Die Angst des Mannes vor dem Tanzen

Was gilt heute eigentlich als akzeptierte Männlichkeit? Wie tanzt ein Mann „richtig“? Unser Kollege Ljubiša Buzić hinterfragt typische Männlichkeitsbilder und macht den Selbstversuch beim Improvisationstanz.


Tanzen ist ja nicht gerade eine männliche Stärke, behaupte ich jetzt mal. Zumindest ist es bei mir nie eine gewesen. Mein Tanzstil in diversen Clubs und Diskotheken kannte im Laufe meines Lebens eigentlich nur zwei Extreme: entweder das lässige Mitnicken mit Getränk in der Hand – oder die ironische Übertreibung. Die Art von Tanzen, wo man sich mit der einen Hand die Nase zuhält und mit der anderen Wellenbewegungen macht, während man hüftwackelnd in die Hocke runtergeht. So ganz ernstnehmen darf Mann sich selbst wohl nicht beim Tanzen. Falls es dann blöd aussieht, kann man immer noch sagen, dass alles nur lustig gemeint war. In Wahrheit haben wir ironischen Spaßtänzer und Kopfnicker natürlich eine Scheißangst, uns zu blamieren. „Falsch“ zu tanzen. Unmännlich zu sein. Entsprechend aufgeregt bin ich auch, als ich meinen ersten Workshop für improvisiertes Tanzen besuche. Aber der Reihe nach:

Der Mann und die Tanzfläche

Ich weiß nicht mehr, wie ich darauf komme, aber an einem faulen Sonntagnachmittag stoße ich auf Youtube auf Videos von etwas, das sich Contact Impro nennt. Aus irgendeinem Grund klicke ich mich durch immer mehr Aufnahmen: Männer und Frauen, die sich zur Musik verbiegen, übereinander rollen, zu Menschenknäueln werden und sich dabei ständig berühren. Im Internet steht, Contact Impro sei eine „improvisierte Tanzform zwischen zwei oder mehreren Menschen“. Die Worte „Körperkontakt“ und „Beziehung zum Boden“ kommen immer wieder vor. Sieht spannend aus. Und etwas schräg, wenn ich ganz ehrlich bin. Aber als Mann, der zum öffentlichen Tanzen nie so richtig Zugang gefunden hatte, bin ich irgendwie interessiert.

Ich und das Knäuel


Glücklicherweise bin ich Journalist und so habe ich die Möglichkeit, einen Besuch bei der Contact Impro mit einer Geschichte zu rechtfertigen. Tatsächlich gibt es in Wien eine richtige Contact-Impro-Szene, wie ich feststelle. Getanzt und improvisiert wird jeden Freitag im WUK, jeden Mittwoch bei wienjam in einem Yoga-Studio auf der Mariahlifer Straße oder bei Rollingpoint. Selbst das ImPulsTanz-Festival in Wien hatte der Contact Impro heuer einen Schwerpunkt gewidmet.


Ich suche mir also einen Workshop und schreibe den Termin in meinen Kalender. Männliche Freunde schütteln verständnislos den Kopf über die kleinen tanzenden Gestalten, die ich ihnen auf meinem Handydisplay zeige. Aber auch Frauen fragen mich, ob alles ok ist. Ob ich jetzt mit 35 irgendwie auf den Selbstfindungstrip komme.


Kontaktaufnahme

Beim Besuch meines ersten „Jams“, so nennt man das Zusammenkommen zur gemeinsamen Tanz-Improvisation, bin ich nervös. Die anderen Tänzerinnen und Tänzer sind altersmäßig ziemlich gemischt, etwas mehr Frauen als Männer und einige haben schon Tanzerfahrungen- oder Ausbildungen, wie ich beim Warten erfahre. Dann geht es auch schon los: Es läuft rhytmische Musik und wir fangen mit etwas Aufwärmen und Lockern an. Ein guter Einstieg für einen Kopfnicker und An-der-Bar-Lehner.


Es dauert eine ganze Weile bis ich auftaue. Zu ratlos bin ich anfangs, was ich denn jetzt für Bewegungen machen soll. Das Gefühl, beobachtet zu werden, lässt sich nicht so leicht abschütteln. Obwohl hier jeder mit jedem tanzt, unabhängig vom Geschlecht, merke ich, wie ich dem Körperkontakt mit anderen tanzenden Männern eher aus dem Weg gehe. Während man Tänze zwischen Frauen in jedem zweiten Mainstream-Film und jeden Samstagabend im Club zu sehen bekommt, geht so was als Mann normalerweise nur mit sehr guten Freunden – und auch dann nur mit einem Schuss Ironie.


Flow-Erlebnis


Irgendwann lasse ich mich schließlich drauf ein. Dass die Tanzform so völlig frei ist, hilft dabei. Ich akzeptiere, dass es gerade wirklich egal ist, was ich mache. Ich bewege mich einfach und lasse mich bewegen. Zwischen meinem Körper und denen meiner Tanzpartnerinnen und Tanzpartner kommt es tatsächlich zur Kommunikation. So was hab ich bisher nur für einen Spruch gehalten. Und ich überrasche mich selbst mit Verrenkungen, von denen ich keine Ahnung hab, wo sie herkommen. Ich rolle auf dem Boden herum und während einer kurzen Pause, frag ich mich, was mir morgen alles wehtun wird.


Zum Schluss bin ich ähnlich durchgeschwitzt und euphorisiert wie nach einer durchtanzten Nacht im Club. Nur ohne dass ich Alkohol dafür gebraucht hätte. Die anderen in der Runde sehen ähnlich glücklich aus. Als ich danach zur U-Bahn spaziere, wird mir klar: Tanzen ist gar keine so große Sache. Nur eine kleine Befreiung.

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