Der Schönheitskult hat offiziell unsere Vagina erreicht

Glatter, fester, schöner, straffer: Operationen am weiblichen Genital boomen, der Intimbereich muss entsprechen. Aber wem oder was eigentlich? Über das Geschäft mit unserer Scham.

Das Geschäft mit der weiblichen Intimzone brummt. In Zeiten von Social Media ist kein Körperteil vor dem strengen Blick der Öffentlichkeit sicher. Haben sich Teenager bis vor Kurzem noch mit Bikini Bridge und Thigh Gap herumgeplagt, machen sich jetzt Frauen aller Altersstufen über die Attraktivität ihres Schambereichs Gedanken. Aber woher kommt diese scheinbar plötzliche Aufmerksamkeit für den Bereich zwischen unseren Beinen? Und wieso setzen sich mittlerweile sogar junge Frauen mit der Beschaffenheit ihrer Schamlippen auseinander?

"Die Frage, ob ich 'da unten' normal aussehe, beschäftigt mich schon"


Anna K. (Name von der Redaktion geändert) ist jung, hübsch, Studentin, single. Eigentlich ist sie zufrieden mit sich und ihrem Äußeren. Eigentlich. Denn die Beschaffenheit ihrer Vagina macht ihr Sorgen. "Die Frage, ob ich 'da unten' normal aussehe, beschäftigt mich schon, seit ich 14 war. Man vergleicht sich mit Freundinnen, sieht perfekte Schambereiche in Filmen und fühlt sich zwangsläufig unzulänglich", so die Studentin. "Ich habe natürlich Sex, aber die Frage, ob mein Intimbereich auch schön genug ist, sitzt permanent in meinem Kopf." Anna denkt über eine Verkleinerung der inneren Schamlippen nach und ist damit nicht alleine. Gynäkologen berichten von verunsicherten Patientinnen in ihren Praxen, die sich Sorgen um ihren Intimbereich machen. In den USA werden Schamlippenkorrekturen nach Geburten längst im Paket verkauft. Das sogenannte "Mommy Makeover" - Bruststraffung oder -vergrößerung, Bauchdeckenstraffung und Schamlippenkorrektur - wird von Frauen kurz nach der Geburt ihrer Kinder und meist nach abgeschlossener Familienplanung gerne angenommen. Ein Körper, der nicht dem gängigen Schönheitsideal entspricht, ist unerwünscht, jede Abweichung von der Norm ein Problem.

Frauen sollten lernen, sich so anzunehmen, wie sie sind


In Wirklichkeit sind es nur 0,4 Prozent aller Frauen, die von der "Norm" abweichen und mit Schmerzen, abnormen Deformationen oder stark vergrößerten Schamlippen zu kämpfen haben. Trotzdem ist der Trend zur Operation mittlerweile so stark geworden, dass sich auch öffentliche Stellen des Themas annehmen. Das Wiener Büro für Frauengesundheit und Gesundheitsziele hat heuer dazu aktuelle Leitlinien zur weiblichen Genitalchirurgie veröffentlicht - mit dem Ziel, über die Risiken von Operationen aufzuklären und zu verhindern, dass diese aus subjektiven ästhetischen Gründen leichtfertig durchgeführt werden und so zulasten des weiblichen Körpers gehen. Stattdessen sollten Frauen lernen, sich so anzunehmen, wie sie sind.

"Im Vergleich zu einer Brust-OP ist die Operation extrem risikoarm"


Die Schönheitschirurgie sieht das naturgemäß etwas anders. Johannes Seidel, Gynäkologe am Gesundheitszentrum Woman and Health in Wien, führt seit Jahren Schamlippenkorrekturen durch und versteht die Aufregung nicht: "Im Vergleich zu einer Brust-OP ist die Operation extrem risikoarm. Zudem haben die Patientinnen, die sich zu einer Operation entschließen, einen sehr hohen Leidensdruck, und es dauert oft Jahre an Überwindung, um überhaupt mit jemandem darüber zu sprechen."

Vor dem Eingriff wird umfassend über mögliche Komplikationen aufgeklärt und Bedenkzeit gegeben. "In den meisten Fällen ist es ein ästhetisches Problem, das die Patientinnen ganz subjektiv als solches empfinden. Wir sehen uns die Hintergründe individuell genau an und versuchen immer auch herauszufinden, ob da der Partner Druck ausübt. Fakt ist, ich habe noch nie einen Mann erlebt, der sich darüber Gedanken gemacht hat. Die Frauen wollen es selbst." Warum der Trend zu Schönheitsoperationen gerade in den letzten Jahren so stark zugenommen hat, erklärt sich der Gynäkologe so: "Weil man es kann. Man muss sich nicht mehr mit ästhetischen Problemen herumschlagen, man kann sie beseitigen. Viele Frauen kommen auch mit Geburtsverletzungen zu uns."

Bagatellisieren möchte der Gynäkologe aber nichts, nur die Perspektive ein bisschen zurechtrücken: "Für Botox gibt es außer Migräne ja auch keine medizinische Indikation, und das ist mittlerweile salonfähig geworden." Wenn es also der freie Wunsch der Frau ist und sie nach einer OP selbstbewusster durchs Leben geht, haben wir dann das Recht, diese Entscheidung zu verurteilen?

"Das könnte man auch über die männlichen Hoden sagen, trotzdem ist noch nie jemand auf die Idee gekommen, sie abzuschneiden"


Beate Wimmer-Puchinger, Klinische und Gesundheitspsychologin und langjährige Frauengesundheitsbeauftragte der Stadt Wien, lässt solche Argumente nicht gelten. "Unser Ziel sollte es sein, junge Frauen schon ab der Pubertät richtig aufzuklären." Schon Mädchen sollten lernen, dass ihre Körper so, wie sie sind, schön und normal sind.

"Buben vergleichen ihre Penisse und werden in ihrem Körpergefühl bestärkt, Mädchen werden mit sich und der Verunsicherung alleine gelassen. Das muss sich ändern", so Wimmer-Puchinger. Auch pragmatische Pro-Operations-Argumente wie "Schamlippen stören beim Radfahren oder in engen Hosen" lässt die Psychologin nicht gelten. "Das könnte man auch über die männlichen Hoden sagen, trotzdem ist noch nie jemand auf die Idee gekommen, sie abzuschneiden." Das Problem liegt für sie vor allem in der vom männlichen Kommerz geprägten Ästhetik: "Hier werden für Frauenkörper ästhetische Maßstäbe angesetzt, die es bei Männern überhaupt nicht gibt. Die Vagina ist ein Lust- und Geburtsorgan und sollte keinen ästhetischen Ansprüchen genügen müssen." Der Druck auf Frauen auf allen Ebenen setzt sich laut der Expertin bis in die intimsten Zonen durch. Trotzdem habe die Genitalchirurgie ihre Berechtigung: "Bei Deformationen oder seltenen Fehlbildungen des Genitalbereichs ist es keine Frage, dass eine Korrektur sehr hilfreich ist", so Wimmer-Puchinger.

Frauen sollten stolz auf ihre Einzigartigkeit sein


Zu jedem Trend gibt es aber natürlich auch einen Gegentrend. Auf der Website nomorecutting.com laden Frauen anonym Fotos ihrer Vaginen hoch, das Team bastelt sie aus Papier nach. Gezeigt werden soll, wie unterschiedlich die weibliche Intimzone aussehen kann - und dass sie individuell schön und in Ordnung ist. Die Künstlerinnen wollen damit zwar auf Genitalverstümmelung rund um den Globus aufmerksam machen und ein positives weibliches Körpergefühl stärken, ihre Message hört sich aber auch für Frauen in westlichen Ländern aktuell an: "Frauen sollten stolz auf ihre Einzigartigkeit sein und ohne Druck aufwachsen, sich einer Norm zu unterwerfen. Was normal, bevorzugt oder schön ist, sollte nicht die Gesellschaft bestimmen." Der erste Schritt ist getan.

Buchtipp:

ADRETT. Einfach nett anzuschauen: Pussycut - Einzigartige Schnitte für wunderschöne Damenschritte, Eden Books, € 13,31.

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