon sehr gut informiert, fragen mich, wie veganer Lebensstil funktioniert. Deswegen geben wir mit unserer Tierrechtsorganisation auf www.animal.fair.at einen tierfreundlichen Online-Shoppingguide heraus, um anderen den Ein- oder Umstieg leichter zu machen."

Die Kritische

Theresa Bäuerlein, Autorin von Fleisch essen, Tiere lieben

„Seit Jahren hatte ich ein schlechtes Gefühl, wenn ich oder Freunde Fleisch aßen, habe dagegen angepredigt. Irgendwann wollte ich Beweise für dieses dumpfe Gefühl, dass etwas schiefläuft: Mich selbst davon zu überzeugen, dass Fleisch essen falsch ist, und Argumente zu finden, um auch meine Umwelt davon zu überzeugen.
Meine Motivation für die Recherche, aus der dann mein Buch Fleisch essen. Tiere lieben (Ludwig Verlag, ab 9. Mai im Handel) entstand. Aber ich stellte fest: Vegetarismus ist nicht das weltrettende Allheilmittel. Natürlich ist es besser, kein Fleisch zu essen als Billigware aus Massentierhaltung. Daran besteht für mich kein Zweifel!

Ich selbst esse kaum Fleisch. Doch eine pflanzliche Ernährung ist nicht immer automatisch besser für den Planeten. Ein Beispiel: Viele Sojaprodukte werden mithilfe von Hexan hergestellt, einem starken Umweltgift.
Die Antwort auf die Frage, was wir tun können, ist also komplizierter als Fleisch-ist-Mord-Slogans. Wir müssen uns fragen: Was macht weniger kaputt? Und die Antwort darauf ist: Was nachhaltig ist.

Dennoch bringt der neue Vegetariertrend etwas Gutes: Wir denken über unser Essen nach. Wir Konsumenten haben durchaus die Macht, etwas zu verändern.

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