Die Angst im Nacken

Es gibt eine Menge Gründe, sich vor der Zukunft zu fürchten. Die Folge: Die Spaßgesellschaft ist von der Generation Angst abgelöst worden.

Massenentlassungen, Umweltzerstörung, Überalterung, Scheidungsquoten, Terrorismus – es gibt eine Menge Gründe, sich vor der Zukunft zu fürchten. Und genau das tun wir auch. Die Folge: Die Spaßgesellschaft ist von der Generation Angst abgelöst worden. Sind wir einfach Opfer un­güns­tiger gesellschaftlicher Entwicklungen geworden? Oder nähren wir unsere Sorgen selbst, weil wir falsch mit ihnen umgehen? Ein Dossier über den Um­gang mit einem Gefühl, vor dem Sie keine Angst haben müss(t)en.

Text Daniela Schuster Protokolle Petra Hauk Fotos Elisabeth Handl/ fotosoesin.com

Früher hatte ich keine Angst vor der Angst. Im Gegenteil: Sie war mein unsichtbarer Freund, der mich vor allzu großen Dummheiten bewahrte – und doch für ein kleines bisschen Spannung in meinem behüteten Leben sorgte. Dafür liebte ich sie. Und ließ sie sich einmal nicht von alleine blicken, weil kein großer Bruder hinter der Tür wartete, um mich zu erschrecken, dann suchte ich nach ihr. Ich kletterte den höchsten Baum in unserem Garten hinauf und in den tiefsten Keller hinunter, fuhr mit der Geisterbahn ins Dunkel und mit der Achterbahn zur Sonne, schnitt erst mir und dann meiner Schwester mit einem riesigen Messer in den Finger, um unsere Blutsbrüderschaft zu besiegeln.

Später sprang ich dann an einem Bungee­-Seil von Brücken, gruselte mich genüsslich bei Horrorfilmen und reiste mit neunzehn für Monate allein um den Globus. Die Angst, in Langeweile und Mittel­mäßigkeit zu versinken, war mein Antrieb zur aktiven Entdeckung der Welt. Ohne sie kein Thrill, keine Herausforderung, kein „Aha, das kann ich also auch“-Er­lebnis. Sogar das Geigespielen und die ­höhere Mathematik brachte sie mir bei – fürchtete ich doch, hinter meinen musi­kalischen Geschwistern zurückzubleiben und in der Schule zu versagen. „Die Angst enthält die unendliche Möglichkeit des Könnens, die den Motor menschlicher Entwicklung bildet“, schrieb der 1855 verstorbene, dänische Philosoph Søren Kierkegaard. Und ich war der lebende Beweis.

Irgendwann jedoch, ich muss so Ende zwanzig gewesen sein, kündigte mir die Angst die Freundschaft – oder ich ihr. Statt meinem Leben Farbe zu geben, wurde sie zur Farbe meines Lebens. Statt mich voranzutreiben, bremste sie mich plötzlich. Statt meine Sinne zu schärfen, machte sie mich blind für Positives. Das, was ich dennoch sah, trug nicht gerade zu meiner Beruhigung bei: Ich war nicht allein. Mit mir war eine ganze Generation zwischen Praktikum und Fortpflanzung erstarrt.

Für den 1979 verstorbenen Psycho­analytiker Fritz Riemann ist daran auch zunächst nichts Ungewöhnliches fest­zu­stellen: „Jede Entwicklung, jeder Rei­­fungsschritt, jedes Erwachsenwerden ist mit Angst verbunden, denn er führt uns in etwas Neues, bisher nicht Gekanntes und Gekonntes.“ Jedoch: „Zu diesen ganz normalen Angstsituationen im menschlichen Leben kommen heute weniger normale Veränderungen hinzu. Sie sorgen dafür, dass das Vertraute unvertraut wird, dass einen mitten im Alltag der Schwindel erfasst und man glaubt, den Halt zu verlieren“, diagnostiziert die ­bekannte deutsche Psychologin Ursula ­Nuber. Die Folge: Anstatt jung, abenteuer­lustig und gesund „ die besten Jahre“ zu genießen, machen sich junge Erwach­sene Sorgen, die vor wenigen Jahren noch für Senioren mit Mindestrente und Jugendliche ohne Schulabschluss reserviert waren. Sie kämpfen gegen einen ­gesichtslosen Feind, auf dessen Bekämpfung wir nicht vorbereitet wurden: die Angst im Nacken.

(...)

Das Angst-Dossier in der Oktober-WIENERIN: Lesen Sie mehr über die Angst und wie Sie sie in den Griff bekommen.

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