Der perfekteste Moment, den Österreich je für mich geschaffen hat

Unsere Redakteurin Teresa ist die Blume aus Stadlau und schreibt einmal im Monat darüber wie es so ist, als junge Wienerin die Welt zu erobern.

Mit dem Patriotismus ist es so eine Sache. In meinem spezifischen Fall eben eine eher inexistente Sache. Ich mag eine Stadlauer Blume sein, aber im Herzen bin ich eben auch eine Weltbürgerin. Und ich wähne mich nicht alleine in dieser Identitätszuschreibung: Zu sehr wurden ich und die anderen „Millennials“ mit Werten wie Vielfalt, Vernetzung und Auslandssemester erzogen, um uns heute über etwas so Banales wie die willkürlich festgelegten Grenzen eines Nationalstaates zu identifizieren. Unsere Geschichte macht es österreichischen wie deutschen Jugendlichen nicht einfach, stolz auf unser Land zu sein – da fällt die Identifikation als „Global Citizen“ deutlich leichter. Schon klar, das ist natürlich auch ein Bildungsprivileg, und es bringt nicht nur Vorteile. Ich mag Freude daran haben, Gemeinsamkeiten mit Bratislavaern zu finden, dafür tue ich mir schwer, Euphorie zu erleben, wenn Burschen, mit denen ich nichts als den österreichischen Pass gemein habe, sich für die EM qualifizieren. Vermutlich auch eine entgangene Freude.

Herzklopfen

Aber es gibt so einen Moment, wo man – wie ich letztens – aus dem Urlaub heimkommt. Wenn man in eine Austrian-Maschine einsteigt, und das erste warme, österreichische „Guten Abend!“ vernimmt. Das war freundlicher als alle portugiesischen Kellner, die mich im Urlaub bedient hatten. Als Begrüßungsmusik wählten die Austrian Airlines den Donauwalzer. Und dann setzte sich auch noch eine Frau neben mich, die anfing, eine WIENERIN zu lesen. Ich fand, das war der perfekteste Moment, den Österreich je geschaffen hatte, und wartete ungeduldig darauf, bis sie auf die Seite mit meiner Kolumne blätterte. Gedanklich bereitete ich mich vor: „Ja! Ich bin’s wirklich! Autogramm? Kein Problem!“ Das Kopfkino ging weiter. Österreich war bereit für meinen Ruhm. Teresa Havlicek: Stadlauer Koryphäe. Wiener Kulturgut. Lyrische Perfektion, in einer Reihe mit den ganz Großen: Sargnagel. Molden. Qualtinger. (Havlicek’sche Definition großer Lyriker.) Für einen Moment überrollte mich dank meines Narzissmus und Johann Strauss’ Musik eine Welle von alpinem Nationalstolz, die mein Herz im Rhythmus der grölenden Menge auf einem Volksfest pochen ließ: Ö-sta-reich! Ö-sta-reich! Ö-sta-reich!

Fallhöhe

Doch nach dem Adrenalin-Kick kommt der Fall. Ich hielt mein Handy bereit, um meine Sitznachbarin zu fotografieren, wie sie Die Blume aus Stadlau lesen würde, um das Bild kurz später angeberisch in diversen WhatsApp-Gruppen zu verbreiten. Doch sie überblätterte prompt die Seite und entschied dann, einen Thriller mit Mel Gibson auf dem Tablet ihres Partners zu schauen. Vielleicht ist Blood Father auch gar kein schlechter Film, aber ehrlicherweise können es wenige Hollywood-Blockbuster mit dem kulturellen Anspruch meiner Kolumne aufnehmen. Wieso durften solche Kultur-Banausen überhaupt mit den Austrian Airlines fliegen? Eine Stunde und 45 Minuten des unvergleichlichen Boardservices später war mein Nationalstolz wieder auf dem Boden der Realität gelandet. Null Meter Seehöhe. Also in etwa so hoch wie mein Ruhm.

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