Der Mama tut die Seele weh

Überschattet, chaotisch, fragil und verunsichernd – Kindsein ist nicht einfach, wenn ein oder beide Elternteil*e psychisch erkrankt sind. Da zu wenig über das Problem gesprochen wird, bleiben die Kinder damit oft alleine. Die WIENERIN sprach mit Expertinnen und Betroffenen.

Der Mama tut die Seele weh

Knapp 40 Prozent der österreichischen Bevölkerung hatten schon eine psychische Erkrankung, stellte der Berufsverband Österreichischer Psycholog*innen im vergangenen Jahr fest. Jedes vierte Kind wächst mit psychisch kranken Elternteilen auf, konnten das Universitäts­klinikum Hamburg-Eppendorf sowie internationale Studien fest­stellen. Laut Untersuchungen der Donau-Universität Krems verschlechtern sich die Zahlen seit Beginn der Corona­pandemie zusätzlich.

Vera Baubin arbeitet im Verein Hilfe für Angehörige psychisch Erkrankter (HPE). Die Sonder- und Heilpädagogin unterstützt im Projekt Verrückte Kindheit betroffene Kinder, für die ein erhöhtes Risiko besteht, selbst im Laufe ihres Lebens seelische Krisen oder Erkrankungen zu erleben – weil sie belastet sind, erschöpft und geschwächt, ihre eigenen Grenzen oft nicht mehr gut wahrnehmen und Ängste entwickeln, erklärt sie.

Thomas.

Das helle Scheppern aus der Küche weckt Thomas * auf. Um ihn herum ist es dunkel. Er hält den Atem an und lauscht. Unter dem Scheppern erkennt er eine leise murmelnde Frauenstimme. "Mama", seufzt Thomas genervt und zieht die Decke über den Kopf. Der nächtliche Krawall ist nicht neu für ihn. Schon seine Großmutter tanzte in den frühen Morgenstunden in der Küche Walzer, lief im Mondschein kilometerweit durch die Nacht. Nun steht ihre Tochter um vier Uhr morgens in der Küche, scheppert mit Regaltüren, mit Kübel und Besenstiel. Thomas ächzt. In zweieinhalb Stunden wird sein Wecker läuten.

Thomas’ Mutter ist bipolar. Sie wechselt zwischen manischen Hoch- und depressiven Tiefphasen hin und her. Mal wird sie laut, weckt mitten in der Nacht die ganze Familie auf, mal wird sie ruhig, ist schläfrig, fühlt sich einsam und verzweifelt. Als sie ihre erste manische Phase erlebt, ist ihr Thomas bereits 17. Erst verfällt sie in einen Einkaufsrausch, steht vollgepackt im Türrahmen. Thomas: "Sie hat um 1.000, vielleicht 1.500 Euro eingekauft, ist nach Hause gekommen mit Sackerln und Kisten und war voller Euphorie."

Während Mama strahlt, traut Thomas seinen Augen nicht: "Das war unnötiger Ramsch, der mehr gekostet hat, als sie sich eigentlich hätte leisten können." Dennoch fällt die Erkrankung erst nicht auf. "Meine Mutter war so eine Powerfrau; voller Energie, so viel unter­wegs. Da haben wir am Anfang überhaupt nicht abschätzen können, dass das eigentlich schon die Krankheit ist", erinnert er sich. Doch die Anzeichen werden stärker: Stundenlang hängt Mama am Telefon, erzählt fernen Bekannten viel zu intime Familien­geschichten. Dann erlebt sie Hitzewallungen. Plötzlich zieht sie sich nackt aus, rennt auf den Balkon und schreit. Als sie droht, hinunterzuspringen, bringt Papa sie in eine psychiatrische Klinik. Dort spuckt Mama den Arzt an. Sie muss für einige Wochen bleiben.

Kinder suchen Schuld oft bei sich selbst

"Kinder psychisch kranker Eltern sind in unserem System oft unsichtbar“, erzählt Jean Paul. Die Sozialwissenschaftlerin forscht in Tirol zu Familien mit mentalen Erkrankungen. Im Projekt Village werden Eltern, die bereits in Behandlung sind, darin unterstützt, ein gesundes Umfeld für ihre Kinder zu schaffen. Gleichzeitig werden wissenschaftliche Einblicke gesammelt, die bisher kaum vorhanden sind.

Psychische Erkrankungen werden unzureichend thematisiert – in der Öffentlichkeit sowie im Bildungssystem. Dass die Eltern krank sind, wird für viele Kinder erst klar, wenn Mama oder Papa bereits in einer psychiatrischen Klinik sind und eine Diagnose gestellt wird – ein Schlüsselmoment, der oft erst spät oder (wie es bei milder verlaufenden Erkrankungen häufig der Fall ist) überhaupt nicht passiert. Davor gibt es oft keine Worte für das Problem. Die Kinder machen sich selbst auf die Suche nach Erklärungen – und finden die Schuld letztendlich oft bei sich selbst.

Da kann eine Diagnose wichtig und ein Anlass sein, nicht nur den Betroffenen, sondern auch den Kindern Unterstützung zukommen zu lassen. Automatisch passiert das aber nicht: Menschen, die in psychiatrische Einrichtungen kommen, werden oft gar nicht nach ihrer Pflege- und Sorgeverantwortung gefragt; ihre Kinder werden nicht erfasst.

Auf und Ab

Als Thomas’ Mutter aus der Psychiatrie zurück nach Hause kommt, ist das Problem nicht vorbei. Ihre Phasen wiederholen sich jahreszeitenabhängig. Wenn es Mama im Herbst oft wieder besser geht, ist das für Thomas erleichternd. "Man will dann nie wahrhaben, dass es wiederkommt", erzählt er. "Dann schaut man oft zu lange zu und im Frühjahr fällt sie dann wieder in die Depression." Die Wiederholungen sind zermürbend. "Über die Jahre wurde es immer schwieriger, sich darauf einzustellen. Man fängt dann auch an, die Medikamente anzuzweifeln, und fragt sich, ob sie überhaupt richtig behandelt wird."

Eines Tages versucht Thomas’ Mutter einen Suizid. Plötzlich ist die einst so starke Mama eine zerbrechliche Frau, um die man sich sorgt. Für Thomas ist das belastend. Es ist schwer, mit den Gefühlen umzugehen. Dennoch hat er Glück im Unglück: Er ist bereits in ­einem Alter, in dem er vieles verstehen kann, und er hat einen Vater, der ihn mit seinen Sorgen nicht alleine lässt.

Sie hat gesagt, die Polizei will ihn holen, die Mafia ist hinter ihr her und sie muss untertauchen.

von Klara*

Klara.

Klara * hingegen hat weniger Glück. Ihre Eltern leben getrennt. Die Mutter hat Borderline und der Vater Depressionen. Klara wohnt mal bei ihrer Mama, mal bei ihrem Papa. Als sie sechs Jahre alt ist, ist ihr Vater wegen Depressionen und Suchtproblemen zum ersten Mal in einer Klinik. Einige Wochen ist er weg. Als er zurückkommt, ist er distanziert. "Er hat es einfach nicht geschafft, mich anzugreifen. Ich wollte auf seinen Schoß, wollte ihn umarmen. Ihm war das alles zu viel. Das hat wehgetan." Klara ist verletzt. Ihr fehlt die Nähe, die Kinder in ihrem Alter brauchen.

Trotzdem ist es mit Papa einfacher als mit Mama, die sich oft verfolgt fühlt. Sie sieht Dinge, die andere nicht sehen, ist oft wütend und macht Klara Vorwürfe. Eines Tages wirft sie ihr Diebstahl vor, erzählt Klara: "Sie hat mir gesagt, ich hätte ein Fotoalbum von ihr gestohlen, weil ich das angeschaut hatte. Ich sagte, ich hätte es nicht mitgenommen, und sie meinte dann, ich sei bös­artig und ein schrecklicher Mensch. Ein paar Tage später hat sie mir geschrieben, dass sie es gefunden hat. Aber ent­schuldigt hat sie sich nicht." An einem anderen Tag versucht sie, mit Klaras jüngerem Halbbruder abzu­hauen.

"Sie hat gesagt, die Polizei will ihn holen, die Mafia ist hinter ihr her und sie muss untertauchen. Es kann sein, dass sie ihren Namen ändert und mit meinem Bruder nach Ungarn fährt. Aber wohin genau, sagte sie mir nicht", erinnert sich Klara.

Die Situation mit ihrer Mutter wird so unangenehm, dass Klara mit zwölf ganz zu ihrem Vater zieht. Wenn der einmal wieder in seinen Depressionen versinkt, spricht er tagelang nicht, schläft viel und isst wenig. Dann kümmert sich Klara um ihn, macht sich Sorgen, versucht, ihn zu Arztterminen zu überreden – meistens ohne Erfolg.

Anlaufstellen für Familien und Kinder, deren Eltern unter psychischen Erkrankungen leiden:

Österreich: Verrückte ­Kindheit vom Verein HPE, verrueckte-kindheit.at
Niederösterreich: Kipke – Beratung von Kindern psychisch kranker Eltern, psz.co.at, caritas-stpoelten.at
Salzburg: Verein Jojo für psychisch belastete Fami­lien, jojo.or.at
Steiermark: GFSG – Gesellschaft zur Förderung seelischer Gesundheit, gfsg.at/kinder-jugend
Oberösterreich: Gemeinsam sind wir stark vom Verein Exit, exitsozial.at, und Kindercoaching über Elco/Kico, elco-pmooe.at
Tirol: Projekt und Forschungsgruppe Village, village.lbg.ac.at

Auf sich gestellt

Vera Baubin vom Verein HPE erzählt: "Wo erkrankte Eltern an ihre Grenzen stoßen, geben ihre Kinder meist umso mehr. Sie halten sich wachsam, sind einfühlsam und rücksichtsvoll. Sie nehmen sich selbst zurück und verlieren die Leichtigkeit der Kindheit. Sie kümmern sich um jüngere Geschwister, waschen Geschirr und kochen das Abendessen – oft ohne dass überhaupt jemand außerhalb der Familie davon weiß. Weil Kinder loyal sind und lieber still und heimlich funktionieren, als die Eltern zu verraten."

Die Betroffene, Klara, erzählt: "Immer wieder haben mir Psychologinnen gesagt, dass mein Vater erwachsen ist, dass er sich um sich selbst kümmern muss, dass das nicht meine Aufgabe ist. Für mich war es aber normal, Aufgaben zu übernehmen. Ich war stolz darauf." Trotzdem war es auch eine Last. Als Jugendliche hat Klara keine Energie für Treffen mit Freundinnen, keinen Kopf für Hausaufgaben und keine Kapazitäten, im Unterricht mitzuarbeiten. Ihre Schulnoten verschlechtern sich. Klara gerät wegen ihres Leistungsabfalls in den Fokus der Lehrer*innen – sie wird zur Schulpsychologin geschickt und erhält eine Ansprechperson.

Verschnaufpause

Der Alltag in Schule und Kindergarten ist für Kinder psychisch erkrankter Elternteile wichtig, um mit anderen zu spielen, um die Welt außerhalb der Familienprobleme zu entdecken und für ein paar Stunden am Tag einfach einmal Kind zu sein. Darin sind sich die Expertinnen Vera Baubin und Jean Paul einig. Auch Thomas erzählt vom Unterstützungsfaktor Bildungssystem: Er war froh, mit seiner Klasse auf Auslandsreise zu sein und die psychiatrische Zwangseinweisung seiner Mutter nicht mitansehen zu müssen.

Carmen Bintinger-Kaiser, die in ihrer Wiener Praxis mit psychisch belasteten Familien arbeitet, betont, wie hilfreich es außerdem sein kann, wenn Kinder mal eine Nacht bei Oma und Opa verbringen dürfen oder eine Tante vorbeikommt und gemeinsam mit dem Kind etwas kocht. Sie spricht außerdem von Freizeittreffen mit Freunden und Freundinnen oder von Bewegung an der frischen Luft. Ebenso wichtig wäre es aber, betont die Psychologin, betroffene Kinder bereits früh psychologisch zu unterstützen – noch bevor sie selbst psychische Auffälligkeiten aufweisen. Sie plädiert für die Erweiterung von Krankenkassenleistungen auf präven­tive, also vorsorgliche Gesundheitspsychologie, die bisher überhaupt nicht von der Kasse übernommen wird. Nur so wäre die Unterstützung für alle leistbar.

Die Schulpsychologin alleine kann Klaras Belastungen jedenfalls nicht ausgleichen. Das Mädchen entwickelt eigene mentale Beeinträchtigungen, verletzt sich selbst und wird schließlich von der Psychologin in eine psychi­atrische Klinik geschickt.

Traumata teilen

Fragt man betroffene Kinder, welche Änderungen sie sich wünschen würden, stimmen ihre Antworten fast immer sehr stark überein: darüber reden, psychische Krankheiten als Teil des Alltags anzuerkennen, der keine Scham und kein Tabu braucht. "Ich habe mich nie richtig verstanden gefühlt", erzählt Klara. "Wenn jemand gesagt hätte 'Hey, ich kenn das, meine Eltern sind ähnlich', hätte ich mich weniger alleine gefühlt." Ohne das Schweigen und die Stigmatisierung hätte sie vielleicht auch früher mehr Hilfe bekommen.

Heute sind beide erwachsen. Thomas hat sein Elternhaus hinter sich gelassen und ist in eine andere Stadt gezogen. Hier hat er den nötigen Abstand, den er braucht, um darüber nachzudenken, was in seiner Jugend passiert ist. "Ich bin sehr feinfühlig und empathisch, melancholisch und sehr emotional", erzählt er. "Meine Stimmung und meine Gesundheit hängen auch heute noch oft davon ab, wie es gerade zu Hause rennt. Wenn ich weiß, dass es gerade schlimm ist, habe ich ein beklemmendes Gefühl in der Brust."

In seiner Therapie lernt er, sich abzugrenzen; auf seine Empathie ist er auch stolz: "Es ist ja nichts Schlechtes, wenn man empathisch ist, wenn man sich in Leute hineinfühlen kann. Das kann man ja auch für Positives nutzen." Genau das versucht auch Klara: Sie arbeitet heute als Pädagogin. "Ich bin von der Kinder- und Jugendpsychiatrie in die Erwachsenen­psychiatrie gekommen. Als ich von dort gegangen bin, hatte ich wieder Lebensfreude und war total motiviert", erinnert sie sich zurück. Vor ein paar Jahren hat sie zum ersten Mal einer Journalistin ihre Geschichte erzählt. Sie möchte anderen Kindern zeigen, was ihr nicht gezeigt wurde: "Du bist nicht alleine, psychische Erkrankungen sind nichts Peinliches. Es ist okay."

 

Aktuell