Der unermüdliche Kampf der Frau Bock

Sie ist stur, hartnäckig und verliert nie ihren Humor: Ute Bock, die Flüchtlingshelferin der Nation, ist eine Frau, die viele Menschen inspiriert. Sie verrät uns, welche Hassliebe sie mit Wien verbindet und was von ihr einmal in Erinnerung bleiben soll.

Anm. der Redaktion: Ute Bock ist am 19. Jänner 2018 im Alter von 76 Jahren verstorben. Dieses Interview haben wir mit ihr im Oktober 2015 geführt.

30 Jahre Wienerin – 30 Frauen im Porträt: Anlässlich des WIENERIN-Jubiläums widmen wir uns ein Jahr lang 30 starken Frauen, die uns bewegen und beeindrucken. Heute im Porträt: Ute Bock.

Eine pinke, eine blaue, eine zerstampfte Tablette. Pflegerin Luci bereitet ein Glas Wasser vor und scherzt dabei: „Was haben’s denn heute schon wieder?“ Das Pflegebett ist gemacht, der Fernseher läuft im Hintergrund in voller Lautstärke. Es ist die Wiederholung einer deutschen Talkshow. Aber es hört sowieso niemand zu. Der Geruch im Zimmer ähnelt dem im restlichen Haus, ein wenig abgestanden, Nuancen von Gewürzen aus aller Welt.

Es ist ein kleiner und bescheidener Raum, in dem Ute Bock lebt. Spärlich eingerichtet, einfache Möbel, kein Schnickschnack. Die materiellen Dinge, die waren ihr nie wichtig, wird sie später erzählen. Ihr Privatbörsel habe sie immer bis zum Anschlag geleert – um zu helfen. Sie habe eine einzige Schublade, die sie absperren kann – sie hat aber vergessen, wo sie ist. „Ich bin zufrieden mit dem, was ich g’habt hab. Sparen tu‘ i ned auf ein Ehrenbegräbnis“, sagt sie lachend.

Die Geburt einer Helferin

Seit ihrem Schlaganfall vor knapp zwei Jahren hat sich für Ute Bock vieles verändert. Sie wird 24 Stunden lang betreut, sie redet leise und zögernd. Man merkt ihr an, wie schwierig das für sie ist. Dass sie nicht so arbeiten kann wie früher. „Wir machen das schon für dich“, sagt ihre Mitarbeiterin Sabine Pinterits. „Auf uns kannst du dich verlassen.“ Zweimal die Woche geht Frau Bock zu ihren Therapiestunden. Unterbeschäftigt ist sie nicht, Interviews gibt sie noch immer. Auch Auswärtstermine nimmt sie wahr, sofern es geht. „Ich versuche, fleißig zu sein, damit sie mit mir zufrieden sind“, lacht sie wieder.

Das Ute Bock Haus in Favoriten ist von außen betrachtet kein luxuriöser Ort, die Gänge sind dunkel und spärlich beleuchtet, zwei alte Sofas stehen im Empfangszimmer. Doch der Glanz kommt von innen heraus. Als dringend benötigter Zufluchtsort bietet das Haus Hilfe für jene, die nichts mehr haben, die vergessen wurden, die niemand mehr wollte. Genau jene Menschen sind es, die „Frau Bock“ oder „Mama“, wie sie hier von vielen genannt wird, besonders am Herzen liegen. Flüchtlinge und obdachlose Asylsuchende, die mit dem Nötigsten – einem Dach über dem Kopf und Nahrung – und darüber hinaus mit Rechtsberatung, Deutschkursen, Ausbildungsangeboten versorgt werden.

Auf ihrem Lebensweg nahm Ute Bock schon immer unerwartete Abzweigungen. Sie hat nach ihrer Matura eine kaufmännische Ausbildung abgeschlossen. Geplant war eigentlich, dass sie Buchhalterin wird. Doch die Jobs waren knapp und schließlich fing sie an, bei der Gemeinde Wien zu arbeiten – als Erzieherin. So kam sie nach Biedermannsdorf in ein Schulkinderheim mit „schwierigen Kindern“. Ihre nächste Station war die Zohmanngasse in Favoriten, damals noch ein „Burschenheim“. Waren es anfangs nur diese „schwierigen“ Jugendlichen, um die sie sich kümmerte, kamen in den Neunzigerjahren, zur Zeit des Jugoslawienkriegs, auch immer mehr Flüchtlinge und Asylsuchende zu ihr, suchten Schutz, Rat und Hilfe. Ihre Arbeit als „Flüchtlingshelferin der Nation“ nahm ihren Anfang.

„Damals war’s ned so schlimm“, sagt sie. Zumindest für die Flüchtlinge, deren Flucht kürzer war, die hier oft schon Familie hatten. Trotzdem – die Stimmung in der Bevölkerung war ähnlich. „Kennen’s ned die Wiener? Die Wiener sind gegen alles, was sie nicht selbst gemacht haben.“

Ein steiniger Weg nach oben

Es ist eine verlassene Gegend rund um das Ute-Bock-Haus. Die spärlich besuchte Konditorei „Susi“, eine alte Putzerei, ein einsamer Callshop. Eine Gegend, in der die Menschen aufs Geld schauen müssen, in der die „Anderen“ in den Köpfen stets präsent sind. Zu Favoriten, jenem Bezirk, der sie ihr Leben lang begleitet, hat Frau Bock ein ambivalentes Verhältnis. Eine Hassliebe. Und doch immer irgendwo die Hoffnung, es würde sich alles zum Besseren wenden. Dass die Menschen hier aufwachen und auch die „Ausländer“ endlich akzeptieren. Schließlich tue sich gerade etwas in Österreich, die Menschen würden öffentlich für Flüchtlinge einstehen. „Man muss den Leuten ja sagen: Hallo, so geht’s ned“, ist sie überzeugt.

Der Weg für Ute Bock und ihr Projekt war steinig. Im September 1999 wurden im Zuge der „Operation Spring“ bei einer Razzia in dem Heim mehr als 30 Jugendliche und junge Erwachsene wegen des Verdachts auf Drogenhandel festgenommen. Bock wurde wegen Bandenbildung und Drogenhandels angezeigt und kurzzeitig vom Dienst suspendiert. Die Anklage wurde später fallengelassen. Das Heim wurde geschlossen, Ute Bock kümmerte sich nach ihrer Pensionierung in privaten Wohnungen weiter um Flüchtlinge.


Im Jahr 2012 kehrte sie schließlich zurück nach Favoriten, nachdem eine Privatstiftung von Hans Peter Haselsteiner ihr das Haus zur Verfügung stellte. Doch sie war alles andere als willkommen: von der FPÖ initiierte Unterschriftensammlungen wehrten sich gegen das Projekt, die Nachbarschaft war nicht erfreut. „Über alles haben sie sich beschwert. Wir haben da daneben ein Haus, wo in der Einfahrt eine Gittertür ist. Wehe der Ball fliegt einmal da drüber – um Gottes willen!“, erzählt sie. Aber Kritik und Ablehnung sind nichts Neues für Frau Bock. Ihre "schönste" Geschichte, sagt sie lachend, sei diese hier: „Da geh‘ ich beim Zielpunkt hinaus und da geht einer und grüßt mich. ,Grüß Sie, Frau Bock. San’s wieder da?‘ Sag ich: ,Ja!‘ Sagt er zu mir: ,Sie san’s ja deppert.‘ ,Darum pass‘ ich ja hierher, weil ich so deppert bin'."


Vor einigen Wochen veranstaltete sie schließlich den ersten Tag der Offenen Tür im Ute-Bock-Haus. Ein Meilenstein in der Geschichte des Hauses. Viele Leute, auch aus der Nachbarschaft hätten vorbeigeschaut, sich interessiert. Mit den Behörden habe sie heute keine Probleme mehr. Wenn sie etwas nicht bekommt, dann klemmt sie sich hinter das Telefon, bleibt hartnäckig und lästig. „Sonst hätt‘ ich nie was erreicht“, ist sie überzeugt. „Wenn da ein schwerkrankes Kind ist und die geben ihm keinen Platz im Spital, weil ,so krank is’ eh ned‘, dann werd ich narrisch.“

„Empfindlich darf man nicht sein“

Das Leben als Flüchtlingshelferin der Nation ist kein einfaches. Immer wieder ist Ute Bock mit Kritikern konfrontiert. Nach ihrem Schlaganfall hat ein Mitarbeiter der FPÖ-Zeitung auf Facebook verlautbart, dass sich sein Mitleid in Grenzen halte. Ihr sei bewusst, dass viele sie gerne schon im Grab sehen würden, sagt Frau Bock. Doch den Gefallen würde sie ihnen nicht tun. „Empfindlich darf man nicht sein“, lacht sie.

Denn es gibt ja auch die andere Seite. Menschen, die nicht wissen, wie sie ihre grenzenlose Dankbarkeit ausdrücken sollen. Die vor dem Nichts standen und wegen ihr ein neues Leben anfangen konnten. Diese Geschichten sind es, für die sie arbeitet. Zum Beispiel der Familienvater, der sich so gefreut hat, als Ute Bock nach ihrem Schlaganfall zurückgekehrt ist. „Der hat mich gleich allen vorgestellt – das ist meine Mama, hat er gesagt. Das macht’s leichter.“

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1: Was haben Sie von einer Frau in Ihrem Leben gelernt?

Ich hab‘ eine Tante gehabt, die hatte in Deutschland ein Haus, in dem sie Haftentlassene aufgenommen hat. Die ganze Familie hat immer gesagt: ,Die Verrückte!‘ So geht’s mir heut auch.

2. Wer oder was kotzt Sie an?

Ich möchte gerne, dass Frieden herrscht zwischen den Menschen, die hierher kommen und den Österreichern, die hier schon leben. Ich mag diese grausliche Einstellung der Wiener nicht. Dass sie herumschreien, schimpfen, streiten.

3. Was bedeutet Feminismus für Sie?

Ich behandle alle Leute gleich, egal ob das ein Bub oder ein Maderl ist. Aber da kenn‘ ich mich nicht so gut aus.

4. Das Leben als Frau: Warum würden Sie nicht mit Ihrer Großmutter tauschen wollen?

Weil sie sicherlich ein wesentlich schwereres Leben gehabt hat. Und eine andere Einstellung als ich. Die war immer nett und freundlich zu den Leuten, aber Gemeinheiten hat sie nicht gern gehabt. Aber die sind mir zum großen Teil wurscht.

5. Welche(r) Frage sollen sich Frauen in 30 Jahren nicht mehr stellen müssen?

Eine Frau soll gleichberechtigt sein und sich diesen Platz nicht erst erkämpfen müssen.

6. Welches Ereignis hat Sie im vergangenen Jahr bewegt?

Unser Tag der Offenen Tür. Sehr viele Leute aus der Nachbarschaft sind gekommen, haben geschaut, gefragt. Ich habe zum ersten Mal das Gefühl gehabt, dass ich hier dazugehöre.

Noch als sie krank im Bett gelegen ist, kamen ehemalige Bewohnerinnen und Bewohner zu Besuch. „Grüß Gott, Mama, wissen’s wer ich bin?“ „Sagen’s ma ihren Namen, dann weiß ich’s vielleicht“, antwortete Frau Bock. „Als ich den Namen erfahren hab‘, ist mir wieder eingefallen, was das für ein Gfrast war, früher.“ Sie lacht. „Sag‘ ich zu ihm: Wie geht’s da denn?“ Er erzählt, dass er Bauleiter ist, vorne auf der Raxstraße. „Sag‘ ich: Na guad, super! Und was hat er gmacht? Glasfenster zugeschnitten.“ Sie alle wollen zeigen, dass sie etwas erreicht haben, wollen, dass Frau Bock stolz auf sie ist.

Stolz ist ein Gefühl, das Ute Bock selbst nur ungern nach außen trägt, es passt nicht zu ihrer bescheidenen Art. Nur das Zimmer, in dem wir sitzen, ihr Arbeitszimmer, zeugt davon, dass ihr lebenslanges Engagement nicht unbemerkt geblieben ist. Die Wände sind tapeziert mit Auszeichnungen – angefangen beim UNHCR-Flüchtlingspreis, dem Bruno Kreisky Preis für Verdienste um die Menschenrechte, den Preis des Österreichischen Roten Kreuzes, bis hin zum Goldenen Verdienstzeichen der Republik Österreich – sie alle und viele mehr hat Frau Bock für ihren Einsatz erhalten.

Daneben hängen aber die Dinge, die sie besonders glücklich machen: Poster voller Unterschriften, Dankesbekundungen, Genesungswünsche, Zeichnungen von jenen, um die sich gekümmert hat. Darauf stehen Sätze wie: „Sie ist ein Vorbild für alle Menschen“, „Ales Gute frau Bok“, „Alle Armenier haben dich lieb“ oder einfach nur „Danke, danke, danke.“

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Die Arbeit hört nie auf

Sie kann nicht sagen, woher das kommt, ihr Engagement, ihr Drang, anderen zu helfen. Nur so viel: „Mir geht’s besser wie viele andre Leut‘.“ So viele schreckliche Dinge habe sie schon gesehen, schwere Krankheiten, tragische Schicksale – und trotzdem auch so viel Anteilnahmslosigkeit auf der anderen Seite. Eine Stadt, in der fast ein Drittel die FPÖ wählt, sei eine Schande, sagt sie. „Wer hat denn den rauslassen, den Strache?“ Sie versteht nicht, wie Menschen so einen Hass empfinden können. „Aber sie werden es schon kapieren.“

Da ist sie wieder: die Hoffnung in den Augen, die Überzeugung und die Sturheit – alles wird irgendwann gut. Und es ist schwer, ihr zu widersprechen. Der durchdringende Blick signalisiert: mit Frau Bock sollte man sich nicht anlegen. Es wirkt fast so, als würde sie jeden durchschauen. Wenn es ihr wieder besser geht, ist Frau Bock überzeugt, werde sie wieder am Schreibtisch sitzen. „Und alles das machen, was ich früher auch gemacht hab‘.“ Das ist ihr größter Wunsch. Der Rest kann warten. Sie zeigt auf ihren Kopf und sagt: „Es geht noch ned so, wegen dem Klick-Klack da oben.“

Das Schlimmste für sie sei, untätig zu bleiben. Sie will, dass es allen gut geht. Wenn sie hört, dass Flüchtlinge in Österreich am Boden schlafen müssen, zerreißt es ihr das Herz. „Jedes Mal, wenn ich die Gelegenheit dazu habe, werde ich aufstehen und etwas sagen. Und helfen.“ Wie lange sie das gesundheitlich noch schafft? „Die wünschen sich, dass ich endlich abkratze. Aber heute sicher nicht“, lacht sie.

Angst vorm Sterben habe sie keine. „Ich will nur nicht auf der Straße im Dreck liegen und mich herausziehen lassen. Auch das habe ich schon gesehen.“ Von ihr in Erinnerung bleiben soll vor allem eines: „Die Einstellung. Dass man nicht auf Wolke Sieben sitzt und zusieht, wie die ekelhaft san‘ mit den Ausländern. Ich sitze dann oben und beobachte. Auch im Himmel geb‘ ich keine Ruh.“

6 Fragen an Ute Bock

1. Was haben Sie von einer Frau in Ihrem Leben gelernt?

Ich hab‘ eine Tante gehabt, die hatte in Deutschland ein Haus, in dem sie Haftentlassene aufgenommen hat. Die ganze Familie hat immer gesagt: ,Die Verrückte!‘ So geht’s mir heut auch.

2. Wer oder was kotzt Sie an?

Ich möchte gerne, dass Frieden herrscht zwischen den Menschen, die hierher kommen und den Österreichern, die hier schon leben. Ich mag diese grausliche Einstellung der Wiener nicht. Dass sie herumschreien, schimpfen, streiten.

3. Was bedeutet Feminismus für Sie?

Ich behandle alle Leute gleich, egal ob das ein Bub oder ein Maderl ist. Aber da kenn‘ ich mich nicht so gut aus.

4. Das Leben als Frau: Warum würden Sie nicht mit Ihrer Großmutter tauschen wollen?

Weil sie sicherlich ein wesentlich schwereres Leben gehabt hat. Und eine andere Einstellung als ich. Die war immer nett und freundlich zu den Leuten, aber Gemeinheiten hat sie nicht gern gehabt. Aber die sind mir zum großen Teil wurscht.

5. Welche(r) Frage sollen sich Frauen in 30 Jahren nicht mehr stellen müssen?

Eine Frau soll gleichberechtigt sein und sich diesen Platz nicht erst erkämpfen müssen.

6. Welches Ereignis hat Sie im vergangenen Jahr bewegt?

Unser Tag der Offenen Tür. Sehr viele Leute aus der Nachbarschaft sind gekommen, haben geschaut, gefragt. Ich habe zum ersten Mal das Gefühl gehabt, dass ich hier dazugehöre.

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