Die Göttin in dir

Ist der Göttinnen-Nimbus ein Schutzmechanismus?

Ja. Göttinnengleiche Frauen ziehen die Männer an wie das Licht die Motten, aber am Ende der Party gehen sie allein nach Hause. Weil sie unnahbar sind und niemanden wirklich an sich heran lassen. Dieses Umschwärmtwerden ist kurzfristig gut fürs Ego, auf Dauer aber nicht befriedigend, weil keine Nähe entsteht.

Warum dann das Ganze?

Das Anlocken und Wegstoßen ist ein Machtspiel. Die Idee dahinter ist: Es liegt an mir und in meinem Ermessen, jemandem Einlass in meine Welt zu gewähren oder nicht – ein zutiefst göttliches Recht. Meist wird diese unnahbare Kühle kultiviert, weil sich eine Frau im Grunde ihres Herzens alles andere als göttlich fühlt, vielmehr hilflos und klein. Aber: Solange ihr keiner zu nahe kommt und sie das Heft in der Hand hält, kann ihr auch nichts Schlechtes passieren. Mit wenigen Ausnahmen
trifft das auch auf die „öffentlichen“ Göttinnen zu. Man denke an eine Marilyn Monroe, eine Maria Callas, eine Greta Garbo. Beruflich wurden sie zu Ikonen hochstilisiert
und bewundert, aber wenn das Rampenlicht aus war, waren sie todunglücklich und allein.

Das Göttinnen-Dasein ist einsam, das war schon in der Mythologie so. Gibt es die Chance auf ein Happy End?

Ja. In Wahrheit geht es darum, dass eine Frau die göttlichen Aspekte in sich erkennt. Und diese auch annimmt. Genauso aber muss man – und da liegt der Knackpunkt – seine eigenen Schwächen anerkennen. Erst diese machen uns zu einem vollkommenen Menschen. Nur wer sich ehrlich eingesteht, nicht perfekt zu sein, kann eins mit sich werden. Menschen mit wenig Selbstbewusstsein glauben fatalerweise, ohne diese Perfektion gar nichts zu sein. Im Idealfall hat eine Frau ihr Göttinnenkostüm im Kasten hängen und zieht es sich über, wenn sie es braucht, etwa um sich in schwierigen Situationen abzugrenzen. So spart sie sich den tragischen Rest der Vollzeitgöttin.

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