Der Traum(a)prinz

Sie sind über 30 und träumen davon, mal Brad Pitt zu heiraten? Willkommen im Club. Wir verraten Ihnen, warum es so gut tut, vom Unerreichbaren zu fantasieren. Und wann es besser ist, das Kopfkino zu verlassen.

An der Wand hinter Marias Schreibtisch hängen Schnappschüsse ihres Traumprinzen: verwackelte Bilder eines Mannes mit schulterlangen Haaren, tätowierten Oberarmen und einem Mikroständer in der Hand. Keiner würde sich etwas denken, wäre sie 16 Jahre alt und der Abgelichtete Bill Kaulitz von Tokio Hotel. Aber Maria ist 36, geschieden und Mutter zweier Teenager. Und das Objekt ihrer Begierde ist Anthony Kiedis, der 48-jährige Frontman der Red Hot Chili Peppers.

Die Schwärmerei geht so weit, dass der Nachwuchs schon mal den Pizzaservice rufen muss, wenn die Mama ein "Date" mit Anthony hat. Heißt: YouTube-Videos in Endlosschleife sieht und darüber nicht nur die Zeit vergisst, sondern auch jeden Sinn für die Realität verliert. "Ich weiß, ich könnte ihn glücklich machen", seufzt die hübsche Marketingleiterin. "Bei mir würde er zur Ruhe kommen, weil ich verstehe, was er braucht und wie er tickt."

Diese Überzeugung teilt Maria ... mit niemandem. "Meine Freundinnen wissen, dass ich seine Musik mag", sagt sie, "aber nicht, dass ich oft denke: Ach, wie schön wäre es, wenn er jetzt neben mir liegen würde! Wenn die das wüssten, sie würden mich für verrückt halten."

Fanatisch oder fantastisch? Ist Maria wirklich reif für den Therapeuten? Der Wiener Lebens- und Sozialberater Dieter Schmutzer gibt eine überraschende Antwort: "Nein. Wir alle träumen in unterschiedlichen Ausprägungen von völlig unmöglichen Dingen." Schmutzer ist sogar überzeugt: "Wir brauchen solche Dinge."

Wir alle träumen in unterschiedlichen Ausprägungen von völlig unmöglichen Dingen. Wir brauchen solche Träume.
Dr. Dieter Schmutzer, Lebens- und Sozialberater

Ist die Sehnsucht erwachsener Frauen nach Rock- oder Filmstars ein legitimes Grundbedürfnis? "Auf diese Weise steigen wir aus den Alltagsbelastungen aus", erklärt der Lebensberater. "Wir beamen uns weg von banalen Dingen wie Arbeit, Bügeln oder zu wenig Geld auf dem Konto. Das macht das Leben bunt, wir können uns von unseren Verpflichtungen erholen und neue Kraft tanken."

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Sie wollen mit Ihrem Traum(a)prinzen Schluss machen?
So klappt’s:


Schritt 1: Bestandsaufnahme. In welchen Situationen flüchten Sie sich in Ihre Fantasien? Bei Stress, Jobtroubles, Single-Koller? Erkennen Sie die realen Bedürfnisse dahinter und suchen Sie nach einem Weg, diese wirklich zu erfüllen. Brad etwa ist oft nur ein "Licht-Double“ für Mr Right. Fragen Sie sich, was Sie sich von einem Partner wirklich wünschen. Sicher, nobody is perfect. Aber ein realer Mann kann wenigstens einen Teil Ihrer Wünsche befriedigen - ein Paparazzo-Bild von Brad Pitt keinen einzigen.
Schritt 2: Entwöhnung. Verzichten Sie bewusst darauf, RTL Exclusiv zu schauen, Boulevardblätter zu studieren oder News über ihn zu googeln. Vermutlich stellen Sie schnell fest, dass es nicht so wichtig ist, zu wissen, was Mr Superstar gestern gemacht hat. Auch zum 50. Solo-DVD-Abend mit Troja gibt es sicher eine Alternative, die Ihnen Freude macht - und eine reale Erinnerung produziert.
Schritt 3: Distanzierung. Malen Sie sich Mr Pitt in den düstersten Farben aus: Wie sieht er aus, wenn die Kamera abblendet? Hat er ein Alkohol- / Marihuana- / Egoproblem? Hängt er mit Kumpels ab, statt die Kinder zu Bett zu bringen? Und bedenken Sie: Auch eine schmutzige Unterhose von Brad Pitt ist am Ende einfach nur eine schmutzige Unterhose, die gewaschen werden muss.

Mrs. Miller

Aus ihrem Alltag weg träumte sich auch Sabine, 28. Jahrelang verfolgte die Stylistin Sportübertragungen im TV und träumte davon, später einmal das Enfant terrible des argentinischen Fußballs, Fernando Redondo, zu heiraten. Als dieser sich aus der Sportwelt zurückzog und medial nicht mehr greifbar war, sattelte Sabine auf das bunteste Pferd im Skizirkus um: Bode Miller.

"Wann immer es in einer realen Beziehung kriselte, war mir das relativ wurscht", erinnert sie sich. "Männer waren für mich immer nur Vorbereitung, ein Trainingslager für mein Leben an der Seite des gefeierten Sportstars." In ihren Träumen war sie es, zu der Bodes Blick nach einem siegreichen Rennen als Erstes wandern würde. "Und am stärksten war dieses Gefühl in meinen Singlephasen."

Aschenbrödel-Prinzip

Während bei Teenies Schwärmereien für Bill Kaulitz & Co ein Trockentraining in Sachen Liebesdingen und ein wichtiger Bestandteil des Erwachsenwerdens sind, müssen bei Frauen jenseits der zwanzig mehrere Faktoren zusammenkommen, damit sie diese Form der Tagträumereien wählen, erklärt Dieter Schmutzer: "Unerfüllte emotionale Wünsche plus kindliche Anteile, gepaart mit ausgeprägter Vorstellungskraft."

Was und von wem wir genau träumen, hängt eng mit unserer Lebenssituation zusammen, davon, wie viel wir von dem, was wir uns wünschen, tatsächlich besitzen, erklärt Schmutzer. "Wenn ich gerade in keiner oder einer unglücklichen Beziehung bin, dann bin ich natürlich anfälliger dafür, vom großen Glück zu träumen. Völlig unabhängig von sozialem Status, Bildungsgrad oder Attraktivität. Da braucht nur ein passendes Objekt der Begierde auftauchen, in das ich all meine Sehnsüchte hineininterpretieren kann. Und klar, dass wir, wenn wir schon mal träumen, dann von einem Ferrari fantasieren und nicht von einem Fiat."

Stoff fürs Kopfkino

Die Prinzessin an der Seite des Helden zu sein - ein uraltes Bedürfnis. Der Freud-Schüler C. G. Jung prägte dafür den Begriff der "Archetypen", die in Fabeln, Liebesromanen oder bei Live-Übertragungen vom Hahnenkamm auftreten. Jung untersuchte dieses Phänomen tiefenpsychologisch und fand heraus: Wir brauchen diese Vorbilder, um uns an ihnen zu messen. Das bringt uns weiter, lässt uns an uns arbeiten, weil es ein - wenn auch unrealistisches - Ziel gibt.

Stoff fürs Kopfkino, sprich neue Archetypen, liefert die Entertainmentindustrie zuhauf, bedeutet es doch gutes Geld: Hollywood, Illustrierte und nicht zuletzt das Internet leben sehr gut vom Spiel mit der Illusion. Die Millionäre von Seite drei sind die Helden von heute, in deren Villa wir uns träumen. Und unser Selbstwert wird durch die Vorstellung gepusht, dass uns alle - die Kollegin, die ehemalige Klassenkameradin, die Kassiererin beim Billa - um das aufregende Leben an der Seite eines tollen Mannes beneiden.

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Die Illusion von Superman

Zumindest eine Zeit lang. Beatrix, 35, etwa träumte Jahre von Til Schweiger. Bis sie dem deutschen Filmstar tatsächlich begegnete. "Es war bei der Österreich-Premiere zu seinem Film Zweiohrküken. Ein Freund hat mich in die After-Show-Party eingeschleust. Ich konnte ihm sogar die Hand schütteln. Doch live habe ich ihn gar nicht so fesch und sogar ziemlich unsympathisch gefunden. Sein Händedruck war lasch und er hat sich auch gleich wieder von mir ab- und seiner Gesprächspartnerin zugewandt. Das war's. Nach so vielen Jahren der Vernarrtheit war Til Schweiger für mich mit einem Handschlag passé."

Dieter Schmutzer wundert das nicht: "Die Illusion lebt natürlich davon, dass sie nicht Realität wird. Wenn man sich vorstellt, Brad Pitt würde wirklich kommen und mit einem den Bund fürs Leben schließen wollen, würde er recht schnell von seinem Glanz verlieren. Kein Star kann jemals erfüllen, was wir in ihn hineininterpretieren. Der hat auch Wimmerln und wenn er schlecht geschlafen hat, ist er vermutlich genauso grantig wie der Max von nebenan."

Single-Programm

Brad hat jedoch einen entscheidenden "Vorteil" gegenüber "Max von nebenan": "Bei Brad muss ich mich auf nichts einlassen, keine Kompromisse eingehen und mich vor allem nicht anstrengen. Er ist ja nicht da. Und wenn ich mich in Mr Pitt verliebe, ist die Wahrscheinlichkeit enttäuscht zu werden, gleich null." Oft dienen Schwärmereien deshalb dazu, uns "das echte L(i)eben" und seine Risiken vom Hals zu halten. "Frauen, die sich immer wieder in Unerreichbare verschauen, machen das oft aus Selbstschutz", weiß Schmutzer.

Schluss, aus, ende. Handlungsbedarf besteht, wenn die Illusion negative Auswirkungen hat, "wenn jemand sein reales Umfeld vernachlässigt, schlaflose Nächte hat, seinen Job nicht mehr ausüben kann". All das seien Alarmzeichen, die es nötig machen, den "Traum-Prinzen" in die Wüste zu schicken - und sich im Ernstfall einem Therapeuten anzuvertrauen.

In stillen Momenten denkt auch Maria daran, ihr Luftschloss zu zerstören: "Dann wünsche ich mir, ich könnte Anthony aus meinen Gedanken streichen und neu anfangen. Mit einem Mann, der mich genauso liebt wie ich ihn, und das nicht nur in meiner Vorstellungskraft."

Wunsch & Wirklichkeit

Sabine kam in dem Moment vom Bode-Miller-Phantom los, als ihr vor einem halben Jahr ein realer Traummann über den Weg lief. Mit ihm geht sie am Wochenende auf den Fußballplatz. "Und wenn er ein Tor schießt", schwärmt sie, "dann juble ich ihm zu. Und er schaut dann lachend zu mir her."

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