Die Caritas startet eine Solidaritätsbewegung für Frauen in Not

"Armut hat ganz viele unterschiedliche Gesichter. Sehr oft ist es das Gesicht einer Frau", sagt die Caritas. Und es stimmt: Frauen sind stärker armutsgefährdet als Männer. Mit #wirtun startet die Caritas eine Spendenaktion für Frauen in Not.

Sie sind Alleinerzieherinnen und Pensionistinnen, sie haben keine eigene Wohnung oder beziehen die Mindestsicherung. Und sie sind viele: 495.000 Frauen ab einem Alter von 20 Jahren sind in Österreich armutsgefährdet. Die Caritas startet nun eine österreichweite Spendenaktion für Frauen in Not: Aus #MeToo soll #wirtun werden.

"Wir wollen Frauen, die von Armut oder Gewalt betroffen sind, Mut machen, möglichst frühzeitig Hilfe anzunehmen. Wir wollen diese oft unsichtbare Form der Armut sichtbar machen", sagt Doris Schmidauer. Österreichs First Lady unterstützt den Fonds für Frauen in akuten Notsituationen. Betroffene Frauen sollen eine Notschlafstelle, Unterstützung bei der Arbeitssuche oder einfach nur Essen und Kleidung für sich und ihre Kinder bekommen. Im Vorjahr wurden von der Caritas so rund 15.000 Frauen unterstützt, reichen tut das bei Weitem nicht: "Wir haben 290 Anfragen auf fünf bis sechs Notquartierplätze in den Mutter-Kind-Häusern", berichtet Claudia Amsz.

Frauen fürchten: "Na, dann muss man dir auch das Kind abnehmen."

Amsz leitet mehrere Mutter-Kind-Häuser der Caritas in Wien, wo Frauen mit ihren Kindern Zuflucht und Unterstützung finden. Gerade das ist wichtig: Die Sorge um ihre Kinder hält viele betroffene Frauen viel zu lange davon ab, sich die nötige Hilfe zu holen. Auch deswegen bleibt die Armut von Frauen unsichtbarer als die von Männern.

"Es stimmt: Wenn man schneller durch die Stadt geht, trifft man öfter obdachlose Männer als obdachlose Frauen und das hat einen konkreten Grund. Frauen wollen ihr Schicksal und das ihrer Kinder nicht so öffentlich sichtbar machen, weil sie Gefahr laufen oder befürchten müssen, dass ihnen die Kinder weggenommen werden", sagt Schmidauer. Frauen verbleiben deswegen oft in untragbaren Situationen. "Sie fürchten, dass wenn sie zugegeben, dass sie es nicht schaffen, der Rückschluss kommt 'Na, dann muss man dir auch das Kind abnehmen'", erklärt Amsz der wienerin.at.

In den Sozialberatungsstellen der Carits wurden im Jahr 2017 österreichweit mehr als 15.000 Frauen direkt unterstützt. Ein Drittel der Klientinnen sind Alleinerzieherinnen, mehr als die Hälfte unter 40 Jahre alt.

Das frauenspezifische Angebot der Caritas umfasst

  • 36 Sozialberatungsstellen in ganz Österreich
  • 10 Mutter-Kind-Häuser der Caritas mit insgesamt 235 Wohnplätzen
  • Häuser für wohnungslose Frauen (wie das Haus Miriam in Wien)
  • unterschiedliche frauenspezifische Projekte, wie Mädchencafés, Mädchenberatung, Zentren für Frauengesundheit, uvm.

Auch kinderlose Frauen scheuen sich, Hilfe zu suchen. Anders als Männer, versuchen Frauen generell viel länger, den Schein aufrecht zu erhalten. Manche Frauen sind etwa obdachlos und gehen trotzdem jeden Morgen zur Arbeit. "Wir merken, dass Frauen erst zu uns kommen, wenn sie wirklich schon eine lange Zeit in schwierigen Verhältnissen verblieben sind. Es gibt Frauen die einen großen Berg an Schulden haben, aber auch Frauen, die in Gewalt- oder Abhängigkeitsbeziehungen stecken und sich irgendwann dann doch trauen, sich da rauszuwagen und sich an uns zu wenden," sagt Amsz.

"Die Männer ham' weniger Genierer."

Warum aber ist es für Frauen so schwierig, Hilfe in Anspruch zu nehmen? "Die Hemmschwelle ist so hoch, man geniert sich einfach. Als Frau musst du ja funktionieren. Männer dürfen auch Fehler machen, Frauen müssen fehlerlos sein. Das war so in mir drinnen, dass ich lang gebraucht hab, um mir helfen zu lassen," sagt Birgit gegenüber der wienerin.at. Zwei Jahre lang hat sie in einer Wohnung ohne Heizung, ohne warmes Wasser und ohne Strom gelebt, bevor sie bei der Caritas Unterstützung gefunden hat.

"Es geht. Irgendwie", sagt sie. Aus der Notschlafstelle "Gruft" habe sie sich Thermosflaschen mit warmen Wasser mitgenommen, um sich waschen zu können. "Daheim habe ich dann mehrere Schichten Gewand getragen und abends immer eine Kerze brennen gehabt, um ein bisschen Licht zu haben. Es war eine harte Zeit. Ich möchte das nicht mehr erleben und ich werde das nicht mehr erleben."

Eine obdachlose Frau ist in einer mehrfach schwierigen Lage. In den meisten Notschlafstellen sind überwiegend Männer, und die nutzen die Situation auch aus. "Es gibt viele Männer, die denken: Entweder schlafst mit mir oder du landest wieder auf der Straße", erzählt Rosi, eine ehemalige Bewohnerin eines Hauses der Caritas. Um aus diesem Teufelskreis aus Armut und Gewalt auszubrechen, braucht es vor allem Mut und, wie Birgit sagt, Öffentlichkeitsarbeit.

Aktionen wie #wirtun sind für sie der richtige Weg: "Ich glaube, wenn Frauen sehen, dass es Stellen für sie gibt, dann sind sie auch mutiger, sich dort zu melden."

#MeToo und #wirtun

Dass sexuelle Gewalt und Belästigung von Frauen massenwirksame Öffentlichkeit generieren kann, hat #Metoo gezeigt. Die Caritas hat die Debatte zum Anstoß für ihre Aktion genommen: Klaus Schwertner, Generalsekretär der Caritas Wien, kündigte die Spenden-Aktion bereits im Vorfeld als neues #MeToo an - und erntete dafür Kritik.

Man solle die Aktionen nicht gegeneinander ausspielen, betonten Kritikerinnen wie die Sprecherin des Frauen*volksbegehrensSchifteh Hashemi.

Auch #wirtun-Unterstützerin Nicola Werdenigg, die eine wichtige Debatte über Missbrauchsvorfälle im österreichischen Skisport angestoßen hat, stellt klar:

Schwertner hat sich für die Wortwahl entschuldigt, die Aktionen würden nicht im Widerspruch zueinander stehen. Für Claudia Amsz geht es vor allem um das Sichtbarmachen von Frauen in Not: "Mir war es ein großes Anliegen zu zeigen, dass nicht nur Frauen betroffen sind, die in der Öffentlichkeit stehen. Es gibt viele Frauen, die in großer Armut oder in Gewaltbeziehungen leben und nicht nur Frauen, die ein öffentliches Gesicht und sowieso ein Netzwerk haben. Unsere Frauen haben das nicht." Das solle #wirtun ändern.

Mit dem Fonds #wirtun möchte die Caritas ihre Fraueneinrichtungen ausbauen: Mehr Plätze und kürzere Wartelisten für Frauen in Not.

Prominente Unterstützerinnen wie Doris Schmidauer, Corinna Milborn, Barbara Stöckl, Julya Rabinowich, Nicola Werdenigg, DariaDaria uvm. unterstützen das Projekt.

Umfassende Aktionen zur Spendenaktion gibt es auf der Website www.wir-tun.at. UnterstützerInnen können auch gleich online spenden.

Mit einer Spende von 20 Euro erhalten etwa armutsbetroffene Jungfamilien ein Babypaket mit Babynahrung, Windeln und Gewand.

Mit einer Spende von 33 Euro erhalten Frauen einen Platz in einer Notschlafstelle, Unterstützung bei der Arbeitssuche oder einfach nur Essen und Kleidung für sich und ihr Kind.

Aktuell