"Die Kinder sind in dieser Krise nicht mitgemeint!"

Im März wurde viel über Bildungsungleichheit, Homeschooling, Care Arbeit und die Folgen für Schulkinder diskutiert. WIENERIN-Gastautorin Marita Haas fragt sich: Wo bleibt jetzt im 2. Lockdown dieser Diskurs - und vor allem die Lösungen?

Homeschooling

Auf die Frage "Warum sind die Schulen zu?" erhält man je nach Partei die Antwort, dass sie aufgrund der damit zusammenhängenden Bevölkerungsbewegungen wohl doch massiv zum Infektionsgeschehen beitragen würden; oder aber, dass die Schulen "eh offen" sind. Für die, die es brauchen. Wer braucht die Schule? Offenbar werden Schulen jetzt als Betreuungsinstitutionen gesehen, die Eltern dabei helfen sollen ihren Job zu machen. Dass es die Kinder sind, die die Schulen brauchen, dass es die Kinder sind, die Bildung brauchen, das fällt hier ein Stück weit unter den Tisch.

Warum sind die Lehrer*innen vor Ort jetzt plötzlich Betreuer*innen? Warum wird nicht unterrichtet? In der Volksschule ums Eck waren letzte Woche tageweise 60 Kinder anwesend. Sie hatten Spaß, haben irgendwelche Zettel ausgefüllt. Lehrer*innen waren anwesend, allerdings nicht im selben Ausmaß wie normal (wohl aufgrund von Betreuungspflichten!) und die über die zu Beginn der Woche zusammengebrochene SchoolFox App verteilten Aufgaben mussten dann abends (und mit Unterstützung der Eltern) nachgeholt werden.

Alle finden es ja viel besser jetzt. Selbst die kritischen Stimmen vom letzten Wochenende sind nach ein paar Tagen verebbt. Haben wir uns an den Lockdown gewöhnt? Oder haben wir vielleicht alle resigniert. Resigniert weil nämlich – im Gegensatz zum Frühjahr – der Diskurs über Gleichberechtigung zwischen Männern* und Frauen*, der Diskurs über Ungleichheit in der Bildung sehr wohl am Tisch war und zwar die ganze Zeit. Nur: passiert ist eben trotzdem nichts. Die Behauptungen dass Schulen nun auf distance learning "umgestellt" haben, dass sie das "können", hat sich übrigens auch als falsch herausgestellt. Abgesehen davon, dass seit Frühjahr weder Kinder noch Schulen mit ausreichend Geräten, Breitband und damit verbundenen Hilfestellungen ausgestattet wurden, ist mein Star der Woche jene Elternvertreterin, die den Lehrer*innen eines Gymnasiums in Wien per E-Mail erklärt, wie man am besten Google Classroom benutzt. Detaillierungsgrad: "Wenn Sie sich in Google Classroom einloggen, ist oben rechts ein Viereck aus 9 Punkten, das zu weiteren Google Apps führt. Wenn Sie dort draufklicken, befindet sich Kalender in der 3. Zeile in der Mitte." Sie erklärt nachhaltig, wie, wie oft und wann Kommunikation stattfinden sollte, damit die Kinder nicht überfordert sind und auch eine Chance haben ihre Arbeitsaufträge hochzuladen. Überforderung als Stichwort hat sich nicht einfach verflüchtigt, auch ungleiche Teilhabechancen sind nicht vom Tisch!

Und: Ist eigentlich schon irgendjemandem aufgefallen, dass jene Institutionen, die im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe, im Bereich der Lern- und Sprachbetreuung arbeiten, also all diejenigen, die schon immer alles abfangen, was das herkömmliche System in Österreich nicht leistet, dass diese Institutionen und Personen alle weiterarbeiten, aber nicht sichtbar sind? Oder hat jemand schon über Teststrategien für mobile Jugenddienste, für Jugendcafés, gesprochen?

Was sonst noch anders ist: Niemand spricht mehr von "Corona-Ferien", auch die Kids nicht.

Als uns letzte Woche in der Pressekonferenz vier Männer erklärten, wie der Lockdown 2.0 aussehen würde, als der Bundeskanzler sagte, man soll sich eine Person aussuchen, mit der man sich während des Lockdowns weiterhin trifft, war die Reaktion meiner 12-jährigen Tochter: "Ok, ich weiß schon, wer das bei mir sein wird!" Wir alle waren uns einig, dass sich das aber gar nicht an sie gerichtet hatte. Kinder sind nämlich in dieser Krise nicht mitgemeint.

 

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