Der Wüste so nah

Wer Jordanien nur aus Filmen kennt, verbringt zu viel Zeit im Kino: Dieses Land ist bunter als Technicolor.

Wer Jordanien nur aus Indiana Jones und der letzte Kreuzzug und Lawrence von Arabien kennt, verbringt zu viel Zeit im Kino. Besser, man begibt sich mit einem Beduinen auf einen Streifzug durch das Haschemitische Königreich. Denn eine Reise zwischen Totem Meer und Rotem Meer ist bunter als Technicolor.

Text & Fotos Daniela Schuster


Kein Kinofilm hat mich darauf vorbereitet. Weder Lawrence von Arabien noch Indiana Jones und der letzte Kreuzzug. Unter mir sehe ich grüne Olivenhaine und üppige Gemüsefelder, elegante Minarette und weiße Hochhäuser – von Wüste keine Spur. „Keine Angst, Sand ist wohl das Einzige, was bei uns nie knapp wird“, sagt die Stewardess und grinst. Dann schwenkt der Airbus plötzlich nach rechts. Im Dunst liegt das Tote Meer. Und davor, dahinter und drumherum: Wüüüüüüste.

Weit muss man nicht aus Amman herausfahren, um ­einen sandigen Vorgeschmack auf sie zu bekommen. Nur ein paar enge Kurven vom fruchtbaren Hochplateau hinunter wird es deutlich karger. Statt Bäume und Moscheen säumen jetzt Beduinenzelte und verstreute Kamelherden die Straße. Dazwischen ein Hinweisschild. „Achtung, Achtung. Sie verlassen jetzt den normalen Sektor“, tönt Reiseführer Eid al-Kraisha, der während seines Studiums in Deutschland augenscheinlich auch Berlin besucht hat, mit verstellter Stimme aus dem Wagenfond. Wir haben Normalnull erreicht. Jeder Meter weiter führt uns zum tiefsten Punkt der Erde. „Bald kannst du das Tote Meer riechen“, verspricht Eid. „Wir nennen es das ,Meer des Lot‘. Was nichts daran ändert, dass sich darin höchstens ein paar Bakterien und Touristen tummeln.“

Eid selbst badet nicht gern im Toten Meer. „Der Auftrieb nervt.“ Auch den beliebten Packungen mit dem „Black Mud“, der die Lichtempfindlichkeit der Haut erhöht, kann er nichts abgewinnen. „Nicht dass ich Angst vor einem Sonnenbrand hätte“, sagt er und lacht. Tatsächlich ist Eid erstaunlich dunkelhäutig, selbst für einen Beduinen. „Die Gene“, seufzt Eid. Seine Großeltern seien in den Zwanzigerjahren von der afrikanischen Seite des Golfs von Aden eingewandert, erzählt er. Er selbst wuchs bis zu seinem zwölften Lebensjahr in einem Zelt auf, aufgeschlagen ganz in der Nähe des Jordans, dort, wo heute das heilige Wasser der Taufstelle Jesu flaschenweise an (gut-)gläubige Touristen verkauft wird. Oft ist er über die staubige Straße von den kahlen Ufern des Toten Meeres bis hinauf zu den grünen Ebenen rund um die Hauptstadt Amman gelaufen. Meist barfuß, „denn dann ist man einfach schneller“, mit dem Stock für die Ziegen in der einen und einem Packen Schulbücher in der anderen Hand. In seinen Kindertagen war das ein ­strammer Tagesmarsch über 1.200 Höhenmeter.

(...)


Nachlesen und miterleben: Mehr bunte Reiseeindrücke gibt's in Ihrer Oktober-WIENERIN.


Zwischen Totem Meer und Rotem Meer unterwegs: stv. WIENERIN-Chefredakteurin Daniela Schuster.


Aktuell