Die Herausgeberinnen von "Schlachtfeld Elternabend" im Interview

Bettina Schuler und Anja Koeseling haben das Buch "Schlachtfeld Elternabend" herausgegeben. Gemeinsam mit Autorin Heike Abidi erzählen sie von ihren Erfahrungen mit Helikopter-Eltern und überforderten Lehrern.

Für "Schlachtfeld Elternabend" haben Bettina Schuler und Anja Koeseling die besten Elternabend-Geschichten von Eltern und Lehrern zusammengetragen: Ob es um überbesorgte Helikoptermütter geht, die ihre Kinder am liebsten selbst unterrichten würden, um überforderte Lehrer, die sich kaum ihren eigenen Namen merken können, oder um den ahnungslosen Vater, der schon am Weg zur Schule scheitert – die gesammelten Erzählungen haben allesamt hohen Wiedererkennungswert und betrachten den Schulalltag mit dem nötigen Augenzwinkern.
Gemeinsam mit Autorin Heike Abidi erzählen Sie von persönlichen Erfahrungen aus dem "Krisengebiet des Alltags".

In den ersten Kapiteln nehmen Sie eine Typologie von Eltern und Lehrern vor, unterscheiden zwischen Althippies und Helikoptereltern, zwischen Frau Öko und Herrn Oberstudienrat. Vor welchem Typ Lehrer und Eltern sollte man sich besonders in Acht nehmen?

Anja Koeseling: Vor dem humorlosen. Diesen Typ sollte man schon bei Beginn des Elternabends mit Schokolade füttern. Das ist auch der Grund, warum es auf Elternabenden so häufig kleine Teller mit Süßigkeiten gibt. Allerdings neigt der humorlose Typ dazu, Zucker abzulehnen.

Bettina Schuler: Ich persönlich finde die Helikopter-Eltern ganz besonders schlimm, weil sie einem selbst immer das Gefühl geben, man würde sein Kind komplett vernachlässigen. Ich erinnere mich immer wieder gern, wie ich einem Kind auf dem Spielplatz einen Schokoladenkeks in die Hand gedrückt habe, weil es dem Keks, der in dem Mund meiner Tochter verschwand, voller Sehnsucht nachgeschaut hat. Nur eine Sekunde später stand eine Mutter vor mir und fragte mich völlig hysterisch, ob denn Zucker in dem Keks gewesen sei. Was ich bejahte, denn natürlich kaufte ich für meine Tochter keine kalorienfreien Kekse. Woraufhin diese Mutter mir einen ellenlangen Vortrag darüber hielt, wie schädlich Zucker für was-weiß-ich-nichtwas ist und wie ich die zukünftige Gesundheit meines Kindes mit der Vergabe von Zucker ruinieren würde. Wir sprechen hier nicht von einem Baby, sondern von einem vierjährigen Kind, das weder Diabetes hatte noch fettleibig war und dem bei dem Anblick des Kekses
Tränen in den Augen standen und dem meiner Meinung nach dank der Tatsache, dass seine Mutter
ihm den Keks daraufhin beherzt aus der Hand riss, einen größeren Schaden davon getragen hat, als wenn es den bösen Schokokeks aufgegessen hätte.

Welches Elternabend-Erlebnis ist Ihnen persönlich am nachhaltigsten in Erinnerung geblieben?

Anja Koeseling: Die Diskussion um den Zucker. Es handelte sich um einen KiTa-Elternabend und diese KiTa war eine Elterninitiative, was vor allem bedeutet: viel Initiative, jeglicher Art. Klettergerüste und zerbrochene Stühle renovieren, auf den Sommerfesten wahlweise
Crêpe backen oder Schwerter schlucken und auf die Kinder aufpassen, wenn Erzieherinnen ausfallen. Aber vor allem: kochen. Viel kochen - für Kinder und Erzieherinnen. Und da dies ein vollwertiger Kindergarten war, haben wir mit Honig und anderen Sachen gesüßt.
Nun hatten aber einige Eltern beschlossen, dass „süß“ an sich schon Teufelszeug war. Es endete jedenfalls damit, dass die Kinder künftig zum Nachtisch Magerquark mit gar nichts bekamen. Das schmeckt ungefähr so lecker wie Mörtel mit einem Schluck Tapetenkleister. Ich erinnere mich nur nicht mehr, ob die Kinder es tatsächlich gegessen haben…

Im Idealfall verliert keiner die Schlacht, sondern alle gewinnen irgendwie. Und wenn es auch nur eine absurde Geschichte ist, die man irgendwann mal zum Besten geben kann.
Heike Abidi

Nachdem Sie nun mit zahlreichen Eltern und auch Lehrernfür dieses Buch gesprochenhaben: Sind wirklich alle Elternverrückt? Und hat der Lehrer
manchmal nicht doch Recht?

Bettina Schuler: Natürlich haben die Lehrer manchmal Recht. Und in anderen Fällen wieder die Eltern, wie das ebenso ist im Leben. Doch wie geht es dem Kind eigentlich dabei? Das wird doch viel zu selten gefragt. Dabei sollte es doch immer darum gehen, was für das Kind in der jeweiligen Situation gut ist und nicht ob die Eltern wollen, dass es auf Gymnasium geht. Doch heute gibt es eben immer nur Top oder Flop. Nichts dazwischen und auch für die Kinder gibt es keine Zeit mehr, sich in ihrem eigenen Rhythmus zu entwickeln.

Heike Abidi: Jeder spinnt anders – das gilt für Eltern genauso wie für Lehrer und Schüler. Es geht nicht darum, Recht zu haben, sondern darum, miteinander klarzukommen. Im Idealfall verliert keiner die Schlacht, sondern alle gewinnen irgendwie. Und wenn es auch nur
eine absurde Geschichte ist, die man irgendwann mal zum Besten geben kann.

Welche Ratschläge können Sie den jeweiligen Parteien mit auf den Weg zum nächsten Elternabend geben?

Heike Abidi: Locker bleiben. Grinsen statt keifen. Und nicht vergessen: Es geht hier nicht um die Weltherrschaft, sondern um Kinder. Am besten tun Sie nichts, was Ihrem Nachwuchs peinlich wäre.

Bettina Schuler: Verlieren Sie auf keinen Fall Ihren Humor, sonst werden Sie untergehen.

Schlachtfeld Elternabend Cover

Bettina Schuler, Anja Koeseling (Hrsg.): "Schlachtfeld Elternabend. Der unzensierte Frontbericht von Lehrern und Eltern.", Eden Books, € 10,30.

Bettina Schuler wurde 1975 geboren und lebt und arbeitet als freie Journalistin und Autorin in Berlin.

Anja Koeseling, geboren 1974, war als Journalistin und Publizistin tätig, bevor sie anfing, im Marketingbereich zu arbeiten. 2008 gründete sie die Literaturagentur Scriptzz.

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