Der Horoskop-Wahnsinn und das echte Leben

WIENERIN-Redakteurin Jelena Gučanin macht den Reality-Check und hat einen Tag lang diverse Horoskop-Seiten mit ihrem eigenen Leben verglichen.

Mit Horoskopen verbinde ich seit jeher eine Hassliebe. Sie sind (leider) überall, jedes Onlinemagazin hat seine mehr oder wenige eigene Version davon. Und wenn ich schon auf der Seite bin, dann lese ich sie halt, denke ich mir oft. Meistens aber nehme ich sie nicht so ernst. Aber vielleicht gibt es ja Menschen da draußen, die die kurzen Absätze über ihre große Liebe und das nächste große Unglück wirklich glauben? Und die sogar danach leben – als eine Art wandelnde selbsterfüllende Prophezeiung?


Nun, das veranlasste mich dazu, mir einen Tag lang alle Horoskope, die ich über mein Sternzeichen Steinbock (Aszendent: Löwe) finden konnte, zu sammeln. (Wer seinen Aszendenten nicht kennt, ist wirklich ein Anfänger im Horoskop-Business.)


Der Dienstag, 10. November, dürfte wohl ein stürmischer und zugleich kommunikativer und erfolgreicher Tag im Leben der Steinböcke weltweit gewesen sein. So zumindest versprachen es die Horoskop-Seiten diverser Magazine und Esoterik-Websites. In der Früh war mir, wie meistens, leider so gar nicht nach Kommunikation, nachdem ich bereits fast zwanzig Minuten auf die Straßenbahn gewartet hatte und mir überlegt habe, wie ich mich da hineinzwänge, ohne umgebracht zu werden. Auch sonst strahlte ich nicht unbedingt Erfolg aus, nachdem bereits die erste Mail des Tages eine Enttäuschung war.


„Das wird ein toller Tag!“


Nichtsdestotrotz: Es sollte ein toller Tag werden, sagten die Planeten. Ich war also frohen Mutes. „Der Mond ist heute im Skorpion – ein Zeichen, dass so teuflisch ist wie du, lieber Steinbock.“ Ui. „Kommuniziere, gehe außer Haus, aus dem Büro, aus dem Klassenzimmer. Heute ist ein toller Tag für Kommunikation!“ Aus dem Büro gehen? Mitten am Tag? Schön wär‘s. Ich nehme trotzdem etwas Positives mit: dass ich nur so vor teuflischem Charme sprühe, dank des Skorpions, der im Mond steht, oder so.


Nächstes Horoskop: „Jede Art von Zusammenarbeit läuft nun besonders effektiv, da Ihre Ziele mit denen der Personen Ihrer Umgebung harmonieren.“ Wow, das ist schon fast zu viel des Guten, dachte ich mir. Also holte ich mir lieber die ganze Wahrheit und habe mein genaues Geburtsdatum ins Tageshoroskop eingegeben. Das wiederum hat mir nicht so schöne Dinge prophezeit: „Sie werden von einer starken Unruhe umgetrieben. Ihre hektischen Aktivitäten können andere zum Verzweifeln bringen.“ Oh-oh. Das mit der Kommunikation scheint dann doch nicht so gut hinzuhauen. Im nächsten Absatz aber sogleich die Erleichterung: „Sie sind heute heiter und entspannt und geben anderen viel Zuneigung, die von diesen auch erwidert wird.“ Wer einen Widerspruch sieht, liest wahrscheinlich nicht ZWISCHEN den Zeilen. Das ist ja das Schöne an Horoskopen: in einem Satz meint es meistens vierzehn Dinge. Irgendeines davon wird ja wohl zutreffen.


Verführerisch und romantisch


Aufgeregt klicke ich das nächste Horoskop an, in der „Kronen Zeitung“. Das auflagenstärkste Blatt des Landes kann ja nicht lügen. Und siehe da: „Die Sonne (im Sextil) lässt Sie aufblühen.“ Im Sextil sogar! Das „Heute“-Horoskop ist noch konkreter – es sagt mir, um welche Uhrzeit ich mich in welcher Gefühlslage befinden werde. „Vor allem in den Nachmittag- und Abendstunden verführt oder verunsichert Sie eine romantische und verträumte Stimmung. Lassen Sie sich darauf ein! Sie sind jetzt besonders beeinflussbar, passen Sie daher ein wenig auf.“


Stellen wir es auf die Probe: am Nachmittag saß ich noch immer im Büro, genauso wie am Vormittag und zu Mittag auch. Die romantische Stimmung ist angesichts der feuchten Händedrückerei bei einem faden Büro-Event schneller verflogen als gedacht. Ich würde Nähe zulassen, meinte schließlich die „Astrowoche“. Vielleicht war ja damit gemeint, dass ich endlich meine Mutter zurückgerufen habe. Beim Anblick des Betrunkenen, der sich dann später am Abend in der Straßenbahn in den Schritt griff, habe ich dann auch aufpassen müssen, dass ich nicht „zu verträumt daherkomme“ und mich nicht „zu sehr beeinflussen“ lasse. Wer weiß – vielleicht war es ja meine große Liebe?


Schwamm drüber. Ich wechselte zu den Profi-Astroseiten. Und da wird es kompliziert. Beim „Astrodienst“ musste ich sogar Geburtsort und –zeit eingeben. Verstanden habe ich aber vor lauten „Planeten mundan“, Transiten, Monden auf leerer Bahn und Merkur Sextil Pluto: genau nichts. Um das vollständige Horoskop zu lesen, müsste ich ohnehin ein Abo abschließen. Zumindest wusste ich danach, dass mich eine „angenehme Unruhe“ plagte und ich „auf der Suche nach Veränderung“ war. Und tatsächlich: ich hatte gestern seit langem wieder Lust darauf, ein Cola zu trinken. Wie könnte es also anders sein – es hat mein Leben verändert!


The Telepathie Empowerment


Eine Goldgrube sind Astroportale und –sendungen ja schon lange, aber warum? Weil es viele einsame Menschen da draußen gibt, die aus den kurzen Absätzen und teuren Telefonaten eventuell wirklich Kraft schöpfen wollen. Mit wenigen Klicks kommt man etwa zu „Medium Maria“, die mir „Channeling mit den Erzengeln“ (!?) und „The Telepathie Empowerment“ verspricht. Ich weiß zwar nicht, was das ist, aber es klingt einleuchtend.


Andererseits können Horoskope aber, gerade für Frauen, ganz viele Klischees transportieren, garniert mit zweifelhaften Ratschlägen. „Ein bisschen Rouge auf den blassen Wangen und ein wenig Mascara lassen dich im November strahlen“, verspricht mir etwa das Horoskop eines österreichischen Frauenmagazins. Nun gut, wenn damit alle Probleme gelöst werden. Menschen lesen Horoskope auch, um sich ihren täglichen Ego-Kick zu holen und sich dann vielleicht nicht so stark mit ihren wirklichen Problemen auseinandersetzen zu müssen. Weil: wenn die Venus im Mond uns ohnehin für den tollsten und klügsten Menschen der Welt erklärt - warum hinterfragen?


Zugegeben: ich habe mich auch geschmeichelt gefühlt. Die Seite Natune.net versprach mir nämlich Großes: „So wie Sie sich heute geben, wären Sie sogar für eine politische Laufbahn geeignet.“ Vielleicht überdenke ich ja meine beruflichen Entscheidungen dank dieser Erkenntnis noch einmal? Da ich heute so charmant, kommunikativ und mitreißend bin – was kann da noch schiefgehen?


Der Tag meines Lebens also? Nicht wirklich. Die Verwirrung und die Erwartungen waren wohl zu hoch. Wie sollte ich das alles an einem Tag erfüllen? Der 10. November war dann doch ein eher unaufgeregter Arbeitstag, eventuell war ich schlechter gelaunt als sonst. Und am Abend habe ich – entgegen der mehrmaligen Aufforderung der Planeten, ich solle außer Haus gehen, weil ich „heute so gut mit anderen klarkomme“ – mich lieber doch dazu entschieden, faul zu sein. Und dabei habe ich sogar (!) den Rat von "Erika Bergers Astroportal" verfolgt: „Sie sollten Ihre Beine hochlagern und sich einen ruhigen Fernsehabend gönnen und Ihre Seele baumeln lassen.“ Gesagt, getan. Habe ich etwas verpasst? Ich denke nicht.

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