Die Angst vorm Verlust

Ob Scheidung oder Tod: Ein wichtiger Mensch spielt in unserem Leben – ungewollt – keine Rolle mehr. Wie geht man als Familie und Freunde am besten damit um?

Barbara Pachl-Eberhart hat vor sechs Jahren ihren Mann und ihre zwei Kinder durch einen Unfall verloren. Nach ihrem ersten Buch "Vier minus drei" (€ 10,30, Heyne TB) hat die Wienerin jetzt wieder einen sehr persönlichen Ratgeber geschrieben: "Warum gerade du?" (€ 18,50, Integral). Weil sie sich mit Verlust auskennt, fragten wir die 40-Jährige: Wie tun, wenn uns ein wichtiger Mensch verloren geht?

Was ist das Schlimmste daran, wenn man mit jemandem – ob wegen Scheidung oder gar durch den Tod wie bei Ihnen – nicht länger sein Leben teilen kann?

Der Philosoph Martin Buber sagt: „Der Mensch wird am Du zum Ich“. Tatsächlich brauchen wir Beziehungen, um ein Gefühl für uns selbst zu entwickeln. Geht ein geliebter Mensch verloren, geht auch ein Teil von uns selbst verloren. Dieser entrissene Teil tut höllisch weh und braucht Zeit und liebevolle Zuwendung, um zu heilen.

Wie schafft man es, damit umzugehen?

Das Wichtigste ist: den Verlust und alles, was daraus resultiert, anerkennen. Alle Gefühle willkommen heißen, nicht gegen sie ankämpfen. Darüber reden kann schwer sein. Doch man braucht eine Form des Ausdrucks, um nicht an den Gefühlen zu ersticken: Malen, Kochen, Bewegung oder einfach den Alltag weiterführen – es ist von Mensch zu Mensch verschieden, was ihm hilft. Man sollte sich da nicht zu sehr an den Ansprüchen der Umwelt orientieren.

Haben Sie einen Merksatz für solche Zeiten?

Ich sage gerne: „Kopf runter, nicht Kopf hoch.“ Sich erlauben, zu Boden zu gehen, schwach zu sein. Die Füße anschauen. Kleine Schritte machen, Bewegung in der Natur, wo man wieder zu Kräften kommt. Der Körper weiß immer wieder, was uns gut tut, lange, bevor unser Kopf wieder auf hilfreiche Gedanken kommt. Und: Das Wort „Trennung“ tut so weh. Absolute Trennung gibt es aber nicht. Trennung im Leben kann heißen, dass man eine neue Art der Beziehung aufbaut – zu einem „ungreifbaren“ Menschen, der dennoch sehr präsent und geliebt sein kann.

Wie kann eine solche neue Beziehung konkret aussehen?

Es klingt banal und fast esoterisch, aber es wirkt wirklich Wunder: abends vor dem Einschlafen oder zwischendurch eine große Portion Liebe zum verlorenen Menschen schicken. Das ist anfangs vielleicht schwer, brennt im Herz, aber es heilt sehr viel und vermittelt dem Unterbewusstsein: Er oder sie ist noch da, denn ich kann ihn / sie noch lieben oder gernhaben. Man macht keinen Fehler im Trauerprozess, wenn man Erinnerungen pflegt und die Beziehung innerlich fortsetzt.

Und was sollten Scheidungswaisen besser vermeiden?

Alles schaffen zu wollen. Den anderen zuliebe stark zu sein. Man sollte auch vermeiden, sich das Lachen und den Überschwang zu verbieten, nur weil es gerade nicht „passt“. Lachen, etwa über allzu dumme Witze, kann ein Ventil sein, das den Fluss der Tränen erst öffnet. Noch etwas: Fettnäpfchen im Umfeld sind normal. Man sollte großzügig sein und nicht vergessen, dass auch das Umfeld oft ratlos ist.

Ist Trauer über den Verlust eines Menschen, den man durch eine Scheidung verloren hat, nicht ein bisschen egoistisch – weil ja das Schicksal desjenigen, der sich trennt, schlimmer ist als desjenigen, der von außen die Trennung miterlebt, wie ein guter Freund oder die Oma?

Ich habe es so erlebt: Verluste, die endgültig sind, gegen die man aktiv nichts mehr tun kann – wie der Tod eines geliebten Menschen – tun weh, dürfen aber langsam und stetig heilen, weil sie nicht ständig neu angestachelt werden. Anders ist es bei Verlusten, für die wir uns entschieden haben oder Situationen, die uns Entscheidungen abverlangen. Denn die fordern nicht nur unsere Fähigkeit, zu trauern, sondern viel mehr: unsere Werte. Unsere Moral. Unsere tiefen Unsicherheiten, was richtig ist und was falsch. Dieses Leiden kann uns sehr lange quälen – so lange, bis alles, was wir in uns tragen, das Ja und das Nein, die Liebe und die Wut, einen Platz gefunden hat. Und: Arm sind alle Beteiligten. Es gibt keinen Wettbewerb des Leids.

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