Der Mann aus der zweiten Reihe

Die Rolle des Kriegshelden schnappte ihm Tom Cruise weg, Thomas Kretschmann musste mal wieder den Nazi spielen. Trotzdem schreiben wir hier lieber über ihn.

Die Rolle des Kriegshelden im Film Operation Walküre hat ihm Tom Cruise weggeschnappt und Thomas Kretschmann musste mal wieder den Nazi spielen. Trotzdem schreiben wir hier lieber über ihn. Weil er zu den besten deutschen Schauspielern gehört, die Hollywood zu bieten hat.

Text Julia Wagner Fotos Corbis Outline

An meine erste Begegnung mit Thomas Kretschmann kann ich mich noch gut erinnern. Ich saß auf meiner Couch, trug eine alte Pyjamahose und im Fernsehen lief eine jener kitschigen TV-Romanzen, die man sich höchstens mit der besten Freundin ansieht. Sie hieß Ich liebe den Mann meiner Tochter. Und Schauspielerin Gudrun Landgrebe verliebte sich darin unsterblich in den Mann ihrer Tochter. Das Objekt ihrer Begierde war ein damaliger Newcomer: der Kretschmann. Und ich konnte verstehen, warum die Landgrebe so scharf auf ihn war.

Nicht nachvollziehen konnte ich allerdings, warum dieser Mann in schlechten TV-Formaten geparkt war. Heute, 14 Jahre später, hat sich das ja auch gottlob geändert. Die „Scheißproduktionen fürs deutsche Privatfern­sehen“, wie Thomas Kretschmann es einmal ausdrückte, waren nur ein Sprungbrett. Mit den Gagen kaufte er sich sein erstes Haus in Los Angeles, wo er seit fast zehn Jahren lebt und arbeitet.

In deutschen TV-Streifen spielt er nur mehr mit, wenn ihn ein Part besonders reizt – wie zuletzt die Hauptrollen in Mogadischu oder Der Seewolf. Mit weniger muss sich der 46-Jährige auch nicht mehr zufriedengeben, weil er ansonsten längst in Hollywood dreht. So sah man ihn in Wanted an der Seite von Angelina Jolie, neben Adrian Brody in King Kong oder Der Pianist. Mit letzterem gelang ihm auch der internationale Durchbruch. „Seit dem Film fragt mich in Hollywood keiner mehr, ob ich spielen kann“, meint Kretschmann. Und es ist sicher keine Übertreibung, wenn man sagt, dass er der einzige Deutsche seiner Generation ist, der sich tatsächlich in der Traumfabrik etabliert hat. Denn Konkurrent Til Schweiger hat den Schwanz eingezogen und ist wieder in seine Heimat zurückgekehrt.

Warum ausgerechnet Kretschmann es geschafft hat? Liegt wohl an seiner Ausdauer. In seiner Jugend in der damaligen DDR war er Langstreckenschwimmer im Nationalteam. „Damals habe ich gelernt, mir Nah- und Fernziele zu setzen. Ich weiß seit meiner Kindheit, dass ein Fernziel eben ein Fernziel ist. Dass es nicht von heute auf morgen kommt und man einen langen Atem braucht. Dennoch hätte das Ganze natürlich auch schiefgehen können“, so der Schauspieler.

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Seine Flucht aus der damaligen DDR und seine Anfänge in Hollywood: Lesen Sie mehr über Thomas Kretschmann in der Jänner-WIENERIN!

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