Deutsche Medien machen aus Stefanie Sargnagels Therapie einen Skandal

Die Wiener Autorin Stefanie Sargnagel macht schon länger eine Therapie. Für zwei deutsche Zeitungen ist das plötzlich ein großer Aufreger.

Seit einem Jahr macht die Autorin Stefanie Sargnageleine Therapie. Das ist kein großes oder anrüchiges Geheimnis. Regelmäßig erzählt sie davon in ihren Facebook-Postings. Sie trinkt außerdem weniger Alkohol, auch das kann man seit Monaten auf Facebook nachlesen. In einem aktuellen Interview mit dem ZeitMagazin spricht sie in einem Nebensatz darüber. Keine große Sache, mehr ein erfrischend unaufgeregter Umgang mit Lebensphasen und der Behandlung psychischer Krankheiten.

Die deutsche Lokalzeitung Augsburger Allgemeine findet das allerdings skandalös: "Autorin Sargnagel macht Therapie wegen Alkoholkonsums" titelt das Blatt. Das deutsche Nachrichtenportal Tag24.de setzt noch einen drauf. "Umstrittene Autorin in psychiatrischer Behandlung! Aber Warum?", fragt es in der Überschrift um gleich im Leadsatz zu spezifizieren: "Stefanie Sargnagel (32) macht Therapie wegen starken Alkoholkonsums."

Konkret geht es um einen Satz in Sargnagels Interview: "Ausschlaggebend war eher, dass ich viel zu viel trinke und ein Problem mit Selbstdisziplin habe." Nicht unbedingt der Stoff, aus dem Headlines sind, möchte man meinen.

Sargnagel ist ja auch wirklich nicht allein. In Österreich sind gerade etwa 50.000 Menschen in Therapie. Und das sind nur jene, bei deren Therapie zumindest teilweise von den Krankenkassen mitfinanziert werden. Studien zufolge leiden 25% der 25-45-jährigen Großstadtbevölkerung und 10% der Landbevölkerung über 15 Jahren an einer behandlungsbedürftigen psychischen Störung. Die registrierten Krankenstandsfälle wegen psychischer Erkrankung haben allein in den letzten zehn Jahren um das 1,5-fache zugenommen.

Ein offener Umgang mit psychischen Erkrankungen und ihre erfolgreiche und notwendige Behandlung ist für eine moderne Gesellschaft wohl unerlässlich. Wenn eine in der Öffentlichkeit stehende Person wie Sargnagel regelmäßig und ohne viel Aufsehen von ihrer Therapie oder ihren Erfahrungen mit Psychopharmaka erzählt, nimmt sie damit eine wichtige Vorbildfunktion ein. Sie schafft Normalität und bringt ein bisschen Humor in ein sonst so verklemmt behandeltes Thema. Sich darüber in herablassenden und effekthascherischen Überschriften zu mokieren, ist letztklassig und entbehrlich. Anstatt über ein Thema aufzuklären, das so viele Menschen persönlich betrifft, anstatt sich zu solidarisieren wird munter weiter stigmatisiert und skandalisiert.

Als ob es Betroffene nicht schon schwer genug hätten: neben der ohnehin schwierigen gesellschaftlichen Stigmatisierung und der Hemmschwelle, sich überhaupt Hilfe zu holen, können bei einer Psychotherapie auch die Kosten beträchtlich sein.

Zwar gibt es Therapieplätze auf Kosten der Krankenkassen, der Bedarf kann mit den vorhanden Kassenplätzen aber nicht gedeckt werden. PsychotherapeutInnen kritisieren die Versorgung in Österreich seit Jahren. Die Lösung liegt oft in einer privat bezahlten Therapie. Auch Sargnagel reißt dieses Thema in einem Posting an: "der wahre Grund, warum ich seit einem Jahr Therapie mache ist, dass ichs mir einfach leisten kann."

Zur Serie: Der Fail der Woche "zeichnet" in unregelmäßigen Abständen besonders frauenfeindliche und sexistische Sager aus.

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