Die Jagd nach dem Kick: Warum manche Menschen immer das Aufregende suchen

Es soll ja Menschen geben, denen jedes Risiko ein Gräuel ist. Aber viele suchen ab und zu nach einem Kick. Einem kleinen, gefährlichen Abenteuer, um sich lebendig zu fühlen.

Ein fester Freund, ein Job von nine to five, und täglich grüßt das Murmeltier? - Nix für Vera:

Routine engt mich so ein, dass ich das Gefühl habe, keine Luft mehr zu kriegen
Vera, Schauspielerin

Zur Zeit arbeitet sie mal da, mal dort ein paar Stunden und spart darauf, demnächst wieder für drei Monate nach New York zu fahren. Letztes Jahr war sie auch dort, stand auf einmal mit einem Riesenkoffer zwischen den Wolkenkratzern, kannte niemanden und wusste nicht mehr weiter. "Na, dann bin ich halt in jedes Geschäft gegangen und hab' nach Arbeit gefragt. Also wirklich: Wilde Angebote habe ich da bekommen, Striptease und so was ..."

Doch egal, irgendwann war ein annehmbarer Job da, Vera knüpfte Kontakte zur New Yorker Künstlerszene - und verlief sich eines Abends in East-Harlem. Eine Situation also, die jeder weiße New Yorker fürchtet wie einen Köpfler in ein Haifischbecken. "Da kam so ein Ghetto-Brother auf mich zu, und ich dachte: Jetzt bist du tot. O.k., hab' ich ihn halt angelächelt - lächeln ist ja international immer gut - und da wurde er ganz nett und hat mich sogar zu einer Busstation gebracht." Veras coole Bilanz des New-York-Trips: "Super. Das tut dem Ego schon gut, wenn man dort überlebt."

Lust auf Abenteuer

Vor einer neuen Situation stehen. Spüren, wie sich der Magen vor Angst zusammenzieht. Dann doch den Sprung ins Unbekannte wagen. Und sich damit explosionsartig in den höchsten Level von Lebendigkeit katapultieren - Vera scheint zu jener Spezies Mensch zu gehören, die der amerikanische Psychologieprofessor Marvin Zuckerman als "Thrill-Seekers" kategorisiert.

Seit 40 Jahren beschäftigt sich Zuckerman mit dem Phänomen der "Jagd nach dem Kick". Seine Erkenntnis:

Es gibt einfach bei manchen eine Veranlagung dazu, von den verschiedensten Arten riskanten Verhaltens angezogen zu sein. Solche Menschen rasen zum Beispiel gern mit dem Auto, lieben Achterbahnfahren, fühlen sich von aufregenden, aber unzuverlässigen Menschen angezogen, nehmen auch Drogen und suchen in jedem Aspekt ihres Lebens nach extremen Erlebnissen.
Marvin Zuckerman

Und: Wenn sie solche Intensiv-Erfahrungen und Kicks eine Zeitlang nicht haben können, fühlen sie sich wie bei lebendigem Leib begraben.

Angeborene Neu-Gier


Man muss jedoch nicht ein typischer Thrill-Seeker sein, so Psychotherapeut Dr. Dieter Schmutzer, um dann und wann gerne von einer Klippe zu springen. Im Prinzip, so meint er, ist die Lust auf Neues, auf Veränderung und Bestätigung in jedem Menschen angelegt: "Wir kommen auf die Welt, und das große Abenteuer beginnt. Ein Baby macht jeden Tag neue Erfahrungen, es muss sich in der Welt zurechtfinden und ständig seinen Radius erweitern." Neugierde ist also tief im menschlichen Naturell verwurzelt - und ihre Befriedigung sorgt, so Schmutzer, "immer für ein Stück Lust und Selbstbestätigung".

Das Problem mit der angeborenen Neugierde ist nur, dass wir, je älter wir werden, auch an um so mehr Grenzen stoßen. Das darf man nicht, das soll man nicht, das traut man sich nicht - und irgendwann plätschert das Leben nur mehr in fader Spannungslosigkeit dahin. Alles ist bekannt, vertraut, und nichts schmeckt mehr nach dem pikanten Aroma der Gefahr.

Neugier ist tief im menschlichen Naturell verwurzelt und ihre Befriedigung sorgt immer für ein Stück Lust und Selbstbestätigung.
Dr. Dieter Schmutzer, Psychotherapeut

An genau diesem Punkt hakt die Tourismusindustrie ein - mit dem Versprechen, per Buchung zwei Wochen Abenteuer, Erotik und Lebenslust satt zu liefern. Dementsprechend hoch sind die Hoffnungen und Erwartungen, die die meisten von uns in ihren Urlaub setzen - und dementsprechend hoch ist auch die Alkohol- und Affären-Anfälligkeit an den Badestränden dieser Welt. Dr. Dieter Schmutzer hält den programmierten Exzess jedoch nicht wirklich für ein geeignetes Ventil. Denn: "Wenn ich dauernd zugedröhnt bin, reduziere ich mich auf eine Hülle, die ständig abgefüllt ist, damit sie nicht leer ist. Und ich nehme mir damit die Chance, echte Gefühle zu erleben. Das ist kein wirkliches Abenteuer, sondern Plastik."

Auf authentische Reise-Abenteuer hingegen hat sich die 29-jährige Wienerin Marika eingelassen. Zum Beispiel: acht Wochen Paraguay. Helfen in einer Missionsstation im Dschungel. Schlafen in einer Holzbaracke, sich waschen mit Brunnenwasser, in dem die Malaria-Larven schwimmen. Ein anderes Mal: zu zweit mit einer Freundin in Südamerika auf Trecking-Tour. Globetrotter treffen, Einheimische kennen lernen und nicht wissen, wo man am nächsten Tag landen wird. Adrenalin pur also. Marika: "Wenn man etwas durchplant, nimmt man sich den Kick. Aber in so einer Spontanität spürst du dich total, bist nicht so zugemüllt von allen möglichen sekundären Gefühlen. Du spürst ganz elementar Angst, Freude, Erwartung und Neugierde. Jedes Gefühl ist potenziert." Ein komisches Ding jedoch, so Marika, ist nach so einem Trip das Heimkommen: "Du hast teilweise das Gefühl: Da gehör' ich gar nicht mehr her. Du hast einen irren Energiepegel, und der sinkt dann zu Hause ganz drastisch ab. Abenteuer machen süchtig, da muss man aufpassen, dass es nicht eine Flucht aus der Realität ist, weil man sich vielleicht mit gewissen Dingen zu Hause nicht auseinander setzen will."

Das Gleichgewicht zwischen Bodenhaftung und Höhenflügen finden - das ist, so Schmutzer, die Herausforderung. Denn: "Ist die Kurve der Reize zu flach, geht es in Richtung Depression. Sind sie zu extrem, wie bei einer Hochschaubahn, geht es psychisch in Richtung Manie." Die Fragen, die sich also jedem Menschen stellen: "Wie viel Kick brauche ich, um mich wieder lebendig zu fühlen? Und: Kann ich ungefährliche Formen entwickeln, wieder mehr Spannung in meinen Alltag zu bringen?"

Risiko in Grenzen


Als - halbwegs - ungefährliche Form, etwa in sein eingeschlafenes Liebesleben wieder mehr Schwung zu bringen, nennt Schmutzer den kleinen Flirt. "Das weckt in einem bestimmte Bilder und Fantasien, man fühlt sich erotisch und begehrt. Und diese Gefühle kann man in seine Stammbeziehung wieder mit einbringen." Oft genug - wer wüsste das besser als ein Sexualtherapeut - werden solche Flirts aber auch in die horizontale Tat umgesetzt. Früher oder später, sagt er, gehen fast alle Menschen in fixen Beziehungen fremd. Und: "Frauen holen da mit Sicherheit auf. Sie gestehen sich ihre sexuellen Wünsche und Bedürfnisse heute viel mehr zu, und sie nehmen sich die Freiheit, auch einmal einfach auszuscheren und auszubrechen."

Erotische Ausbrecherin


Die 34-jährige Helen ist so ein Fall. Nachdem sie jahrelang eher instabile, aber dafür sehr aufregende Beziehungen hatte, lebt sie jetzt seit fünf Jahren mit ihrem Freund zusammen. Der zu ihr hält, sie liebt und, wie sie mit schlechtem Gewissen sagt, "sicher nie betrügt". Der abenteuerlustigen Helen ist der sichere Beziehungshafen jedoch zu lau: "Mir fehlt da einfach dieses gewisse Prickeln. Das kriege ich aber, wenn ich zum Beispiel auf der Straße einem Mann in die Augen schaue und sehe, dass ich ihm gefalle. Oder wenn ich auf einer Party jemand Interessanten kennen lerne ..." - Wie Clemens, ihre letzte Affäre. Ein verheirateter Mann, den wie sie der Ruf der Wildnis lockte. Zuerst trafen sie sich nur zum Essen und Plaudern. Dann, so sagt sie, "ist die Luft zwischen uns immer dichter geworden. Jede Geste, jeder Blick war aufgeladen mit Zweideutigkeiten. Und dieses Gefühl - wir dürften nicht, aber es wird trotzdem bald so weit sein - wahnsinnig erotisch und spannend!" Zwei Monate lang dauerte das Verhältnis schließlich - bis Helen und Clemens einen Schlussstrich zogen, weil ihnen das Ganze zu heiß wurde. "Unsere Beziehungen wollten wir denn doch nicht zerstören. Aber wir haben uns in den paar Wochen wie die absoluten Sexgötter gefühlt ... und das war mir das Risiko wert."

Das Leben ist zu kurz, um brav zu sein - eine Frau wie Helen würde diesen Satz sofort unterschreiben. Aber sie gehört wahrscheinlich auch zu der Spezies der "Thrill-Seeker". Vorsichtigere Menschen, so weiß Dr. Schmutzer, stehen in so einem Fall erst mal am Beckenrand und überlegen: "Trau' ich mich? Stürz' ich mich da rein? Was kann das für Konsequenzen haben? Lass' ich's darauf ankommen?" - Im Prinzip kann es oft durchaus genügen, sich die heiße Affäre nur auszumalen: "Denn das wirklich Spannende sind ja die Fantasien, die Bilder, sich die Gefühle vorzustellen. Und so kann man die Troubles einfach auslassen."

Verzicht als Chance


Bleibt das Abenteuer nur im Kopf, und jemand entscheidet sich, etwas nicht auszuleben, kann das durchaus ein befriedigendes Gefühl sein. Man hat verantwortlich gehandelt, man hat einen kleinen Nervenkitzel einem höheren Wert untergeordnet. Haarig wird es jedoch, wenn man so richtig "dem Partner zuliebe" auf etwas verzichtet. Schmutzer: "Denn dann macht man den Partner dafür verantwortlich, und es bleibt Ärger, Groll und Enttäuschung. Und diese negativen Gefühle kriegt der andere dann auch ab." Deshalb gibt es in puncto Abenteuer auch nur ein richtiges Verhalten: die bewusste Entscheidung. Dagegen oder dafür. Ist es Letzteres, dann, so Schmutzer, "bekommt die Spielerei auf einmal eine weitere Bedeutung. Ich lasse mich auf etwas Neues ein - und werde also wirklich in aufregendes Neuland kommen ..."

"Ich bin gebunden, aber ab und zu habe ich Affären. Das Schönste ist eigentlich immer die Zeit vor dem ersten Kuss, wenn man noch nicht weiß, was passieren wird. Ich liebe diese Spannung."
Helen, 34

"Mir ist mein Job Abenteuer genug, denn ich bin in der Eventbranche, wo immer etwas Unvorhergesehenes passieren kann. Da kriege ich den Adrenalinstoß, muss unter Stress Lösungen finden."
Antje, 29

"Ich liebe die vielen Abenteuer auf Reisen. Es macht richtig süchtig. Aber man muss aufpassen, dass es nicht eine Flucht aus der Realität wird, weil man mit sich zu Hause nicht zurechtkommt."
Marika, 29

"Mir wird immer fad, wenn ich zu lange an einem Ort bin. Ich habe sieben Jahre im Ausland gelebt. Und wenn man sich trotz der anderen Sprache und Mentalität dort durchsetzt, macht einen das stärker."
Elke, 39

"Sex im Freien finde ich wahnsinnig aufregend. Etwa im Gebüsch fummeln, während nebenan die Leute vorbeigehen. Oder im Auto, wenn die Scheiben beschlagen, und die Polizei fährt langsam vorbei."
Birgit, 27

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