DIE DOHNAL: Gesellschaftlich ist gar nichts gut (außer dieser Film)

Sabine Derflingers Doku über Österreichs erste Frauenministerin kommt gerade zur richtigen Zeit. Und zeigt vor allem: Es gibt noch wirklich viel zu tun.

Die Dohnal

"Ist es notwendig, dass es noch Frauentage gibt?", fragt der namenslose Journalist. Er fragt ein bisserl spöttisch, dazu ein Hauch Arroganz und auch etwas Aggressivität. Er will provozieren. Was er wohl meint ist, dass die Frage der Gleichstellung inzwischen ja mehr als gelöst wäre. Warum also noch das Tamtam um den Frauentag? Es sind die 1980er Jahre und der namenlose Mann stellt seine Frage an Johanna Dohnal, Österreichs erste Frauenministerin.

Es ist nur eine der vielen Absurditäten, mit denen die Regisseurin Sabine Derflinger in ihrem neuen Dokumentarfilm ein oft skurriles, meist aber sehr rückständiges Bild der österreichischen Gesellschaft zeichnet. Auf der anderen Seite der Frauenverachtung und Diskriminierungen steht dafür immer und immer wieder: Johanna Dohnal. Derflinger hat das politische Leben der ehemaligen Frauenministerin in 104 Minuten Dokumentation gegossen. Standesgemäß heißt der Film in einer kleinen Ehrerbietung auch ganz schlicht "Die Dohnal". Was gäbe es auch mehr zu sagen?

Geschichten einer Visionärin

Biographie ist das keine geworden, eher ein persönliches Denkmal der Kämpfe um Frauenrechte. Mit Archivmaterial und persönlichen Geschichten von Wegbegleiter*innen, Unterstützer*innen und Familienmitgliedern blickt "Die Dohnal" nicht nur auf das Leben einer Politikerin, sondern auch auf die jüngere Geschichte der Gleichstellungspolitik in Österreich zurück.

Dohnals Enkelin Johanna-Helen Dohnal erzählt am Rücksitz eines Autos vom Leben mit einer Oma, vor der "die Männer Angst gehabt haben" und bei der sich Frauen hinter den Rücken ihrer Ehemänner auf der Straße bedankt haben, während Dohnals ehemaliger Chauffeur das Auto um die Ringstraße lenkt. "Geraucht hat sie immer gern", sagt er über seine Chefin. Das Portrait, das auch zum Filmplakat wurde, zeigt Johanna Dohnal in Sakko und Hemd. Eine Tschick in der Hand, der Blick fest nach vorn. Entschlossen, geduldig aber vielleicht schon ein bisserl genervt, und voller großer Ideen. "Genau so war sie", sagt Dohnals langjährige Lebensgefährtin Annemarie Aufreiter.

Das ist auch das Gefühl, das man als Zuseher*in von Johanna Dohnal bekommt. Was aber auffällt beim Zuschauen, beim Staunen und Ehrfurcht kriegen vor dieser furchtlosen Frau, ist dann doch ernüchternd. Denn zwischen Erniedrigungsversuchen männlicher Gäste im verrauchten Club 2 und politischen Besuchen bei Wähler*innen merken wir: Eigentlich reden wir ja immer noch über das Gleiche. Über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, über Gewalt an Frauen und Quotenregelungen. Damals wie heute.

Das soll die gleichstellungspolitischen Errungenschaften der letzten Jahrzehnte nicht schmälern. Es ist viel passiert und alles davon ist der Unermüdlichkeit von Frauen wie Johanna Dohnal zuzuschreiben, die allen Ernstes (und auch damals schon fassungslos) noch mit einem Arzt im Fernsehen diskutieren musste, ob eine Vergewaltigung in der Ehe tatsächlich eine Vergewaltigung ist. Und doch bleibt die Gewissheit: Wir mögen weit gekommen sein, aber wir müssen noch soviel weiter gehen, wenn eine gleichgestellte Gesellschaft unser Ziel ist. Feminismus, wenn er intersektional sein soll, darf sich nicht nur um Weiße Frauen kümmern. LGBTQI+-Rechte und rassistische Diskriminierung werden in "Die Dohnal" leider nur am Rande behandelt.

Beruhigend sind aber all die jungen Feministinnen, die zu Wort kommen. Sie machen da weiter, wo Johanna Dohnals Weg aufgehört hat. Und das müssen sie auch. Denn fast vierzig Jahre später muss die Antwort auf die genervte Frage nach der Notwendigkeit von Frauentagen immer noch lauten: Ja.

 

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