„Der Vater ist auch für Bindung zuständig“

Der deutsche Schauspieler Christian Ulmen teilt sich mit Partnerin Collien Fernandes gleichberechtigt die Erziehung und erzählt erfrischend ehrlich, was es heute bedeutet männlich, und trotzdem für Ohrenschmerzen zuständig zu sein.

Die Charaktere die Christian Ulmen meist spielt, sind gar nicht so weit von der Realität entfernt. Im Film ist er vielleicht noch mehr der Verlierertyp, aber die einfühlsame Seite, die hat er definitiv mit seinen Rollen gemeinsam. Um die gemeinsame Tochter kümmert er sich mit seiner Frau, der Moderatorin Collien Fernandes, gleichberechtigt. Wenn einer von beiden eine Drehanfrage bekommt, tagt erst mal der Familienrat: Kannst du da? Ansonsten werden Termine verschoben und wenn wirklich mal keiner von beiden zu Hause bleiben kann, werden die Großeltern eingespannt. Trotzdem bleibt es ein Drahtseilakt, das Familienleben zu organisieren. Ulmen sieht das ganz entspannt: „Meine Frau erwartet ja auch nicht von mir, dass ich zu Hause bleibe. Würden wir in einer Zeit leben, in der Frauen nicht arbeiten dürften, wäre meine Frau mit Sicherheit eine unglückliche Person.“ Das Jonglieren sei zwar manchmal nervig, aber genauso nervig ist es, dass man nach dem Tanken immer bezahlen muss: Das gehört dazu.

Prägendes Elternhaus


Diese gleichberechtigte Haltung hat Ulmen schon als Kind mitbekommen: Obwohl der Vater arbeiten ging, ist er es an den er sich erinnert, wenn er an’s Brust eincremen und beim Kotzen helfen denkt. Die Aufteilung der Arbeit im Haus war nie nach Geschlechterklischees geregelt. „Das Arrangement, das der eine zu Hause bleibt, und der andere arbeitet, steht ja in keinem Widerspruch zur Gleichberechtigung von Mann und Frau.“ Sein Vater war in den Kleinkindjahren nicht deswegen Alleinverdiener, weil sie dachten, das wäre die Aufgabe des Mannes. Später hatte die Mutter ein kleines Kunstgewerbe.

Der kleine Unterschied


Obwohl viele von Ulmens Freunden ähnliche Lebensentwürfe haben, bemerken er und seine Frau doch einen krassen Unterschied in der Reaktion auf das Modell. Unter Interviews von seiner Frau gibt es öfter Kommentare à la „Was fällt dir ein, arbeiten zu gehen, was bist du für eine schlechte Mutter.“ Ältere Frauen beschimpfen sie in E-Mails, weil sie nicht auf die Idee kommen, dass es ja einen Vater gibt, der auch für Bindung zuständig sein könnte. In der Arbeit sagen Leute „Ach das ist ja nett, dass dein Mann sich auch mal um das Kind kümmert.“ „Als sei klar, dass es sich da ja nur um eine Ausnahme und einen besonders netten Mann handeln kann, wenn er ihr das mal abnimmt.“

Nachdenken über’s Mann-Sein

Hin und wieder fängt er dann doch zum Nachdenken an, zum Beispiel wenn andere Männer erzählen, sie hätten ihre Frau einfach zwei Tage vor dem Geburtstermin im Krankenhaus abgegeben, weil sie nicht bei dem „Gemetzel“ dabei sein wollten. Da merkt er, seine Geschichten vom Nabelschnur durchschneiden und ersten Mal wickeln würden nicht gut ankommen, und fragte sich, was es bedeutet männlich zu sein. Die Conclusio ist aber eine andere: „Es heißt, es sei männlich, hart zu sein, kräftig, diszipliniert. Aber ich musste nie stärker, härter, disziplinierter sein als in den letzten drei Jahren mit meiner Tochter. Deshalb ist das Vater-Sein, ein Job der Hand in Hand geht mit den Männlichkeits-Attributen. Absoluter Quatsch, das als weich abzutun.“


Für alle die’s interessiert: Das ganze Interview gibt’s hier zu lesen.

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