Die Liebe und der Rausch

Wer den Kick einer taufrischen Liebe später bei Substanzen wie Alkohol und Drogen sucht, ist auf dem besten Weg in eine gefährliche Dreiecksbeziehung.

Wer liebt, dem wachsen Flügel. Im Rausch einer taufrischen Liebe wird alles bigger, better, faster, stronger. Allein: Ekstase und Euphorie haben eine kurze Halbwertszeit, der Hunger nach Intensität jedoch nicht. Wer den Kick dann nicht gemeinsam mit dem Partner, sondern bei Substanzen wie Alkohol, Drogen oder Pillen sucht, ist auf dem besten Weg in eine gefährliche Dreiecksbeziehung.

Text Petra Hauk Protokolle Petra Hauk, Johanna Hötzmanseder, Gerhard Kummer Foto & Artwork Hedi Lusser/ hedilusser.com

Die Orte, an denen Romanzen beginnen, haben viele verschiedene Namen, aber eines gemeinsam: gedämpftes Licht, blaue Rauchkringel, die Fragezeichen in die Luft malen, aus den Boxen haucht die Lady den Blues und im Glas klimpern die Eiswürfel im Takt mit den Blicken, die man in die Runde wirft. Julia hat ihn gleich bemerkt: den smarten Typen im Hugo Boss-Anzug. Seit zwei Gin Tonic linst er schon zu ihr hinüber. Und nach dem dritten spricht er sie an. Endlich.

Jeder kennt das: Beim Suchen und Finden der Liebe hilft ein Drink ungemein. Über die Selbstzweifel, die Angst vor einer Abfuhr, über das Nicht-wissen-wie-den-ersten-Schritt-Tun. Daran ist nichts Schlechtes. Man ist bloß wie ein Läufer, der sich vor dem entscheidenden Sprint ein bisschen dopt. Im Gegensatz zum Sport ist das ja nicht verboten. Alex, der Hugo Boss-Typ, ist witzig und charmant. Und auch nach dem fünften Gin keine Spur beduselt. Julia bemerkt schon, dass er auffällig oft aufs Klo verschwindet, aber: na und? Zieht er sich eben ein paar Lines rein, ist doch nicht schlimm, Alex ist kein Junkie. Koks, findet sie, ist sowieso heillos überschätzt. So viel gelacht hat Julia jedenfalls selten. Und sich so lebendig gefühlt – schon ewig nicht mehr! Total verknallt und euphorisch fährt sie mit ihm heim. Am nächsten Morgen ist der Hugo-Boss-Anzug immer noch todschick, aber der Kerl darin längst nicht mehr so witzig wie am Vor­abend in der Bar. Eine Beziehung beginnt Julia trotzdem mit ihm. Auch wenn sie in den folgenden Wochen das Gefühl hat, dass Alex nüchtern ein ganz anderer Mensch ist.

Woher dieses Dr. Jekyll & Mr. Hyde-Gefühl kommt, erklärt der Sucht­experte Reinhard Haller in seinem neuen Buch (Un)Glück der Sucht: „Der Rausch kann versteckte, abgewehrte und unterdrückte Seiten der Persönlichkeit, die dem Betroffenen oft gar nicht bewusst sind, zutage fördern. Im Rausch leben wir Anteile unserer Persönlichkeit aus, die wir sonst kontrollieren und zurückhalten.“ Kontrolle, Zurückhaltung, wenig Zeit und ein enges Korsett an Verpflichtungen – das schleppt jeder von XSmall bis XLarge mit sich herum. Und fest steht: Im täglichen Hamsterrad muss auch das mit der Entspannung schnell gehen. Mit Alkohol, Kokain, Marihuana oder Tabletten funktioniert das nun mal ganz leicht. Wer ständig die Zügel anzieht, hat das Recht, auch mal locker zu lassen – sagt Alex immer dann zu Julia, wenn er wieder „drauf“ ist. Sie sieht die ganze Sache mittlerweile nicht mehr so locker wie am Anfang, schließlich kostet das Zeug einen Haufen Geld. Und die Hangovers am nächsten Tag dauern auch immer länger. Aber aufgeben? Das macht man mit einem Brief, sagt sich Julia, und nicht mit einer Beziehung, die sonst ganz okay ist. Sie weiß genau, irgendwann wird er ihr zuliebe damit aufhören, das hat er doch versprochen. Was Julia nicht klar ist: Alex ist süchtig. Und sie selbst ist co-abhängig.

Sucht und Co-Abhängigkeit: Wie es Menschen damit erging und was man dagegen tun kann, lesen Sie in der Dezember-Ausgabe der WIENERIN.

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