Der letzte Gentleman

Als Frontmann der Teenie-Band Bros verkaufte er 16 Millionen Alben. Dann verlor er über Nacht alles. Andere wären im (Selbstmit-)leid versunken. Matt Goss jedoch klopfte sich das Ego von den zerrissenen Jeans und begann in den USA bei Null. Jetzt ist der 42-Jährige wieder dort, wo er hingehört – im Fokus des Musikbiz.

Sein Gesicht hat sich kaum verändert. Nur der Blick wirkt reifer, nachdenklicher. „Sie sind aus Österreich?", fragt er und fängt plötzlich an zu grinsen. „Wussten Sie eigentlich, dass ich in Wien mal verhaftet wurde?"

Das ist jetzt über zwanzig Jahre her, und wir werden gleich darüber reden. Aber zuvor muss er sein, der gedankliche Vergleich zwischen diesem ganzen Kerl und dem blonden Teenager in zerrissenen Jeans, als der Matt Goss dem Publikum viel zu lange in Erinnerung blieb. Damals, 1989, war er Leadsänger der Popsensation Bros, trug fetzige Lederjacken und sprintete bei Konzerten über die Bühne, als wollte er vor Begeisterung die Welt umarmen und wüsste nur nicht, wo er anfangen soll.

Heute wirkt er cooler, wie eine Art sexy Sinatra fürs 21. Jahrhundert, mit Ecken, Kanten und Tattoos. Und er singt, wie Gene Kelly einst tanzte - in scheinbar müheloser Perfektion. Aus dem Poptalent ist ein echter Entertai¬ner geworden. Und wo treten echte Entertainer auf? In Las Vegas, Baby. Im traditionsreichen Caesar's Palace spielt er mit seiner neunköpfigen Liveband an zwei Abenden pro Woche in der intimen Clubatmosphäre des Gossy Room auf, gilt als das derzeit heißeste Ticket am Strip - nicht nur, weil zu seiner Performance zwei sexy Tänzerinnen gehören. „Singen ist nicht, was ich tue", erklärt er, „es ist, was ich bin."

Senkrechtstarter.
Die Geschichte von Matt Goss ist deshalb ungewöhnlich, weil sie nicht das Ende fand, das üblicherweise folgt, wenn junge Talente von Management und Plattenfirma erst aufgebaut, dann ausgesaugt und schließlich fallen gelassen werden. Das Londoner Poptrio Bros war 1987 scheinbar aus dem Nichts aufgetaucht. Ihr Song When Will I Be Famous? katapultierte die damals achtzehnjährigen Zwillinge Matt und Luke Goss und ihren Schulfreund Craig Logan in die internationalen Charts.

Jahre bevor David Beckham zur metrosexuellen Stilikone wurde, trug Matt Goss Diamantstecker im Ohr und schuf mit seinem James-Dean-Haarschnitt die Trendfrisur seiner Generation. Bros verursachten eine Fanhysterie, die man bis dahin nur bei den Beatles erlebt hatte, und läuteten damit das Boy-Group-Phänomen der 1990er-Jahre ein. Doch während Take That und Co aus der Retorte findiger Manager-Labors stammten, waren Bros eine Band mit jahrelanger Live-Erfahrung. Also schickten ihre Manager die drei 1988 pronto auf eine lukrative Welttournee.

Ausgerechnet Österreich fiel damals aus. „Der Veranstalter in Wien erfüllte unsere technischen Anforderungen nicht", erinnert sich Matt Goss. „Die Bühnenkonstruktion war viel zu schwach für unser Equipment. Wären die Scheinwerfer runtergeknallt - es hätte Tote gegeben." Die Konzertabsage hatte Folgen: „Ein Jahr später, bei einem Promobesuch in Wien, wurden Luke und ich verhaftet." Und das während ihrer eigenen Pressekonferenz: Der Wiener Veranstalter hatte die Zwillinge wegen Vertragsbruchs angezeigt. Die Brüder büchsten den Beamten aus, flohen in die britische Botschaft - und durch die Hintertür wieder hinaus. „Von Wien sah ich nur die Straßen, durch die wir dem britischen Konsul hinterher rannten", erinnert sich Goss. „Der coolste
Diplomat, den ich je traf." Nach einer James-Bond-reifen Verfolgungsjagd hechteten die beiden in den nächsten Flieger. „Es tut mir so leid, dass wir nie bei euch gespielt haben", beteuert Matt Goss, „aber ich stehe zu meiner damaligen Entscheidung: Wenn die Gefahr besteht, dass Zuschauer verletzt werden, trete ich nicht auf."

Sexy music playing
Matt Goss kommt mit seiner Show auch nach Europa.

Live Vegas.
Matt Goss in concert: 21. 10., Royal Albert Hall /London

Aktuelles Album: Gossy
Hörtipp: der Song Evil.


Abwärtsspirale.
Die Goss-Brüder bekamen bald ganz andere Probleme: Craig Logan stieg aus der Band aus, forderte ein Drittel der Einnahmen aus der Verwertung des Namens Bros. Und ihr Manager „vergaß" leider, seine Goldesel darüber aufzuklären, dass sie sämtliche Tourneekosten, die Erhaltung einer Armee aus Assistenten, Chauffeuren und Bodyguards und vor allem seine Provisionen zwar nicht kontrollieren durften, sehr wohl aber zu bezahlen hatten. Die Folge: Mit Anfang zwanzig standen Matt und Luke Goss vor einem Schuldenberg in Millionenhöhe. Die britische Presse war trunken vor Schadenfreude. Für die Paparazzi war das eine noch größere Party als das Begräbnis von Matts und Lukes Schwester Carolyn, die 1988 von einem betrunkenen Autofahrer getötet worden war.

„Das Verhalten der Presse hat mich gezeichnet, vielleicht für immer", schrieb Matt später in seiner Autobiografie More than you know. Auf eine titelblatttaugliche Verzweiflungstat wartete die Medienmeute jedoch vergeblich: Die Söhne einer stolzen Südlondoner Arbeiterfamilie sind Kämpfer. Privatkonkurs? „Das verbot mir mein Ehrgefühl", sagt Goss. Über zehn Jahre lang zahlte er seine Schulden ab. Bis zum letzten Cent.

Neubeginn.
Matt zog nach Los Angeles, wo Bros keiner kannte, und begann bei null. Sein Bruder Luke kam nach, ging zum Film und ist heute ein gefragter Actionstar (u.a. in Hellboy 2). Matt blieb bei der Musik und biss sich durch: Es waren die 1990er-Jahre, großmäulige Wirtschaftsuni-Absolventen übernahmen die Plattenindustrie und vergifteten das Biz für immer. Obwohl Goss' Solo-Single If You Were Here Tonight die Top 30 der britischen Charts eroberte, erhielt er nur wenig Unterstützung, ein fertig produziertes Album etwa wurde gar nicht erst veröffentlicht. Einmal kam sein Ex- Bandkumpel Craig Logan, inzwischen Manager von Top-Acts wie Pink, zu Besuch nach L. A. Matt bat den alten Schulkameraden um ein, zwei Kontakte, um seine Karriere wieder etwas anzuschieben. „Klar doch", versprach Logan - und meldete sich nie wieder.

„Du musst blindes Vertrauen in deine Fähigkeiten haben", sagt Matt Goss über diese Zeit, in der nur sein engster Kreis zu ihm stand. „Das Wissen, ein guter Sänger zu sein, half mir, durchzuhalten." Und seine Ausdauer sollte ihm schließlich bringen, was Bros trotz ihrer vielen Hits immer verwehrt geblieben war: Anerkennung in den USA.

Robin Antin, die Erfinderin der Pussycat Dolls, hörte seine Songs, allen voran Evil aus seinem aktuellen Album Gossy - und telefonierte nach Las Vegas: „Hört euch diesen Typen an!" Kurz darauf hatte er seine eigene Show, schrieb den Song Lovely Las Vegas, den viele als heimliche Hymne der Casino-City sehen. „Ich bin stolz auf diese Stadt", sagt Goss und lächelt, „und ich glaube, sie spürt das."

Die Liebe in dir selbst.
Jetzt, da es stetig nach oben geht - mit weniger Tamtam vielleicht, dafür auf soliden Stufen -, fühlt Matt Goss keinen Triumph. „Eher fühle ich mich gesegnet, weiterhin das machen zu können, was ich liebe." Seit über einem Jahr ist er Single, die letzte Beziehung zu einer amerikanischen TV-Moderatorin ging nach zehn Jahren in die Brüche. Den Traum von der großen Liebe gibt er zwar nicht auf, „aber ich brauche dieses Gefühl nicht mehr, um mich komplett zu fühlen."

Matt Goss war immer schon ein nachdenklicher Typ, sehr spirituell - „nicht religiös, aber mit starkem Glauben". Was ihm im Umgang mit anderen wichtig ist und auch im größten Erfolgstaumel nie abhanden kommen wird: „Freundlichkeit, Anstand, die Werte eines Gentlemans. Es gibt so viel Bullshit auf der Welt, da sollten wir mehr aufeinander achten. Höflichkeit kostet nichts. Warum nicht freigebiger damit sein?"

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