Der graue Block

Aus Film und Fernsehen mögen Frauen ab etwa 40 langsam verschwinden, in der politischen Landschaft Österreichs tauchen sie plötzlich in der Pension wieder auf. Ein Gespräch mit den Omas gegen Rechts.

Sie skandieren laut „Freiheit“ und tragen dabei selbst gestrickte Hauben. Die Omas gegen Rechts protestieren seit Ende 2017 gegen Rassismus, Antisemitismus und Faschismus - und gegen die Regierung. Als unabhängige Plattform, wie sie nicht müde werden zu betonen. Dank ihnen ist die politische Landschaft Österreichs in den letzten Monaten ein bisserl älter, viel weiblicher und ein Stück charmanter geworden.


Die pensionierte evangelische Pfarrerin und PsychotherapeutinMonika Salzer hat die Omas gegen Rechts Ende 2017 ins Leben gerufen, weil „die Zeit reif für Widerstand war“. Und schnell Mitstreiterinnen wie etwa Susanne Scholl, ehemalige Russland-Korrespondentin des ORF,Caroline Koczan, Margarete Nezbeda und Renate Klein gefunden. Mit ihnen sprach die WIENERIN bei Kaffee und Topfengolatschen über politischen Widerstand, Menschlichkeit und was eine politische Oma für die Gesellschaft bedeutet.

WIENERIN: Am 18. Dezember haben zehn Omas bei der Angelobung der Regierung protestiert. Sechs Wochen später waren sie beim Lichtermeer für Ute Bock 250 Omas. Wie erklären Sie sich diesen enormen Zuspruch?


Monika Salzer: Ich habe gespürt, dass die Zeit reif ist für politischen Widerstand. Dass es sein muss. Dass ich auf die Barrikaden gehe, und wenn sie mich einsperren! Ich hab so einen inneren Drang gehabt, so ein "Ich mach das jetzt!". Und ich glaube, dass sich viele Frauen auch gedacht haben: "Es reicht, aber wo gehen wir jetzt hin?" So haben wir uns gefunden. Bei den Omas können wir wenigstens ein bisschen partizipieren, wir müssen ja gar nicht alle auf Demos gehen. Wir können auf Facebook schreiben und wir fühlen uns verstanden.


Susanne Scholl: Ohne es eigentlich zu wissen, sind wir in ein Vakuum vorgedrungen, weil das Unbehagen und das Misstrauen gegenüber den traditionellen etablierten Parteien enorm groß ist und die Leute mit denen auch nix mehr zu tun haben wollen. Sie haben das Gefühl, dass die sie eigentlich die ganze Zeit verraten und verkauft wurden. Es gibt ein Bedürfnis nach etwas, was nicht nach Macht strebt, nicht nach einem Sitz im Parlament strebt, nicht Bundeskanzler werden will und dabei doch denen auf die Finger schaut und sagt "Freunde, was ihr macht, geht nicht!" Und das sind die Omas!


Monika Salzer: Der Zeitpunkt war so optimal. Seit ich die Omas gegründet habe, wird es jeden Tag schlimmer. Wir konnten diesen Strom des Protests und des Widerstands gleich zu Beginn ein bisschen auffangen.


Ab einem Alter von 40 verschwindet die Frau aus Film und Fernsehen…


Von allen fünf Omas gegen Rechts ertönt ein lautes und empörtes „JA!“


Monika Salzer: Und wir brechen das Klischee! Das Klischee ist die alte Oma: Sie darf die Kinder hüten, finanzielle Macht hat sie aber eh keine, sie ist Almosenempfängerin. Wir bringen das Gegenteil. Wir sind die '68er Generation, die gut ausgebildet ist. Erstmals in der Geschichte Österreichs und Europas sind wir die Generation, die unglaublich viele Studentinnen und Frauen in tollen Positionen hervorgebracht hat. Das ist mir erst bewusst geworden, wo wir über die Omas reden, dass das ja vorher nicht der Fall war.


Ist es das, was sie vielleicht ein bisschen besser können als die jüngere Generation?


Monika Salzer: Die jüngeren Generationen können das alles noch viel besser. Und die vor uns hatten noch kein Internet.


Susanne Scholl: Wir sind die Generation, die '68 18 oder 19 Jahre alt war und das damals wirklich auch mitgetragen hat. Das heißt, wir haben auch eine gewisse Erfahrung, was Widerstand gegen Staatsgewalt betrifft und auch Widerstand gegen…

Wir haben auch eine gewisse Erfahrung, was Widerstand gegen die Staatsgewalt betrifft.
Susanne Scholl


Monika Salzer: … gegen die alten Zöpfe!


Susanne Scholl: …und auch gegen diese alten Traditionen, die über den Zweiten Weltkrieg hinaus gewirkt haben. Es war ja nicht so, dass ’45 alle Nazis plötzlich gute Menschen waren. Die haben ja weiterhin in diesem Land gelebt und es zu einem guten Teil auch beeinflusst und ihre Ideen weitergetragen. ’68 gab es zum ersten Mal wirklich ein Bruch mit dieser Generation. Die Kinder der Täter sind nach Hause gegangen und haben gesagt: „Ich will wissen, was du angestellt hast.“


Monika Salzer:"Ihr seid Täter!". Das war der erste Schritt.


Susanne Scholl: Das war wirklich eine Wasserscheide. Das ist unsere Generation, das bringen wir mit. Deswegen können wir auch auf die Straße gehen, uns mit blöden Hauben hinstellen, irgendwelche Lieder singen und uns nicht dafür genieren.


Gerade ältere Frauen haben kaum Platz in der Gesellschaft und in der politischen Debatte - und jetzt kommen Sie! Wie reagieren die Menschen auf Sie?


Susanne Scholl: Wenn man alleine auf der Straße geht mit dem komischen Hauberl und mit dem Button, kriegt man fast nur positive Reaktionen. Die Leute sind freundlich! Ich glaub ja schon, dass es zu einem Gutteil auch irgendwie eine Beißhemmung gibt. Einer Oma kann man nicht einfach sagen "Na bist deppert?"


Monika Salzer: Vor allem junge Männer fragen uns auch nett: "Darf ich einen Button für meine Oma haben?" Und dann hat es begonnen, dass sie sich die Buttons selbst angesteckt haben. Es gibt viele bewusste Männer, die sagen: "Ich trag das, weil ich bin Mann genug."

Einer Oma kann man nicht einfach sagen "Na bist deppert?"
Susanne Scholl


Susanne Scholl: Wir sind ja trotzdem immer noch humorvoll. Deswegen kommen auch die jungen Leute und sagen: "Jö, ich hätt’ so gern, dass mei Oma a mitgeht."


Monika Salzer: Nach den Demonstrationen habe ich im Internet oft gelesen: "Ich hab nicht gewusst, wo ich demonstrieren soll, da bin ich zu den Omas gegangen. Da hab ich mich sicher gefühlt."


Angefangen hat alles in Wien, inzwischen sind Sie in allen Bundesländern. Sie haben bewiesen, dass die Omas gegen Rechts kein Wiener Phänomen sind. Aber wer sind die Omas? Was sind das für Frauen?


Monika Salzer: Es sind Frauen, die sehr selbstbewusst sind und schon eine Tradition haben. Es sind gstandene Frauen, die das Elend der Welt kennen.


Margarete Nezbeda: Und viele Frauen, die aus der Flüchtlingshilfe kommen.


Verbindet Sie das?


Susanne Scholl: Das ist eine Riesenthematik für uns. Diese Respektlosigkeit gegenüber Menschen, die sich wirklich aus einer tiefen Not heraus auf den Weg machen. Es sind also viele dabei, die mit Flüchtlingen arbeiten und sehen, was die Regierung anstellt in diesem Bereich. Sie hat jede Schamgrenze abgelegt. Die stellt sich ja hin und sagt: "Wir werden die Flüchtlinge konzentriert halten." Also mir stellt's da die Haare auf…


Monika Salzer: Man kommt ja aus dem Trauma nicht heraus. Die Flüchtlinge sind traumatisiert, die Betreuer sind traumatisiert…


Caroline Koczan: Die Flüchtlinge sind mehrmals traumatisiert: Erst in ihrem Heimatland, dann auf der Flucht, dann oft von ihren Begegnungen hier und dann noch durch die Abschiebung. Und die passieren in einer Art und Weise, die mich, auch wenn der Vergleich heftig ist, an Methoden einer autoritären Regierung erinnern. Wo Menschen mitten in der Nacht abgeholt werden, nur mit dem, was sie am Leib tragen…


Margarete Nezbeda: Aus der Schulklasse raus…


Caroline Koczan: Und ohne Dokumente…


Susanne Scholl: In Ländern, wo Krieg herrscht, bist du ohne Dokumente Freiwild. In höchster Lebensgefahr. Das zweite, was du brauchst um zu überleben, ist Geld. Das haben sie auch nicht. Das heißt: Wir schicken diese Menschen zurück in den Tod. Man kann es gar nicht anders sagen. Ich komme aus einer jüdischen Familie und ich habe die Briefe meines Großvaters, der nach Belgien geflüchtet ist, immer im Hinterkopf. Er schrieb meinem Vater "Die drohen uns mit der Abschiebung und ich weiß nicht, was dann passiert." Es war klar, was dann passiert wäre. Am Ende haben sie die Nazis doch gekriegt und umgebracht.


Monika Salzer: Wehret den Anfängen und wir sind schon in der zweiten Stufe.


Susanne Scholl: Wir sind mitten drin, also es sind nicht mehr die Anfänge.

Ich kann nicht einfach zuschauen und schweigen.
Margarete Nezbeda


Margarete Nezbeda: Man hört so oft: "Wie konnte das damals passieren?" Das sehen sehen wir momentan und da kann ich nicht einfach zuschauen und schweigen.


Caroline Koczan: Wir sind für das, was während des zweiten Weltkrieges geschehen ist als nachkommende Generation nicht verantwortlich. Aber wir sind verantwortlich dafür, was jetzt passiert. Wir müssen daraus lernen.


Bei der letzten schwarzblauen Regierung war die Aufregung viel größer, sowohl national als auch international, obwohl es viel weniger um Themen wie Rassismus oder Antisemitismus gegangen ist.


Monika Salzer: Damals war in Europa eine ganz andere politische Situation. Europa konnte noch mit einer Entrüstung sagen: "Das was da in Österreich passiert, das geht nicht." Jetzt können sie das nicht mehr, denn in jedem Land gibt es unglaublich autoritäre Bestrebungen.


Susanne Scholl: Die jetzige FPÖ ist nicht die damalige. Die Haider-FPÖ war wesentlich klüger und weniger aggressiv. Haider hat schon genau gewusst, dass er sehr aufpassen muss, was Antisemitismus und Rassismus betrifft, weil er sofort in einer bestimmten Ecke ist. Die jetzige FPÖ hat auch deshalb keine Skrupel, weil sie niemand haben, der sie in Zaum hält. Das ist das Eine. Zum Anderen gab es einen Rechtsruck in Europa. Und die Flüchtlingsbewegung 2015 war einschneidend.


Margarete Nezbeda: Es war in beide Richtungen einschneidend. Ich hätte nie erwartet, dass es in Österreich so eine Solidaritätswelle geben könnte. Gleichzeitig hat es den Anti-Ausländer-Leuten auch Stoff gegeben.


Caroline Koczan: Womit die Regierung nicht gerechnet hat, ist, dass die, die sie Kollaborateure und Schreier geschimpft haben, dranbleiben und weiterhelfen. Dass sich Gruppen gründen, diese unzähligen Gruppen, die AsylwerberInnen unterstützen.


Susanne Scholl: Und zwar vor allem da, wo AsylwerberInnen wohnen: in der Provinz. Ich bin für meine Bücher über Flucht durch ganz Österreich getingelt und es ist unglaublich, wieviele Gruppen es vor allem in Orten gegeben hat, wo Asylwerber leben. Dort, wo keine leben, bin ich auf Ausländerhass gestoßen.


Monika Salzer: Über das Gute redet man nicht. Man redet immer nur über die Exzesse. Wir dürfen nicht vergessen, dass mehr als 40 Prozent der Menschen das nicht wollen.


Da geht es auch um das Sichtbarmachen, wie Sie es tun. Glauben Sie, Sie könnten zur „Gallionsfigur“ des jetzigen Widerstands werden? Sowas wie die Donnerstagsdemo der jetzigen Regierung?


Monika Salzer: Als Gallionsfigur müsste man ja was ganz Eigenes, Großes macht. Aber wir vernetzen uns. Wir schließen uns zusammen und machen nicht unsere eigene Kiste. Ich glaube, wir sind… ich glaube, es beschämt sie eigentlich. Wir beschämen sie. Weil wir alt sind. Als wir das Frauenvolksbegehren am magistratischen Bezirksamt unterschrieben haben, war eine von uns mit Krücken und eine mit Rollator da - es ist beschämend. Ich glaube, die Omas sind sowas wie das Gewissen. Das ist ja auch die Rolle, aus der Tradition. Dass wir die Werte weitergeben an die Enkelkinder zum Beispiel. Wir sind ein Archetyp der weisen Frau.

Wir beschämen sie. Weil wir alt sind.
Monika Salzer


Margarete Nezbeda: Ich möchte nur einen Tweet zitieren. Er hält die Omas gegen Rechts für die derzeit wichtigste politische Kraft gegen diese Regierung.


Monika Salzer: Wichtigste Kraft ist man ja nur, wenn man auch Gesetze ändern kann. Das fände ich übertrieben. Aber die Kraft der Zivilgesellschaft! Schauen sie - es gibt so Sachen wie Martin Luther King. Das hat die Welt überrannt. Und eine Frau war es, Rosa Parks, die im Autobus sitzengeblieben is. Das ist Bewusstseinsbildung. Und das ist unser Ziel. Dass wir sagen: Mit uns nicht. Und wenn wenn jetzt die alten Weiberln sagen "Mit uns nicht", dann hat das schon irgendwie eine Dynamik.


Wie geht es weiter? Ihr Terminkalender ist ja ziemlich voll. Werden sie jemals wieder leise sein?


Monika Salzer: Nie! Solange diese Regierung steht, haben wir uns vorgenommen: Nie. Und wenn die nächste wieder so wird… (sie lacht) Also bis zum Grab. Oder bis zur Gehunfähigkeit. Wobei auch viele Omas zuhause sitzen und Administratorinnen sind, weil sie nicht mehr aus dem Haus gehen können, das geht auch.


Susanne Scholl: Wir wollen schon auch einige Sachen zu machen. Es wird etwa Diskussionsabende geben, wir haben alle möglichen Ideen. Wir sind ja noch sehr jung. Wir müssen das alles noch organisieren, richtig reinkommen und eine Struktur schaffen. Wir haben schon ein bisschen Kultstatus, es ist schick. Ich weiß zwar nicht, was an den Hauben schick sein soll… (sie lacht)


Vielleicht ist der Widerstand schick?


Renate Klein: In meiner Jugend liefen alle mit Che Guevara-Shirts und Palästinensertuch herum.


Monika Salzer: Es soll uns nichts Schlimmeres passieren.

Als "Plattform für zivilgesellschaftlichen Protest" organisieren sich die "Omas gegen Rechts" gemeinsam gegen Rassismus, Antisemitismus und Faschismus.

Alle Informationen zum Mitmachen und Unterstützen gibt es auf www.omasgegenrechts.com

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