Die größte Flüchtlingskrise der Welt, über die niemand redet

"Häuser, die verbrannt wurden, Frauen, die vergewaltigt wurden, Familienmitglieder, die vor ihren Augen erschossen wurden." Jennifer Bose, Mitarbeiterin der Hilfsorganisation Care, war im Camp Balukhali in Bangladesch, wo derzeit 250.000 Geflüchtete leben.

Die Situation in Bangladesch spitzt sich zu: immer mehr Menschen fliehen aus dem Myanmar, wo brutal gegen einen Teil der Bevölkerung, die Rohingya, vorgegangen und gemordet wird. Die UNO-Flüchtlingshilfe geht inzwischen von insgesamt 900.000 Flüchtlingen seit August aus: die größte Flüchtlingskrise der Welt.

Die Rohingya, eine sunnitische Bevölkerungsgruppe, werden in Myanmar offiziell nicht als eigenständige Bevölkerungsgruppe anerkannt. Von den Vereinten Nationen werden sie als die „am stärksten verfolgte Minderheit der Welt“ eingestuft. Allein im Camp Balukhali in Bangladesch leben derzeit 250.000 Menschen. Jennifer Bose, Mitarbeiterin der Hilfsorganisation Care, war zwei Wochen lang vor Ort und hat das, was sie dort gesehen hat, in einem rührenden Blog-Beitrag zusammengefasst.

Mein erster Gedanke während wir uns auf matschigen Wegen durch Menschenmassen drängen: Wie können Menschen hier überleben? Verschwitzt und überwältigt gehen wir Richtung Balukhali, zum größten Flüchtlingscamp in Bangladesch. Insgesamt sind über eine halbe Millionen Rohingya in den letzten sechs Wochen auf der Suche nach Sicherheit hier her geflohen. Die meisten von ihnen wirken apathisch. Man sieht ihnen die Grausamkeiten, die sie erlebt haben, beim ersten Hinsehen gar nicht an. Häuser, die verbrannt wurden, Frauen, die vergewaltigt wurden, Familienmitglieder, die vor ihren Augen erschossen wurden.

"Frauen und Mädchen haben es besonders schwer"

Es stinkt. Nicht nur die Situation stinkt, sondern wortwörtlich riecht es nach Urin, Schweiß, Fäkalien und Müll. Es gibt nicht genügend Toiletten in den Camps, daher gehen die meisten ins offene Feld, um sich zu erleichtern. „Das ist ein großes Problem“, erzählt mir Abdulmannan, „der Müll und Dreck führen zu Krankheiten“. Er selbst ist Flüchtling, dennoch kümmert er sich um das Wohlbefinden von 100 Familien. Frauen und Mädchen haben es besonders schwer. Sie warten üblicherweise bis in die Nacht oder waschen sich in ihren Zelten, auf verzweifelter Suche nach Privatsphäre.

Wir treffen Abdulmannan auf dem zentralen Platz, an dem täglich Lebensmittel verteilt werden. Hunderte von Frauen und Kinder stehen in Schlange hinter einem Bambuszaun und warten auf die Verteilung von Reissäcken. Insgesamt sind über 145.000 Kinder aufgrund der Flüchtlingskrise mangelernährt.

Yusuf hat seine Eltern und seine Schwester verloren

Abdulmannan führt uns zu den Familien. Auf dem Weg sehe ich Kinder ohne Kleidung und Schuhe, Frauen, die volle Wasserbehälter auf ihren Schultern tragen und Plastikzelte, soweit das Auge reicht. Das Camp platzt aus allen Nähten. Jeder Zentimeter ist dicht besiedelt. Selbst auf Hügeln, die scheinbar unmöglich zu erreichen sind, stehen die kleinen Bambus- und Plastikkonstrukte. Sie dienen lediglich als Sichtschutz. Denn wenn die Sonne scheint, heizen sich die Zelte auf unerträgliche Temperaturen auf. Und wenn es regnet – wie fast jeden Tag – rinnt Wasser hinein.

„Und dann haben sich mich vergewaltigt. Nicht einmal, nicht zweimal, sondern drei Tage lang“

Nach fast 20 Minuten durch Schlamm und Matsch erreichen wir die Behausung von Begum*. Ihr dunkles und schwüles Zelt teilt sie sich mit einer weiteren Familie. Sie hält ihren ein-jährigen Sohn im Arm. Begum erzählt, wie Männer gekommen seien und sie entführt haben „Und dann haben sich mich vergewaltigt. Nicht einmal, nicht zweimal, sondern drei Tage lang“, erzählt sie mir. Sie ist nicht traurig. Sie ist wütend.

„Ich war mich sicher, ich würde sterben, aber als ich an meine Kinder dachte, wusste ich, dass ich überleben muss“, sagt sie. Momentan fehlt ihr Essen am meisten. „Ich wünsche mir, dass ich meine Kinder ernähren kann und sie hier zur Schule gehen können, damit wir uns ein neues Leben aufbauen können“, sagt Begum. „Ein neues Leben, ohne Gewalt und in Frieden“.

*Name geändert

Das Nothilfe-Team von CARE ist rund um die Uhr im Einsatz, verteilt warme Mahlzeiten, unterstützt die medizinische Versorgung durch mobile Kliniken und plant 11.000 Kinder mit therapeutischer Zusatznahrung zu erreichen. "Viele Familien schlafen in Feldern und auf schlammigen Wegen, weil sie nirgendwo anders hin können. Sie brauchen dringend sauberes Trinkwasser, Essen und einen sicheren Schlafplatz, bevor der Regen ihre Situation verschlimmert", sagt Zia Choudhury, CARE-Länderdirektor in Bangladesch.

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