Der "Vaterkomplex" und was wirklich dran ist

Das töchterliche Selbstbewusstsein stärkt besonders: der Vater. Ist die Beziehung zwischen ihm und ihr nicht gut, kann sich seine (emotionale) Abwesenheit auch auf die Liebesbeziehungen seiner Tochter auswirken. Was erwachsene Töchter wissen müssen, um alte Wunden zu heilen – und sich ihrem Papa anzunähern.

Über Väter gibt es so viele Wahrheiten wie über Mütter. Mit dem feinen Unterschied, dass sich heutige Twenty- und Thirtysomethings wahrscheinlich weitaus mehr an ihren Müttern abgearbeitet haben als an ihren Vätern - zu Lasten eines differenzierten Bildes von ihrem Erzeuger. Bei vielen Töchtern liegt dies ganz einfach daran, dass ihr Vater, der Versorger der Familie, nicht greifbar war.

Der abwe(i)sende Vater


Während heute von Jungvätern erwartet wird, sich um Töchter und Söhne zu kümmern, sich für sie zu interessieren und (emotional) auf sie einzugehen, sah vor zwei oder drei Jahrzehnten die Vater-Kind-Welt noch viel (gefühls-)ärmer aus. Wen wundert da, dass jene Frauen, die in Väter & Töchter. Eine prägende Beziehung verstehen lernen (€ 20,60, Kreuz Verlag) dem französischen Psychoanalytiker Alain Braconnier ihre Lebensgeschichten erzählen, überwiegend negative Väterbilder zeichnen: der Autoritäre, der Choleriker, der Abwesende, der Vater mit dicker Brieftasche (aber ohne Zeit) ... Julia Onken, Schweizer Psychologin und Buchautorin (Vätermänner, € 10,20, C. H. Beck Verlag) spricht in diesem Zusammenhang vom „Phantomschmerz Vater", einer emotionalen Rechnung, die bei manch erwachsener Frau noch offen ist.

Marktwert testen


Die Forschung hat es lange nicht interessiert, ob und wie wichtig Väter auch für Töchter sind. Schon 1977 offenbarte zwar eine Studie mit 25 Top-Managerinnen einen Zusammenhang zwischen deren Erfolg und ihren sehr engagierten Vätern. Trotzdem dauerte es noch Jahre, bis herauskam, wie sehr Väter das Selbstbewusstsein ihrer Töchter stärken - und ihnen auch den Weg in ihren Liebesbeziehungen vorzeichnen. Denn jeder Papa ist der erste Mann im Leben seiner Tochter. Über ihn macht sie sich ein Bild, wie Liebesbeziehungen aussehen, tritt in den Dialog mit dem anderen Geschlecht, testet ihren Marktwert. Um zu erkennen, wie erwachsene Töchter ihre offene Rechnung begleichen können, lohnt ein analytischer Blick in die Kindheit:

Väter und ihre kleinen Töchter


Nicht jede von uns trägt ein Vaterdefizit mit herum. Doch Julia Onken beobachtete in ihrer Praxis immer wieder Frauen mit Vaterdefizit: „Als Kind wurde die Tochter zu wenig von ihrem Vater emotional beantwortet. Sei es aus Desinteresse, sei es, weil er beruflich stark eingespannt war." Sein Verhalten signalisierte ihr: „Du interessierst mich nicht." Also habe sie Strategien entwickelt, um die Aufmerksamkeit des Vaters zu gewinnen, sagt Psychologin Onken.

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Väter im Fokus der Forschung – mit durchaus erstaunlichen Ergebnissen:

Putzmann. Engagieren sich Männer im Haushalt, fühlen sich Kinder vom Vater mehr wertgeschätzt, beachtet und geliebt.

Verstärker. Töchter mit guter Vaterbeziehung trauen sich mehr zu und haben bessere Noten, besonders in den Naturwissenschaften und Mathematik.

Hemmschwelle. Haben Vater und Tochter ein enges Verhältnis, kommt sie später in die Pubertät – mit einem Stiefvater früher.

So wie du. Die Spiel-Feinfühligkeit von Vätern ist wichtiger als die von Müttern: Als Erwachsene zeigt man in zwischenmenschlichen Beziehungen jenes Verhalten, das man als Kind vom Vater beim Spielen vorgelebt bekam.

Nestflucht. Väter trauen Kindern vier Jahre vor der Mutter Unabhängigkeit von den Eltern zu.

Achterbahn. Auch Männer reagieren auf die Geburt ihres Kindes mit hormonellen Schwankungen.

Dabei läuft es idealerweise andersherum: Väter müssen lernen, sich auf die Welt des Mädchens einzulassen - nicht das Mädchen muss herausfinden, was Daddy Spaß macht. „Selbstbewusstsein wird immer durch die Beantwortung des Gegenübers generiert", sagt Onken. „Ein engagierter Vater gibt Töchtern eine gute Basis für ihr Selbstbewusstsein - und macht sie weniger anfällig für spätere ungünstige Beziehungen." Denn sie hat gelernt: Sie ist so, wie sie ist - und das ist okay. Geht jedoch etwas schief zwischen Vater und Tochter, entwickeln sich laut Onken drei Töchtertypen:

Die Gefalltochter - „Ich gefalle, also bin ich"

Mädchen entwickeln schnell ein Gespür dafür, dass der Vater auf erotische Reize bei Frauen reagiert - und werden sich daran orientieren, um über optische Gefälligkeit beim Vater zu punkten. Meist aber schotten sich Väter ihren pubertierenden Mädchen gegenüber ab. Das Ziel, den Vater zu erreichen, schlägt fehl.

Die Leistungstochter - „Ich bin erfolgreich, also bin ich"

Töchter, die herausbekommen, dass ihr Vater Interesse bei Leistung zeigt - sportlicher, intellektueller, handwerklicher -, werden versuchen, ihm darüber zu imponieren. Sie lernen vom Vater, wie Welt und wie Erfolge funktionieren. Als Erwachsene erkennt sie womöglich irgendwann, einen Beruf nur deshalb gewählt zu haben, um dem stolzen Vater damit zu gefallen.

Die Trotztochter - „Ich spüre Widerstand, also bin ich"

Auch sie erreicht den Vater emotional nicht. Doch indem sie ihm trotzt, ruft sie ihn sich auf den Plan. Sie wird seine Lebensphilosophie genau analysieren - und ihn argumentativ auseinandernehmen, wenn diese nicht mit seiner Lebensgestaltung übereinstimmt. Sie sucht den Streit, weil der Vater dann emotional wird und ihr so nahe ist.

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Als Erwachsene trägt manche Tochter schwer am (Nicht-)Liebespackerl vom Vater: Sie möchte die fehlende Anerkennung nachträglich bekommen - von ihrem Partner. „Allerdings ist das Risiko groß, einen relativ emotionslosen Mann zu wählen, der dem Vater ähnlich ist", sagt Onken.

Folgt man Onkens Typologie, ordnen sich Gefalltöchter tendenziell anderen Menschen und ihrem Partner unter, sie trauen sich nicht, ihr Ich wirklich zu leben. Es macht ihnen Angst, eines Tages körperlich nicht mehr attraktiv zu sein, weil sie sich dann als „weniger" fühlen.
Rationale Leistungstöchter geraten oft an Männer, die ihr Gegenteil sind, weicher, antriebsloser. Sie wollen ihren Partner gern (vergeblich) ummodeln in einen Leistungsmann.


Und die Trotztochter? Sieht in angriffslustigen Auseinandersetzungen ihre (Verführungs-)Waffe. Beziehungen werden zu rhetorischen Kampfplätzen.

Die Heilung


„Erkennt eine Frau, dass sie, statt wirklich zu lieben, noch immer nach der emotionalen Beantwortung des Vaters lechzt, wird sie nicht mehr auf Männer hereinfallen, die ihren Phantomschmerz vergrößern." Wer sich mit der Enttäuschung durch den Vater auseinandersetzt, kann die eigene Geschichte sogar rückwirkend heilen. Und zwar so:

Von allen Seiten. Verharren Sie nicht in der Opferhaltung, sondern fragen Sie sich, wie Sie sich den Vater gewünscht hätten. „Pinseln Sie sich ein neues Vaterbild. Das bewahrt davor, sich das alte Modell zum Partner zu suchen", sagt die Expertin. Zweiter Schritt: Lernen Sie Papa als jemanden mit eigener Geschichte kennen und beurteilen Sie ihn nicht nur nach seinen väterlichen Qualitäten, nähern Sie sich der Vaterstatue aus verschiedenen Perspektiven. Hat er im Segment Vater-Tochter versagt? Okay. Aber vielleicht war er ein guter Ehemann, ein brillanter Vorgesetzter, ein super Sportler? Werden Sie dem Vater als Mensch gerechter.

Reden hilft. Schritt drei: Sprechen Sie mit einer Freundin über Ereignisse, die Ihnen hängengeblieben sind. „Das hat eine heilende Wirkung." Auch schreiben tut gut. Einen Brief an den Vater sollten Sie ihm nur zu lesen geben, wenn er sich offen gibt. „Sonst droht eine Kränkung wie früher: Er versteht Sie nicht."

Annäherung. Erkennen Sie die Ambivalenz der Beziehung an. Vater und Tochter werden nie ganz dieselbe Sprache sprechen. Doch sich einander anzunähern, lohnt sich - in jedem Lebensalter.

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