Diagnose Vaginismus: "Es war, als würde ich mich selbst vergewaltigen"

Mit 23 erhielt Christina (35) die Diagnose Vaginismus, das heißt: Die Beckenbodenmuskulatur verkrampft unwillkürlich. Jedes vaginale Eindringen, ob durch Penetration oder das Verwenden von Tampons, wird nahezu unmöglich. Ärzt*innen nehmen die Schmerzen beim Sex oft nicht ernst - und stellen viel zu spät eine Diagnose.

Symbolbild Vaginismus

"Ach, das erste Mal tut halt immer weh", dachte Christina (35) damals. "Dieses Narrativ kannte ich schließlich von Erzählungen, aus Teenie-Magazinen und überhaupt aus dem Diskurs, den man gesellschaftlich über das erste Mal Sex eben so führt." Aber dann tat es auch beim zweiten Mal weh. Und beim dritten Mal. Und beim zehnten Mal. Und irgendwann konnte sie auch an der Hoffnung "Vielleicht wird das mit dieser einen großen Liebe dann besser" nicht mehr festhalten.

Der Gynäkologe riet ihr "halt ein bisserl mit Dildos zu üben" oder "mit dem Sexualpartner mehr zu kuscheln, um das Vertrauen zu stärken". Aber es liegt nicht an mangelndem Vertrauen, dass Christina keine Tampons einführen und nicht vaginal penetriert werden konnte, obwohl sie das so gerne wollte. "Ich hörte Freundinnen über Sex sprechen und dachte: 'Wow, das muss toll sein!', aber bei mir bedeutete jeder Sexversuch in erster Linie eines: Schmerzen. Jeder Penetrationsversuch scheiterte an dieser gefühlt undurchdringbaren Mauer, die den Penis nicht vorbei- und mich mit brennenden Schmerzen hinterlässt – und mit einem Gefühl des Unverständnisses: 'Was gefällt bitteschön allen an Sex? Ich hab‘ nur Schmerzen, sonst nichts.'"

Mit dem Unverständnis wuchs auch die Scham: Geht’s anderen auch so? Ist das Einbildung und am Ende bloß prüdes Verhalten? Aus Scham hat Christina lange nicht mit Freund*innen über ihre Ängste und Schmerzen gesprochen: "Bei Partyspielen wie 'Ich hab‘ noch nie…' oder 'Wahrheit oder Pflicht' habe ich Lügengeschichten erzählt. Ich habe mit Erzählungen geantwortet, die ich nur aus dem Internet, nicht aus meiner Erfahrung kannte."

Mit Anfang 20 dann die Vermutung, die Erkenntnis: Irgendwas stimmt hier nicht. Und damit der Start der Suche nach dem Was. Die Diagnose dauert oft Jahre. Dabei ist Christinas Geschichte kein Einzelfall, kein besonders ungewöhnlicher Krankheitsverlauf, keine besonders seltene Krankheit – zumindest geht man davon aus: In Deutschland liest man oft von "schätzungsweise 15 bis 30 Prozent" von Frauen, die unter der schmerzhaften Verkrampfung der Vagina leiden. Andere Quellen lassen den Spielraum von 0,4 bis 21 Prozent offen. Je nach Quelle variieren die geschätzten Zahlen zwischen 1 und 30 Prozent. Repräsentative Studien fehlen bislang.

Vaginismus wird umgangssprachlich auch als Scheidenkrampf bezeichnet. Darunter versteht man eine unwillkürliche Verkrampfung des Beckenbodens und der Vaginalmuskulatur der Frau. Der Scheideneingang erscheint für Betroffene dadurch wie verschlossen. Man unterscheidet zwischen Primärem und Sekundärem Vaginismus. Primärer Vaginismus besteht von Anfang an, bei sekundärem werden die Krämpfe durch ein bestimmtes Ereignis (z.B. traumatische Erlebnisse wie sexueller Missbrauch oder Geburtstrauma) ausgelöst.

Was die Krankenkasse nicht übernimmt: Zeit.

Bis die Diagnose Vaginismus gestellt wird, vergehen oft Jahre. Woran das liegt, darüber kann Dr. Andrea Kottmel, Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe und diplomierte Sexualmedizinerin, nur spekulieren: "Das Problem ist, dass in der normalen Kassenmedizin alles, was an Hilfestellungen in diesem Bereich wissenschaftlich erwiesen ist und sinnvoll ist, nicht abgebildet ist. Es gibt sehr wenige Optionen, bei denen ich sage: 'Ja, das ist kassenmedizinisch gut zugänglich und möglich.' Am Ende ist es ein gesundheitspolitisches Problem. Das ist traurig." Die standard-gynäkolgische Untersuchung, das Einführen von Untersuchungswerkzeugen, ist für Vaginismus-Betroffene nicht nur eine schmerzhafte, sondern auch traumatische Erfahrung. Vor allem, wenn die Diagnose noch nicht gestellt wurde und Betroffene den Fehler bei sich selbst suchen.

An sich ist Vaginismus eine zulässige Diagnose, aber: "Um als Ärztin abzuschätzen, wo die Patientin aktuell steht und was sie braucht, dazu braucht es keine Untersuchung, sondern in erster Linie Zeit. Die Untersuchung ist aber das, was die Krankenkasse rückerstattet", so Kottmel. Das ist problematisch, weil ebendiese Untersuchungen für Betroffene enorm belastend sein können und jedes traumatische Erlebnis in dieselbe Kerbe des wiederholten Schmerzerlebens schlägt: "Ich erlebe immer wieder, dass Patientinnen erzählen: Sie waren schon da und dort untersucht worden und jedes Mal war es ganz schlimm. Das ärztliche Gespräch wird leider wirklich schlecht zurückerstattet", erklärt die Sexualmedizinerin.

Nach neuer Klassifikation werden Vaginismus und Schmerzen in der Sexualität zusammengefasst. Hintergrund der modernen Klassifikationen ist, dass viele Patientinnen mit der Diagnose "Vaginismus" nicht in allen Aspekten ihrer Beschwerden beschrieben werden. Oft besteht abseits der unwillkürlichen Muskelanspannung ein genitaler Schmerz, etwa bei Berührung am Scheideneingang. In solchen Fällen ist eine spezialisierte gynäkologische Untersuchung wichtig (z. B. zur Abgrenzung von Hauterkrankung als Auslöser für die vaginistische Reaktion).

Meist ginge es dennoch vielmehr ums Reden, weniger um Werkzeuge und Untersuchungen. Letzteres sei aber das, "was in unserem System gut bezahlt werden kann."

Wie Vaginismus geheilt werden kann.

Das System schreibt damit Geschichten von Frauen wie Christina, die zu lange den Fehler bei sich selbst suchen. Die Besuche bei Gynäkolog*innen aus Angst und Scham hinauszögern. Dabei ist Vaginismus – ist er erstmal diagnostiziert – grundsätzlich gut heilbar. Dabei geht es immer um einen multi-disziplinären Ansatz wie Dr. Kottmel erklärt: "Es ist nicht nur der Muskel, der schmerzt. Es ist auch nicht nur die Haut. Vaginismus ist nie nur ein physisches oder nur ein psychisches Problem. Es ist gar nicht möglich, wiederholt Schmerzen zu haben und dadurch nicht auch negative Erinnerungen in eigentlich positiven Situationen abzurufen und dadurch Unsicherheiten zu haben."

Für Christina bedeutet das eine Kombination aus: "Spiegelübungen, das heißt ansehen und verstehen: Wie sieht denn meine Vulva überhaupt aus?", jahrelanges Beckenbodentraining, kontinuierliche Sexualtherapie und das Verwenden von Dilatoren – das sind medizinische Dildos in verschiedenen Stärken, um sich an das Gefühl von Penetration heranzutasten. Dazwischen immer wieder gescheiterte Sexversuche: "Jeder Sexversuch endete in Tränen. Der Frust war riesengroß. Die Schmerzen ebenso. Ich hatte Sexversuche, bei denen ich das Gefühl hatte, ich vergewaltige mich selbst. Aber ich wollte so, so gerne, dass es endlich funktioniert." Dazu Gedanken der Scham: "Vielleicht bin ich einfach abnormal. Es wird nie funktionieren. Ich will nicht komisch sein. Ich will keine Spaßbremse sein."

Ich hatte Sexversuche, bei denen ich das Gefühl hatte, ich vergewaltige mich selbst.

von Christina (35)

Lange Zeit hatte Christina einen Partner an ihrer Seite, der verständnisvoll war, sie zu Therapien begleitete. "Dann gab es aber genauso auch Männer, die meinten, sie würden keinen sexuellen Pflegefall wollen." Und entgegen der romantischen Vorstellung, dass es irgendwann mit dem Einen, dem Richtigen klappen würde, kam nach jahrelanger Therapie dann doch alles ganz anders: "Ich war jemandes Gspusi. Der Typ war mir total egal. Ich hatte ihm nach dem ersten schmerzhaften Sexversuch gesagt, dass ich Vaginismus habe, aber er hat das mit einer totalen Lockerheit genommen. Ich habe es ihm bewusst vorab nicht gesagt, weil ich dachte, ich würde das Ganze schon im Vorhinein negativ behaften. Der erste Sexversuch mit ihm war der absolute Horror. Er hat mich zuerst gefingert, besser gesagt den Finger in meine Vagina reingehämmert. Ich dachte, ich steige vor Schmerzen gleich durch die Zimmerdecke", erinnert sich Christina. Das Gspusi ging trotzdem weiter, es begann das Rumprobieren. Irgendwann, denkt Christina, hat er vielleicht sogar schon wieder vergessen, dass sie Vaginismus hat: "Und irgendwann hatte ich wie aus dem Nichts meinen ersten gelungenen Sexversuch mit ihm. Es war, als ob sich ein Knoten gelöst hätte. Vielleicht war's, weil der Druck abgefallen ist. Weil ich nicht das Gefühl hatte, ich müsse abliefern. Ich weiß es nicht, woran es lag, aber ich war froh."

Ich hatte Angst, dass das nur eine Eintagsfliege war. Dass es nur einmalig geklappt hat und es dann wieder ewig dauern würde, bis ich es hinkriege.

von Christina (35) über ihren ersten gelungenen Sexversuch

Im Nachhinein ist es einfach, diese Geschichte als eine mit plötzlichem, unerwarteten Happy End zu erzählen, aber das würde ihr nicht gerecht werden. Der erste gelungene Sexversuch kam vielleicht überraschend, aus dem Nichts und ohne unmittelbar ersichtlichen Grund – dahinter steht aber viel emotionale Arbeit. Viel auslaugende Denkarbeit, viele Gespräche mit Freundinnen. Dass sich Christina irgendwann doch ihren Freundinnen anvertraut hat, sieht sie heute als wichtigen Punkt ihrer Vaginismus-Geschichte an: "Ich habe mir jahrelang ein Gefängnis der Einsamkeit gebaut, damit niemand die Wahrheit herausfindet, weil ich mich so sehr geschämt habe. Etwa ein halbes Jahr bevor ich den Vaginismus besiegt habe, habe ich endlich mit Freundinnen gesprochen. Sie haben mir mit zwei Aspekten geholfen: Einerseits als sie mir sagten, dass Schmerzen niemals in Ordnung sind, es immer okay ist zu stoppen und andererseits halfen mir die Erzählungen von ihnen, dass Sex etwas Schönes sein kann."

Das konnte Christina allerdings direkt nach dem allerersten gelungenen Sexversuch nicht nachvollziehen, denn: So groß die Freude auch war, so ernüchternd auch die gezogene Bilanz: "Nach dem Sex war es ganz komisch. Ich dachte immer, wenn ich es einmal schaffe, dann werde ich Bäume ausreißen, aber es war eher ein neutrales Gefühl, bei dem ich mir dachte: 'Und wegen dem tun alle so, als wär das so toll?' Aber das war wohl, weil das mein echtes erstes Mal war. Es war wahrscheinlich so wie für andere die ersten Sexversuche im Alter von 15 Jahren sind, das ist bestimmt auch nicht der beste Sex ihres Lebens. Und: Ich hatte Angst, dass das nur eine Eintagsfliege war. Dass es nur einmalig geklappt hat und es dann wieder ewig dauern würde, bis ich es hinkriege."

Das Leben mit und nach Vaginismus.

Aber seitdem hat es ein zweites, ein drittes, ein viertes und jedes darauffolgende Mal funktioniert. Das war für Christina wichtig, um beim Thema Sex eine gewisse Normalität zu erlangen, wie Kottmel erklärt: "Im Rahmen der Therapien lernen die Patientinnen wahnsinnig viel über ihren Körper – über das, worauf der Körper wie reagiert, wie es ihnen dabei psychisch geht und wie sie darauf Einfluss nehmen. Und dieses Gelernte kann ihnen niemand mehr wegnehmen."

Die Art der Therapie sei laut Kottmel eine Art Werkzeugkoffer voll mit physiotherapeutischen Übungen, Entspannungstechniken, den gelernten Umgang mit Ängsten und Körperwahrnehmungstrainings: "Ich habe viele Patientinnen, die sagen: 'Ich habe mir dieses Problem nie gewünscht und es war wahnsinnig schwierig, da rauszukommen, aber jetzt ist meine Sexualität so viel erfüllter als das, was ich von Freundinnen höre, die nie ein Problem in ihrer Sexualität hatten – und dafür bin ich eigentlich dankbar.'" Damit sollen Krankheiten wie Vaginismus freilich nicht romantisiert werden, aber: "Das Befassen mit dem eigenen Körper bringt nunmal sehr viel."

Christina hat die erste Selbsthilfegruppe für Vaginismus-Betroffene gegründet – für alle, die

  • keine Tampons einführen können,
  • unerträgliche Schmerzen beim Sex oder
  • Angst vor der Untersuchung bei dem*der Gynäkolog*in haben,
  • sich alleine fühlen, sich schämen
  • oder wütend auf den eigenen Körper sind.

In der Selbsthilfegruppe "Invisible Wall" teilen Betroffene ihre Erfahrungen und Erlebnisse. Dabei bleibt alles anonym. Bei Fragen kannst du dich unter invisible.wall@gmx.at oder via Instagram unter @invisible.wall.vienna bei Christina melden.

Eine weitere Anlaufstelle für Betroffene ist die Webseite www.vaginismus-selbsthilfe.de! Hier finden Betroffene und ihre Partner*innen hilfreiche Ratgeber-Artikel, Übungen zur Behandlung und die größte Datenbank mit auf Vaginismus spezialisierten Ärzt*innen und Therapeut*innen im deutschsprachigen Raum.

 

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