Die alte Frau und das Meer

Seltener als Diamanten, kostbarer als Gold: Einst kannte jeder Sarde den Wert der Muschelseide. Heute weiß nur noch eine Frau um alle Geheimnisse des Stoffes vom Meeresgrund.

Seltener als Diamanten, kostbarer als Gold – einst kannte jeder Sarde den Wert der Muschelseide. Heute weiß nur noch eine Frau um alle Geheimnisse des Stoffes vom Meeresgrund: Chiara Vigo ist die letzte Byssusweberin der Welt.

Text Constanze Bandowski Fotos Karin Desmarowitz

Mit bloßen Füßen steht Chiara Vigo im Wasser. Tief und kraftvoll erhebt sich ihr Gesang und weht über die kleinen Wellen im Hafen von Sant’Antioco der Morgensonne am Horizont entgegen. Meerwasser schwappt über den Saum ihres Kleides, der Wind spielt mit ihrem offenen, schwarzen Haar, das an den Schläfen silbrig glänzt. Chiaras raues Timbre erschallt hier jeden Tag. Denn ohne „il canto del mar“ , ohne das morgendliche Begrüßungslied für das Meer, rührt die sardische Webmeisterin keinen Faden an.

Chiara spinnt keine Wolle. Sie spinnt „Meeresgold“. Durch die Hände der 52-jährigen Sardin gehen täglich hauchzarte Bysussfäden. Das sind jene Fasern, mit denen sich die Pinna nobilis, die größte Muschel des Mittelmeeres, im Boden verankert. Dieses Gewebe ist das kostbarste Textil­material der Welt – aus Muschelseide wurden in der Antike das Goldene Vlies und Königsgewänder gewoben.

„Bysuss ist heilig“, flüstert Chiara, die hier auf der sardischen Insel Sant’Antioco geboren wurde. „Bysuss ist Leben.“ Doch das instabile Ökosystem des Mittelmeeres hat dieses Leben rar gemacht. Chiara sieht sich als Hüterin des Meeres, als Kämpferin für den Erhalt der Edlen Steckmuschel. Und dazu gehört für sie auch, jeden Morgen um sieben in der ­Hafenbucht die Füße ins Wasser zu tauchen und mit geschlossenen Augen ihr Morgengebet zu singen. Ein anrührendes Mantra, das nicht nur das Meer gütig stimmen soll. Mit einem dunklen Summen startet es und verwandelt sich allmählich in klare Verse, die unter anderem die Jungfrau Maria belobigen und um Weltfrieden bitten.

„Das Lied“, sagt Chiara auf dem Weg in ihr Atelier, „hat eine jahrtausende alte Tradition.“ Und ist damit so alt wie die Muschelweberei selbst. Die Phönizier brachten das Kunsthandwerk im achten Jahrhundert vor Christus nach Sardinien. Der Legende nach war es Prinzessin Berenice aus der Familie des Herodes von Judäa. Sie soll auch die Geliebte des Kaisers Titus gewesen und nach Sulcis, das heutige Sant’Antioco im Südwesten Sardiniens, verbannt worden sein. Generationen von Sarden haben seither die Geheimnisse der Byssusweberei weitergegeben.

Chiara Vigo wurde von ihrer Großmutter Mereu Maria Maddalena Rosina in die Weberei eingeweiht. Außer ihr gibt es heute niemanden mehr, der das Kunsthandwerk noch pflegt. Sie ist die weltweit letzte Muschelweberin. „Mit fünf Jahren hatte ich zum ersten Mal eine Spindel in der Hand“, sagt Chiara, die selbst zwei erwachsene Töchter hat. „Mit zwölf begann ich zu weben.“ Jahr für Jahr lüftete die alte Dame weitere Details für ihre Enkelin: Sie brachte ihr das rituelle Morgen- und Abendgebet bei. Erklärte das richtige Abschneiden der Fäden, das Säubern, Färben und Spinnen. „Mit 27 Jahren habe ich einen Eid geleistet, mein Leben der Byssusweberei zu widmen“, erzählt Chiara und ihre dunklen Augen funkeln dabei leidenschaftlich. „Wenn du die Welt liebst, schenkst du ihr etwas Schönes. Ich schenke der Menschheit meine Byssusweberei.“

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Mehr über Chiara Vigos außergewöhnliches Traditionshandwerk lesen Sie in der April-Ausgabe der WIENERIN.

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Zweimal täglich kommt Chiara Vigo an den Strand, um das Meer mit ihren Gesängen zu beruhigen und ihm für die Muschelseide Dank zu sagen.

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Die Byssusfäden sind braun bei der Bergung. In Chiaras Händen werden Sie zu Gold.

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Nicht nur Byssus, auch Schafwolle wird in Chiaras Atelier zum Kunstwerk. Sie kennt 194 verschiedene Webtechniken.

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30 Gramm reine Muschel­seide stehen pro Jahr zur Verfügung. Mehr gibt das Meer nicht her.

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