Die Migrantigen: Von Tschuschen, Jugos und Schwabos

Schwabo, Jugo, Tschusch - im Film "Die Migrantigen" spielen Faris Rahoma, Aleksandar Petrovic und Doris Schretzmayer gekonnt mit Ausländerklischees. Die WIENERIN hat mit den den dreien über Schubladendenken im echten Leben gesprochen.

Wenn Josef Hader genervt bemerkt, "dass man es mit der Integration auch übertreiben kann", Dirk Stermann "etwas Tschuschiges" fordert, um sein Produkt peppig zu präsentieren, und Rabie Peric, die Obfrau des Kulturvereins Österreichischer Roma, das Wort "Zigeunerkind" in den Mund nimmt, dann sehen wir einen Film, für den diese Herren das Drehbuch geschrieben haben: ArmanT. Riahi, Faris Rahoma und Aleksandar"Saša" Petrovic. Riahi ist im Iran geboren, Rahoma Halbägypter und Petrovic nach eigener Definition "das klassische Gastarbeiterkind". Alle drei sind Österreicher mit zwei Kulturen. Alle drei sprechen mehrere Sprachen und kennen sich mit Klischees und Vorurteilen gegenüber Menschen mit sogenanntem "Migrationshintergrund" bestens aus.

In der politisch unkorrekten Komödie Die Migrantigen (Filmstart: 9.6.) führt Riahi Regie, Rahoma und Petrovic übernehmen die männlichen Hauptrollen. Doris "Schretzi" Schretzmayer sorgt als TV-Journalistin ohne Wahrheitsliebe dafür, dass die "Ausländer" im Fernsehen die "richtige Quote" bringen. Der Film provoziert, ohne zu hetzen, unterhält, ohne zu verletzen. Lachen dürfen am Ende alle. Den drei Freunden ist gelungen, wovon andere österreichische Filmschaffende nur träumen: Schon vor dem Filmstart 2017 wurde Die Migrantigen mit Kritikerliebe und Preisen überhäuft. Darunter der Max-Ophüls-Preis und der Publikumspreis beim Nashville Filmfestival. Die Resonanz auf den Trailer unter den ÖsterreicherInnen aus zwei Kulturen ist überwältigend. Sogar die sonst für Ausländerthemen "weniger aufgeschlossene" Kronen Zeitung findet für den Streifen zur Überraschung der Macher nur lobende Worte (Zitat: "eine smarte Wiener Ethnokomödie").

Wer darf jetzt "Tschusch" sagen?

Die WIENERIN traf die HauptdarstellerInnen Faris Rahoma, Aleksandar Petrovic und Doris Schretzmayer auf einen Spritzer im Herzen von Wien, dem Wirr am Wiener Brunnenmarkt.

WIENERIN: Im Film "Die Migrantigen" wird die Bezeichnung "Tschusch" fast wie ein Kosename verwendet. Ist das ein Reflextest für politisch korrekte Menschen?

Aleksandar Petrovic: Schön, wenn unser Film geradezu körperliche Reaktionen hervorruft! Lachen ist für uns die liebste Reaktion darauf.

Darf man in Wien wie im Film ungestraft "Tschusch" oder "Jugo" sagen?

Doris Schretzmayer: Also ich sag das nicht. Mein Sohn darf das auch nicht sagen.

Faris Rahoma: (zu Doris Schretzmayer) Aber mittlerweile dürftest du!

Wer darf? Wer darf nicht?

Aleksandar Petrovic: Ich bin 1976 in Wien geboren, lange bevor Jugoslawien zerfallen ist. Auf Serbokroatisch heißt "ja sam jugovic" "ich bin Jugo". Daran haftet nichts Negatives. Nur in Österreich war es ein Schimpfwort. Aber "Tschusch"? Ich hasse dieses Wort und ich liebe es. Aber wenn wir es untereinander verwenden, ist es entwaffnend. So wie bei den Schwarzen, die sich gegenseitig "Nigga" nennen. Wir dürfen das eben. Tschusch oder Kanak.

Faris Rahoma: Das ist der Vorteil.

Wie bitte? Ihr bezeichnet euch gegenseitig als Tschuschen oder Kanaken?

Faris Rahoma: Na sicha! Oder als Zigeuner. Etwa so: "Heast, du bist der ur Zigeuner! Kummst scho wieda zu spät!" Als Kind hatte ich Probleme damit, "Tschusch" genannt zu werden. Wenn heute jemand zu mir "Tschusch" sagt und es abwertend meint, muss ich drüberstehen. Oder ich diskutiere mit diesem Menschen. Es könnte aber auch sein, dass ich einfach "blöder Švabo" (sprich: Schwabo) zurückschimpfe.

Was bitte ist ein "Schwabo"?

Faris Rahoma: Ich bin selber ein Švabo! Švabo ist eine abwertende Bezeichnung für Österreicher oder Deutsche.

Die Medien spielen in "Die Migrantigen" eine entscheidende Rolle, weil sie Menschen aus zwei Kulturen immer wieder dieselben negativen Klischees überstülpen oder ihnen ebenso hartnäckig wie unbegründet bestimmte Eigenschaften zuschreiben ...

Doris Schretzmayer: Marlene Weizenhuber, die TV-Reporterin, die ich darstelle, findet es prickelnd, Geschichten so aufzubauen und aufzubauschen, dass sie möglichst viele Leute erreicht. Das macht sie high. Sie dreht die Wahrheit in die Richtung, wie sie sie braucht. Als Privatperson bin ich daran interessiert, so nahe wie möglich an die Wahrheit heranzukommen.

WIENERIN Interview Die Migrantigen
WIENERIN-Autorin Catherine Gottwald im Gespräch mit Faris Rahoma, Aleksandar Petrovic und Doris Schretzmayer (v.l.n.r.)

"Bei uns heißt das bitte MigrationsVORDERgrund"

Wie durchmischt muss eine Stadt sein, dass Leben "drin ist"? Wie viel Migrationshintergrund braucht eine Stadt wie Wien?

Faris Rahoma: Bei uns heißt das bitte "Migrationsvordergrund" - weil Migrationshintergrund eigentlich nur Vorteile bringt. Durchmischung "braucht" man nicht, sie findet einfach statt. Schau dir den Yppenplatz an: Aus meiner "Hood" ist "Bobo-Town" geworden. Keine Stadt der Welt würde ohne Migranten, "Systemerhalter", wie es im Film heißt, auskommen.

Aleksandar Petrovic: Ich bin ein "unsichtbarer" Migrant. Mir haftet optisch nichts "Ausländisches" mehr an, Akzent habe ich auch keinen. Ich bin "überintegriert". Einen Preis für gelungene Integration bekomme ich trotzdem nicht. Nicht, dass ich ihn gewollt hätte. Ich bin halt ein Ottakringer Jugo. Letztendlich, was für mich die größte Wahrheit ist: Ich bin Wiener. Mit dieser Aussage fühle ich mich 100 Prozent d'accord. Ich bin Wiener. Das ist meine Stadt. Ich krieg Gänsehaut, wenn ich das sag.

Ist Wien eine "Ankunftsstadt", wo Neuankömmlinge mit offenen Armen, einem gut ausgebauten Netz und funktionierenden Strukturen empfangen werden?

Faris Rahoma: Wollten wir einen Film machen, um Wien ein Denkmal zu setzen? Ja! Hat Wien einen großen Anteil daran, dass die Menschen, die diesen Film gemacht haben, sich gefunden haben? Ja. Wollen wir Menschen mit zwei Kulturen integrieren oder wollen wir sie inkludieren? Das ist die Frage. Wir wollten keinen politischen Film machen, auch wenn das jetzt ein politischer Film geworden ist. Wir wollten eine Komödie machen und über die Vorteile eines Migrationsvordergrundes sprechen. Über einen Film wie Die Migrantigen die positiven Aspekte von Inklusion aufzuzeigen, ist eine große Chance.

Doris Schretzmayer: Die Vorteile von "Migrationsvordergrund" liegen auf der Hand. Wenn Arman, Faris und Aleksandar beispielsweise nicht den Background gehabt hätten, den sie haben, wären die Dreharbeiten am Hannovermarkt gar nicht zustande gekommen. Am Anfang hat man uns am Markt noch mit offenen Armen empfangen. Am dritten und vierten Tag mit 40 Filmleuten sind wir dem einen oder anderen schon langsam auf die Nerven gegangen. Aber die Jungs hatten einen ähnlichen Vibe wie die Standlbesitzer, alle sind irgendwie "von woanders hergekommen". Wäre das nicht gewesen, hätte man uns am fünften Tag der Dreharbeiten rausgeschmissen.

Faris Rahoma: Es reicht, wenn du Standlbesitzern auf Arabisch sagst: Wir sind in zehn Minuten weg. Chill!

Doris Schretzmayer: Wir waren nie in zehn Minuten weg.

Faris Rahoma: Wurscht. Das ist eine arabische Zeitangabe. Er weiß schon, wenn ich zehn Minuten sage, dass es eine Stunde dauert.

Eine TV-Reporterin (Doris Schretzmayer) wird auf der Suche nach typischen Bewohnern eines Viertels mit starkem Migrationshintergrund fündig: Zwei Männer (Faris Rahoma und Aleksandar Petrovic) erregen durch ihr "Ausländer-Sprech" ihre Aufmerksamkeit und werden bald die Stars der Reality-Show. Dass die beiden ihren Migrationshintergrund völlig verdrängt haben und sich diesen für die TV-Show erst künstlich "aneignen müssen", fällt ihr gar nicht auf. Bald steht das Viertel dank der Fake-Doku Kopf.


Seit 9.6.2017 im Kino; www.diemigrantigen.at

Das Interview erschien zuerst in der Wienerin-Ausgabe Juni 2017.

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