Die große Wurst-Verschwörung

Nichts ist den Österreichern so heilig wie ihr Fleisch. Wer die Wurst beleidigt, beleidigt gleich die gesamte Nation. Krebserregend? Ungesund? Bei uns sicher nicht.

Eines vorweg: ich esse kein Fleisch. Aus verschiedenen Gründen nicht. Aber ich verurteile auch Menschen nicht, die es tun. Schließlich ist das ihre Entscheidung. Umgekehrt sind die Reaktionen auf meinen Vegetarismus schon immer sehr „amüsant“ gewesen. Viele FleischesserInnen verspüren den Drang, mich zurechtzuweisen oder ihre eigenen Ernährungsgewohnheiten ungefragt verteidigen zu müssen (dazu hier mehr). Aus einer Familie kommend, in der (Schweine-)Fleischkonsum einer Religion gleicht, ist das für mich aber nichts Neues. Speck zum Frühstück, Fleischeintopf zu Mittag, eine Wurstplatte zum Abendmahl – ich habe sie alle schon gesehen. Solche Ernährungsgewohnheiten sind, gelinde gesagt, zwar etwas einseitig, aber wie gesagt: jedem seins.


Man könnte also meinen, ich bin einiges gewöhnt. Doch die Reaktionen auf den WHO-Bericht, der verarbeitete Fleischprodukte und rotes Fleisch als krebserregend einstuft, haben selbst mich überrascht. Sie zeigen: Wurst ist nicht bloß Wurst – sie ist Kulturgut, sie ist Religion, sie ist Lifestyle.

Eine Ode auf das Schwein


Eine besondere Rolle kommt dabei dem Schweinefleisch zu. Als kulturelles Phänomen ist es vor allem Abgrenzung jenen gegenüber, die keines essen. In Zeiten wie diesen heißt es da vielerorts schon mal: „Denen zeigen wir's! Jetzt erst recht einen saftigen Schweinsbraten!“ Der österreichische Schriftsteller Aloys Blumauer schrieb gar eine Ode auf das geliebte Tier: "Dichter begeisterst du, Eicheln bemeisterst du, Alles verzehrest du, Christen ernährest du, Gütiges Schwein."


Und: Schwein ist nicht gleich Schwein. Intelligent sind sie zwar alle, doch es erwartet sie ein höchst unterschiedliches Schicksal. 400-Kilo-Schweine, denen Mozartmusik vorgespielt wird (!), oder junge Ferkel, die bereits im zarten Alter vor ihren Schlächter treten – auch in Österreich haben Schweine die unterschiedlichsten Lebensstile und Schicksale. Doch eines haben sie alle gemeinsam: sie sind – tot, geräucht und gesalzen – ein verehrtes Kulturgut.


Wir sollen gar stolz sein auf unsere Wurst, die beste Wurst der Welt, ließ der Landwirtschaftsminister Andrä Rupprechter (ÖVP) nach dem WHO-Bericht eilig verlautbaren. Diese unsäglichen Erkenntnisse seien eine „Farce“ und würden die Menschen nur verunsichern. Eine Relativierung von höchster Stelle also – da ist dem gemeinen Österreicher die Wurstsemmel dann doch nicht im Hals stecken geblieben. Wie könnte es anders sein, lachte gleich noch eine schicke Wurstplatte mit unserem Klima-Aktiv-Minister um die Wette.

Wir schmeißen eine Wurstparty


Massentierhaltung? Umweltprobleme aufgrund des hohen Tierfutterbedarfs? Krebsrisiko!? Das alles gilt nicht für die österreichische Wurst. Um das der ganzen Welt zu beweisen, schmiss Rupprechter am nächsten Tag sogleich eine tierisch gute Wurstparty im Parlament. In der Pause des Landwirtschaftsausschusses wurden die Abgeordneten mit Köstlichkeiten aus dem Lafnitztal verwöhnt. Damit wollte er noch einmal auf die hohe Qualität österreichischer Lebensmittel hinweisen und die Regionalität herausstreichen.


Die große Verdrängung der Wurst-Frage macht aber nicht beim Landwirtschaftsminister halt. Eine Umfrage des AMA-Gütesiegels zeigt, dass 71 Prozent der ÖsterreicherInnen Fleisch für ein gesundes Nahrungsmittel halten. Die mit Abstand am häufigsten konsumierte Fleischsorte: Schwein. 18 Prozent essen mehrmals die Woche Schweinefleisch. Gleich dahinter kommt Faschiertes (ja, als eigene Kategorie), von dem 40 Prozent behaupten, es mehrmals pro Monat zu essen.


Der Griff zum Schwein hat viele Gründe – auf den ersten Plätzen matchen sich der „gute Geschmack“, dass es „preisgünstig“ ist und „einfach in der Zubereitung“. 56 Prozent kaufen es „für die Familie“.

Nochmal Schwein gehabt


Dann endlich: die Erlösung. Die WHO gab – wie eigentlich bereits in der ersten Aussendung, die vor lauter Panik wohl nicht allzu aufmerksam gelesen wurde – am Donnerstag noch einmal in aller Deutlichkeit bekannt, dass man nicht komplett auf das geliebte Fleisch verzichten muss. Nochmal Glück gehabt! Und überhaupt: die 800 Studien können laut eifrigen ZeitungskommentatorInnen sowieso nicht stimmen. Schließlich seien die Ergebnisse alt, und Wurst heutzutage nur noch Bio, schonend zubereitet, und mit ganz vielen wichtigen Vitaminen und Nährstoffen angereichert, wie auch die richtigen ErnährungswissenschafterInnen zustimmend schnell klarstellten.


Also hat Rupprechter doch Recht: die WHO verunsichert nur die Menschen. Dreimal die Woche Wurst und rotes Fleisch müssen okay sein. Das sehen auch die deutschen Nachbarn so, die uns in Sachen Ernährungsgewohnheiten um nichts nachstehen. Der deutsche Bundesernährungsminister Christian Schmidt ließ verlautbaren: „Niemand muss Angst haben, wenn er mal eine Bratwurst isst.“ Krebsrisiko, nein danke! Darmkrebs ist mit 13 Prozent sowieso nur die dritthäufigste Krebserkrankung der Männer (2.639 Fälle gab es im Diagnosejahr 2012) und mit 11 Prozent die zweithäufigste Krebserkrankung der Frauen (2.020 Fälle).

Alles beim Alten


Wurscht. Wurst ist zwar gefährlich, vieles andere aber auch, titelten die Zeitungen unisono. Zum Beispiel Atomkraft, Gentechnik, Autounfälle. Der Vergleich mit dem Allerschlimmsten funktioniert zur Not immer. No risk, no fun. Und ist Gemüse überhaupt gesund? Schließlich sind Broccoli & Co. auch pestizidverseucht, holen die Wurstverteidiger zum letzten Gegenschlag aus. Ihr Würste, Stelzen und Beinschinken der Welt - vereint euch gegen die Allmacht der Chia- und Goji-Front!


Und was ist jetzt die Moral der Geschicht‘? Richtig: einfach weiterwurschteln.

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