"Die Frauen werden es ausbaden müssen"

Die Frage nach der Vereinbarkeit von Kindern und Beruf? Kennen wir. Bereits jetzt kümmern sich viele Frauen aber auch noch um pflegebedürftige Angehörige. Gundi Wentner ist eine von ihnen und ist sich sicher: Die Pflege wird die zweite ungelöste Vereinbarkeitsfrage, die auf dem Rücken der Frauen ausgetragen werden wird.

Gundi Wentner Pflege Vereinbarkeit WIENERIN #aufstand

"Als meine Tochter klein war, haben meine Eltern mich als Alleinerzieherin extrem unterstützt - wobei das beinahe ein Hilfsausdruck ist: Meine Tochter hatte quasi zwei Eltern. Die Situation hat sich dann langsam - das passiert ja nicht von heute auf morgen - gedreht: Mit zunehmender Selbstständigkeit meiner Tochter haben meine Eltern sukzessive mehr Hilfe gebraucht. Mein Vater ist vor zwei Jahren verstorben, meine Mutter braucht heute rund um die Uhr Betreuung. Das alles geht nur deshalb, weil ich als Unternehmensberaterin genug verdiene, um mir Unterstützung leisten zu können. Da braucht man nicht lange drum herumreden.

Vereinbarkeit - ein Frauenthema?

Das Thema Pflege ist bekanntermaßen schon jetzt eines, das viele ungelöste Probleme mit sich bringt. Es wird in der Zukunft nicht weniger, sondern mehr werden: Wir haben bereits fast 500.000 Pflegebedürftige, als Nächstes wird die Babyboomer-Generation alt. Und natürlich werden das die Frauen ausbaden. Sie tun es ja jetzt schon zum Großteil: Knapp eine Million Menschen in Österreich pflegen Angehörige, drei Viertel davon sind Frauen.

Es ist völlig klar: Das wird neben der Kinderbetreuung das zweite Vereinbarkeitsthema für Frauen. So wird das aber von der Politik nicht angesprochen - höchstens ein "Man muss die Angehörigen mehr unterstützen" hört man. Viele Frauen werden, wenn sie einen Pflegefall in der Familie haben, gar nicht mehr arbeiten können. Hätte ich nicht meinen Beruf, könnte ich das zum Beispiel nicht mehr - meine Mutter benötigt jede Minute des Tages Betreuung. Wie sollen das Frauen schaffen, die sich externe Hilfe nicht leisten können, die auch noch Kinder betreuen müssen und deshalb nur Teilzeit arbeiten können?

In Österreich sind 947.000 Personen auf irgendeine Art und Weise in die Pflege und Betreuung einer/eines Angehörigen involviert (ohne Berücksichtigung der Anzahl pflegender Kinder und Jugendlicher – sogenannter Young Carers). Der weitaus überwiegende Anteil an Hilfs-, Betreuungs- und Pflegeleistungen wird von Familienangehörigen erbracht. Davon werden knapp drei Viertel von Frauen übernommen, wobei ein Drittel im Alter von 31 bis 65 Jahre alt ist. Das Durchschnittsalter aller Frauen liegt bei 62 Jahren. 51% gehen keiner Berufstätigkeit nach. (Quelle: BMASGK, Qualitätssicherung in der häuslichen Pflege 2018).

"Wir müssen das das Pflegesystem völlig neu denken"

Es braucht einen klaren Willen der Politik, das zu verändern. Die jetzige Situation ist auch ökonomisch sinnlos: Holt man Frauen aus der Teilzeitarbeit, würde das Wirtschaftswachstum um zehn bis 15 Prozent steigen. Wir hätten weniger Fachkräftemangel. Neben Bildungs- und Betreuungssystem müsste das Pflegemodell völlig neu gedacht, das Pflegegeld diskutiert werden: Wäre es nicht gescheiter, statt Geld Leistung zur Verfügung zu stellen? Es braucht gut ausgebildete Menschen, die das gerne machen, unter anständigen Arbeitsbedingungen. Dieser Beruf verdient Wertschätzung.

Warum lassen sich Frauen das gefallen?

Diese Frage stelle ich mir selbst auch. Ich glaube, es hat viel mit dem Rollenbild zu tun und damit, wo die Gesellschaft den Platz der Frau sieht. Wir bekommen das alle von Anfang an mit, und solange wir konservative Regierungen haben, wird sich das nicht ändern. Dagegen aufzustehen muss man sich auch erst einmal trauen."

Gundi Wentner und viele andere diskutieren beim WIENERIN #aufstand, was sich für Frauen* in Österreich ändern muss - wir wollen auch deine Meinung hören! Zum Programm.

aufstand füße

WIENERIN #aufstand
Sonntag, 17. November 2019
opendoors 13 Uhr, Beginn 14 Uhr
RadioKulturhaus, 1040 Wien

Eintritt frei, Plätze limitiert - hier geht's zur Anmeldung!

 

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