Diagnose Gehirntumor: "So hätte ich nicht mehr lange überlebt"

Claudia Polar ist 34, Kleinkinderzieherin, Model und hat einen Gehirntumor überlebt.

Claudia Polar ist 34, Kleinkinderzieherin, Model und hat einen Gehirntumor überlebt. Zielstrebig und geduldig hat sie sich über mehrere Jahre in das harte Modelbusiness gekämpft, um dann, als es richtig gut lief, die Diagnose Gehirntumor zu erhalten. Es war ein Schock – und ein Segen. Denn bis zur richtigen Diagnose hat es zwei Jahre gedauert. Wir haben mit ihr über den Tumor und den Weg zurück zum Modeln geredet.

Wieso hat es dich interessiert bei einem Model-Contest mitzumachen?

CLAUDIA POLAR: Mir ging es darum, zu zeigen, dass auch die Damen, die ein bisschen mehr haben, gut aussehen. Nachdem ich während der Schulzeit auch viel gemobbt wurde, war ich natürlich sehr stolz darauf im Finale und unter den Gewinnerinnen zu sein.

Aber gelebt hast du nicht vom Modeln?

CLAUDIA POLAR: Nein, ich war Kleinkinderzieherin, Nanny sozusagen. Da hab ich das Pensum immer weiter reduziert, um mehr Zeit zum Modeln zu haben. Als das wirklich zum Laufen kam, ist 2014 das mit dem Tumor herausgekommen.

Welche Symptome hattest du?

CLAUDIA POLAR: Das war so, dass ich viele Wutausbrüche hatte, immer müde wurde, mir schwindlig war, aber ich wusste nicht, was los ist. Im Herbst 2013 haben die Ohnmachtsanfälle angefangen, bis zu 7 pro Tag.

Das muss ja beängstigend sein. Du weißt ja nicht, wann es dich überkommt.

CLAUDIA POLAR: Ja genau. Es ist überall passiert, ich konnte meinen Tag gar nicht planen. Auch in der Klinik ist es passiert, aber die nannten das dissoziieren. Das ist ein Krankheitsbild und die Therapeutin meinte sie sei sich ganz sicher, dass sei psychisch aber ich könne ja zum Hausarzt gehen. Da bin ich dann auch hin und auch bei ihr in der Praxis bin ich weggetreten, sie hat aber gemeint, es sei psychisch.
Erst meine Ergotherapeutin hat gemeint, da stimmt was nicht und mich noch einmal zum Hausarzt geschickt. Da war dann eine andere Ärztin und die hat mich noch in derselben Woche zum MRI geschickt.

Und dort hast du dann auch gleich die Diagnose bekommen?

CLAUDIA POLAR: Ja genau, aber ich hab mit sowas nicht gerechnet. Es ging dann ratzfatz. Ich saß in der Notstation und dann kam eine Ärztin herein und sagte mir ich hätte einen Gehirntumor und müsse sofort operiert werden. Ich dachte so ok, mhm, bin an die frische Luft gegangen. Ich konnte das nicht glauben, es war wie ein Traum.

Worauf musstest du dich vor der OP einstellen?

CLAUDIA POLAR: Dass ich wahrscheinlich nicht mehr laufen können werde, nicht mehr weiß wer ich bin, Sachen vergessen werde oder dass ich es gar nicht überlebe. Aber ich hatte keine andere Wahl. Das wäre sowieso das Ende gewesen. So hätte ich nicht mehr lange überlebt.

Was glaubst du muss sich auf Seite der Ärzte ändern, damit solche Fehldiagnosen nicht passieren?

CLAUDIA POLAR: Man sollte jeden Patienten individuell anschauen, nicht nur nach den Büchern gehen. Sich eine Meinung bilden.

Aber die OP ist dann doch ganz gut verlaufen?

CLAUDIA POLAR: Ja, es war dann so, dass ich wirklich wochenlang Schmerzen hatte, die ich kaum ausgehalten habe. Ich war gar nicht da, ich war wirklich in einem Dämmerzustand. Ich hab weder das Handy noch sonst was angeschaut. Ich bin einfach gelegen…Woche um Woche um Woche. Und dann musste ich Laufen lernen, mit Rollator. Das war schon komisch für mich, wo ich doch immer so viel Sport gemacht habe.

Mit dem körperlichen kommt oft auch ein psychischer Schmerz – muss man sich dem hingeben, bevor man wieder zu Kraft kommen kann?

CLAUDIA POLAR: Ja definitiv. Ich denke jeder, der einmal so ausschaut wie ich damals und sagt es macht ihm nichts aus, wie er aussieht, der lügt definitiv. Mein Auge hat geschielt, ich habe doppelt gesehen, der halbe Kopf war abrasiert und die Narbe ging über die ganze Stirn bis hinters Ohr. Ich habe gedacht, scheiße, jetzt war‘s das mit dem Modeln, jetzt hast du so viel erreicht und jetzt kannst du‘s wieder vergessen.

Wie hast du es geschafft die Motivation nicht zu verlieren?

CLAUDIA POLAR: Eigentlich wäre es schlecht wenn ich jetzt aufgebe, hab ich mir gedacht, weil es gibt ja viele Leute, die körperlich eingeschränkt sind oder sonst anders aussehen. Und da hab ich mir gedacht, ich könnte das Modeln in dem Bereich weitermachen. Ich habe nicht aufgehört an mich zu glauben und einen Plan B gesucht. Und dann hab ich ganz viel trainiert. Die Leute von der Reha haben gemeint, es sei selten, dass jemand so schnell [Anm: in 4 Monaten] wieder auf den Beinen ist.

Hast du dich als Mensch verändert?

CLAUDIA POLAR: Ja, ich bin sicher. Früher mochte ich teure Taschen und schöne Kleidung. Das interessiert mich seit der OP nicht mehr. Ich habe jetzt wirklich andere Werte als vorher. Ich habe mich noch mehr dem Tierschutz verschrieben. Ich mach auch nicht alle Shootings, zum Beispiel, wenn sie mit Echtfell und Echtleder sind.

In Österreich hat die Frauenministerin ein Gesetz vorgeschlagen, das dünne Models verbietet. Was hältst du davon?

CLAUDIA POLAR: Ich fände das sehr sinnvoll.
Zur Zeit sind ja auch die wirklich fülligen Damen gefragt. Aber ich möchte da nicht mehr tauschen, weil es war wirklich so, dass die Agentur früher meinte Größe 42/44 sei gut. Jetzt hab ich das, aber jetzt heißt es wieder 46/48 wäre gut – könntest du nicht wieder zunehmen? Da hab ich gesagt: nein, die Zeit kommt wieder, wenn die Schlankeren gefragt sind.

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