In der Neidfalle?

„Ich kriege nie genug vom Leben“, singt Christl Stürmer. Und es ist der Soundtrack unserer Generation, die immer mehr will, als sie bekommt, und stets auf das schielt, was andere haben. Warum Neid auch seine guten Seiten hat, verrät uns Psychologin Sarah E. Hill.

Neid vergiftet Seelen, zerstört Freundschaften, spaltet die Gesellschaft. Doch Sie behaupten, er sei etwas Gutes, was wir nicht verdrängen sollten. Das müssen Sie uns erklären, Mrs. Hill ...

Sicher ist Neid negativ und zerstörerisch, wenn er damit einhergeht, dass wir anderen etwas nicht gönnen, was sie haben und wir eventuell nicht. Doch er hat auch eine positive, ja konstruktive Seite: Wenn wir auf etwas oder jemanden neidisch sind und diesem Gefühl mal auf den Grund gehen, erfahren wir sehr viel über unsere innersten Wünsche und Sehnsüchte - auch über jene, die wir vorher oft gar nicht benennen konnten. Im Neid wird das latente Gefühl von „Es fehlt was" greifbar. Wir bekommen vor Augen geführt, was das Leben für uns lebenswert(er) machen würde, was wir brauchen und wen nicht. Ich halte Neid und die daraus entspringende Frustration daher für eine größere Quelle von Lebenskraft als Glück und Zufriedenheit.

Weil Neid uns antreibt?
Ja, Neid kann ein Weckruf à la „Los, kümmer dich um deine Bedürfnisse, damit sie erfüllt werden" sein. So verstanden kann sich Neid vom lähmenden Gift zum Antriebsmotor wandeln, zum Steuerrad.

Wohin steuert uns unser Neid auf andere denn?
Er zeigt uns nicht nur auf, wonach es sich im Leben (noch) zu streben lohnt, und erinnert uns an unsere ursprünglichen Ziele, er gibt uns auch den nötigen Schub, entsprechende Korrekturen vorzunehmen. Wenn wir uns zudem nicht nur ansehen, WAS jemand (uns voraus-)hat, sondern auch WIE er dazu gekommen ist, dann kann das quasi zu einem Guide für ein erfolgreiche(re)s Leben werden. Neid ist also so was wie der erste Schritt in Richtung Glück.

Schritt - das klingt anstrengend und nach einem langen Weg. Wir wollen doch an- und zur Ruhe kommen ...
Ja, aber doch nicht, bevor wir unser Ziel wirklich erreicht haben! Denn dann fühlt sich diese Ruhe wie Stillstand an. Und dann geht's ab in die Midlife-Crisis, in der wir um das Leben trauern, das zu leben wir versäumt haben. Und der Versuch, es nachzuholen, gipfelt dann in abstrusen Dingen, wie dem Kauf eines Porsches. Als könnte man(n) das Glück so „erfahren", Chancen einholen.

Apropos Chancen: Viele haben ja das Gefühl, die ihren nicht voll ausgeschöpft zu haben. Und sicher, der Prinz ist es nicht geworden, aber so schlecht haben wir es doch auch wieder nicht getroffen. Warum hadern wir dennoch?
Unsere Erwartungshaltung an das moderne Leben ist einfach riesig. Wir sind verwöhnt von unzähligen Chancen und Wahlfreiheiten, die die Generationen vor uns gar nicht hatten. Befeuert wird das Ganze noch durch die ­vielen Möglichkeiten des Vergleichs mit anderen, die via Medien, Facebook und Co. weit über das eigene Umfeld hinausgehen. Zudem sind wir heute so gläubig, was (technische) Machbarkeit angeht, dass wir meinen, auch unser Leben bis ins letzte Detail gestalten zu können. Und das Ergebnis soll gefälligst etwas sein, was alle Stückerln spielt. Erfüllung kommt schließlich von Fülle und nicht von Mangel! Doch Leben ist nun einmal das, was passiert, während man andere Pläne macht.

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Dennoch brauchen wir doch Lebenspläne, oder?
Sicher, sie geben uns Orientierung. Das Problem ist, dass unsere Pläne heutzutage vielfach einfach nicht realistisch sind, weil wir zu stark an den Mythos unseres Potenzials glauben.

Wieso „Mythos"? Ist es denn nicht gut und richtig, das eigene Potenzial zu erkennen und auszuschöpfen?
Potenzial ist ein Begriff, der Erfüllung verspricht: „Du trägst einen Schatz in dir, den du nur bergen musst, und schon wirst du schöner, schneller, reicher." Doch das Versprechen schürt falsche Hoffnungen und führt zu einem „Das könnte ich sein - und deshalb muss ich das werden"-Selbstoptimierungswahn. Und das treibt die Menschen dann am Ende als Patienten in Psychopraxen. Sie orten ein Ungenügen, ein „Ich habe alle Möglichkeiten, wieso versage ich dennoch, erreiche ich nicht, was ich könnte?". Dabei vergeudet man viel Zeit und Energie damit, herauszufinden, warum einem das scheinbar größere und erfülltere Leben, das die ­anderen ja führen, von der Realität vorenthalten wird.

Heißt: Einige Sehnsüchte und Wünsche, die uns der Neid aufzeigt, lassen sich erfüllen, doch andere nicht. Was mit denen tun, um doch glücklich zu werden?
Grundsätzlich sollte man sich einmal vor Augen halten: Unsere unerfüllten Träume treiben uns zum Leben an. Hindernisse sind der Schlüssel zu unserem Begehren, Befriedigung ist sein Tod. Zweitens gilt: Unerfüllte Sehnsüchte können wir immer noch in der Fantasie ausleben und dort Kompensation finden. Im Kopf kann jede Frau die perfekte Mutter sein, perfekte Kinder zeugen, einen perfekten Mann haben und die perfekte Karriere machen - alles zur selben Zeit. Es gibt keine Grenzen, keine Hindernisse, keine Regeln, keine Ängste, die uns zurückhalten, zu tun, was wir wollen, zu sein, wer wir sein möchten. Wir können uns im Wortsinn voll und ganz ausl(i)eben.

Wenn man das weiterspinnt, dann bedeutet das, dass wir nicht nur das Leben leben können, das wir haben, sondern auch das, das wir gern hätten?
Richtig - zumindest im Kopf. Das Schöne daran ist aber: Wir lernen aus diesem Möglichkeitsleben, sammeln Erfahrungen. Erfahrungen, die wir in der Realität vielleicht nicht machen können. Nehmen Sie nur einmal Sexfantasien: Da leben wir Dinge aus, die wir mit dem Partner möglicherweise nicht ausleben können oder auch wollen. Wir gehen also Risiken ein und nutzen Chancen aus, über die wir uns in der Realität gar nicht drübertrauen.

Also müssen wir gar nicht um ein vermeintlich verpasstes Leben trauern?
Nein. Zwar mögen wir im wahren Leben einiges nicht getan und erreicht haben - im Kopf aber schon. Am Ende müssen wir dann gar nichts bereuen, weil wir doch irgendwie die Menschen waren, die wir gern gewesen wären.

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