Die andere Heimat

Goodbye Deutschland anno 1843. Wohin gehen, wenn die Heimat die Hölle ist? Bei den Filmfestspielen in Venedig gefeiert, in Deutschland als einer der besten Filme 2013 bejubelt, strahlt Edgar Reitz‘ historische Auswanderer-Epos endlich auch von den österreichischen Leinwänden. Fesselnd und von tagesaktueller Brisanz.

Erde am Schuh und hochfliegende Träume im Kopf. Jakob (Jan Dieter Schneider), der Sohn des Dorfschmiedes, möchte keine Pferde beschlagen. Der Bücherwurm träumt von seiner Zukunft im fernen Brasilien. Der Horizont des Hochbegabten ist riesig, seine Dachkammer klein. Hinter dem Rücken seines der Tradition verpflichteten Vaters studiert er heimlich im Selbststudium die Sprachen der brasilianischen Ureinwohner um sich bei seiner Ankunft in der Neuen Welt besser zurechtzufinden.

Wir schreiben das Jahr 1842. Viel hat die alte Welt dem 19-Jährigen leider nicht zu bieten: Missernten, Hunger und Krankheiten dominieren den harten Alltag der Bauern im kleinen Dörfchen Schabbach, im Hunsrück.

Die andere Heimat

Goodbye Schabbach?

Wer etwas gelernt hat und noch jung genug ist, geht weg. Auswanderer-Trecks, die mit Sack und Pack in Richtung Hafenstädte ziehen, vertrauen auf die Versprechungen des brasilianischen Kaisers: "Die Siedler aus Europa sollen zusätzlich zur neuen Staatsbürgerschaft auch Landesitz erhalten".

Die andere Heimat

Auch Jakob hat seine Ausreisepapiere und die Boardkarte für die Schiffsfahrt schon in der Tasche, als sein egoistischer, älterer Bruder Gustav (Maximilian Scheidt) seine Pläne durchkreuzt. Bleiben oder gehen?

Aber wofür lohnt es sich eigentlich zu leben? Die eigenen Wurzeln, die sich bei näherer Betrachtung wie ein fesselnder Klotz um die Beine schlingen? Die große Liebe, die sich einem anderen hingibt? Den Vater, der seine Wertschätzung nicht zum Ausdruck bringen kann oder die Heimat-Erde, der man Früchte nur so mühsam abtrotzen kann ...In einer Zeit, in der das Elend die Menschen niederdrückt, werden Träume zum Rettungsanker für eine bessere Zukunft.

Großes Kino:
Regisseur Edgar Reitz' in Schwarzweiß-Optik durchkomponiertes Meisterwerk ist Heimat-Krimi, Dokumentation und Spielfilm in einem. Eine Leinwand-Poesie mit Bodenhaftung. Der Zuschauer wird mit hypnotischem Sog in die vergessene Welt eines kleinen Dorfes hineingezogen. Ein Kosmos, aus dem der Zuschauer überraschenderweise gar nicht mehr heraus will. Schuld daran sind die großartigen Bilder von Kamera-Genie Gernot Roll und die fantastische Darsteller-Riege aus Profi- und Laiendarstellern. 225 Filmminuten sind für dieses Ereignis auf der großen Leinwand fast zu kurz. Übrigens: Auch ein Österreicher glänzt im Darsteller-Team: Der Grazer Christoph Luser.
Unaufdringlich verschärft Reitz durch sein Guckloch in den Bauch der deutschen Geschichte den Blick für tagesaktuelle Migranten-Schicksale und öffnet die Augen fürs Suchen und Finden von Zugehörigkeit und dem Umgang mit den eigenen Wurzeln.

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