Der Gratis-Zahnspangen-Fake

Zahnspangen für Kinder werden gratis, so hieß es bei der letzten Wahl. Seit 1. Juli 2015 sollte die Gratis-Zahnspange Realität sein. Mit der Einführung sind jedoch viele Kritikpunkte übrig geblieben, findet WIENERIN-Redakteurin Eva Jankl.

30.500 Kinder werden ab sofort mit einer Gratis-Zahnspange versorgt, so steht es in den Presseunterlagen des Hauptverbandes der österreichischen Sozialversicherungsträger. 8.000 davon ab einem Alter von 6 Jahren mit einer herausnehmbaren Zahnspange und weitere 22.5000 Kinder und Jugendliche mit einer festsitzenden Zahnspange, die sie zwischen 12 und 18 Jahren bekommen. In Summe sollen somit bei etwa einem Drittel der Kinder pro Jahrgang die Zähne in Schuss gebracht werden. 180 Zahnärzte aus ganz Österreich sollen dies möglich machen.


So weit so gut. Nichtsdestotrotz sind viel Fragen und Kritikpunkte rund um die Einführung noch offen. Denn nicht alles, was nun präsentiert wird, ist wirklich gut überlegt.

Kritikpunkt 1: Nicht alle Kinder, die eine bräuchten, bekommen eine Gratis-Zahnspange

Begünstigt werden nun jene Kinder, die wirklich schwere Zahnfehlstellungen haben wie bei fehlenden Zähnen, Kreuzbiss bzw. Höcker-Höcker-Verzahnungen im Seitenzahnbereich, Scherenbiss, Tiefbiss mit Einbiss in den Gaumen, Offener Biss über 4 Millimetern, Durchbruchsstörungen von bleibenden Zähnen, Kontaktverschiebungen über 4 Millimeter, Frontzahnstufen über 6 Millimeter sowie Kraniofaziale Anomalien wie Lippen-Kiefer-Gaumenspalte. Wer die Begriffe noch nie gehört hat, der suche via Google danach. Es wird jeder zu dem Schluss kommen, dass es den Kindern gegönnt sei, dass sie die Zähne endlich gerichtet bekommen. Denn es handelt sich um schwere Fehlstellungen, die mit Sicherheit nicht nur jede Menge Gelächter durch die Schulkollegen eingebracht haben, sondern die betroffenen Kinder haben tatsächlich Beschwerden.


Nur: In Wahrheit gibt es noch viel mehr Fälle, die ebenfalls dringend gerichtet gehören und diese gehören nicht zu den Begünstigten der Gratis-Zahnspange. Stehen die Zähne nämlich wie Kraut und Rüben im Mund, aber grundsätzlich an der richtigen Stelle und sie sind nicht übermäßig schief, so fallen die Kinder durch den Rost. Dass auch bei diesen Zähnen Folgeschäden entstehen können wie das verfrühte Auftreten von Karies, wenn die Kontaktstellen zwischen den Zähnen zu eng sind, wird nicht beachtet. Die Eltern zahlen dann entweder selbst (Ja, es gibt einen Zuschuss, aber eben keine Kostenübernahme) oder sie lassen es bleiben. Für die Sozialversicherungsträger fallen solche Fehlstellungen jedoch unter optische Probleme. Über Spätfolgen wollen wir jetzt ja noch nicht reden. Es werden leider genügend Kinder übrig bleiben, bei denen sich die Eltern es einfach nicht leisten können diese Zähne zu richten.

Kritikpunkt 2: Eine herausnehmbare Zahnspange ab 6 Jahren kann die festsitzende Gratis-Zahnspange kosten

Ja, leider. Denn wer früh die Zähne mit einer herausnehmbaren Zahnspange richtet, fallt dann möglicherweise bei den schweren Fällen raus und das Kind bekommt mit 12 Jahren keine festsitzende Gratis-Zahnspange mehr. Ob sich diese dennoch lohnt? Definitiv! Schließlich wollen Eltern nicht, dass ihre Kinder gehänselt werden und sie wollen auch mögliche Folgeprobleme vermeiden. Nur: Nicht alle Eltern können sich die spätere Zahnkorrektur der Kleinen auch leisten. Und nachdem nur schwere Fälle via Gratiszahnspange gerichtet werden, wird sich auch schnell herumsprechen, dass bei einer frühkindlichen Zahnbehandelung mit herausnehmbarer Zahnspange vielleicht das eine oder andere Kind schnell aus der Einstufung als schwerer Fall herausfällt. Und dann?

Kritikpunkt 3: Fehlstellungen werden nicht völlig korrigiert

Nein, das werden sie nicht. Vom einem Behandlungserfolg wird dann gesprochen, wenn „eine Verbesserung des Ausgangszustands von zumindest 70 Prozent“ gegeben ist. So die Vorgabe. Natürlich kann man nun nicht die gesamte Verantwortung auf die Zahnärzte schieben, schließlich hängt der Erfolg auch von den Kindern und Jugendlichen ab. Es ist nicht ganz unrelevant, ob die Kinder ihre herausnehmbare Zahnspange tragen und ob sie bei der festsitzenden Zahnspange brav ergänzende Gummiringerl oder ähnliche Hilfsmittel verwenden. Aber auch hier gibt es einen großen Kritikpunkt: Bei den festsitzenden Zahnspangen werden nämlich nur silberne Brackets übernommen, was grundsätzlich völlig in Ordnung wäre. Nur: Es kann nicht durch eine Übernahme der Mehrkosten auf weiße, kaum sichtbare und von den Kids besser akzeptierte und leichter zu „ertragende“, Brackets upgegradet werden.

Kritikpunkt 4: Die Zahnärzte wurden nicht einheitlich überprüft

Es gibt einheitliche Vorschriften, was ein Arzt können muss. So mussten Zahnärzte, die am Gratis-Zahnspangen-Programm teilnehmen wollten, sich vorab bewerben. Gefordert wurden mindestens 20 solcher schweren Fälle, die bereits innerhalb eines bestimmten Zeitraumes behandelt wurden. In einigen Bundesländern mussten die Zahnärzte diese bereits bei der Bewerbung mitschicken, in anderen mussten die Fälle nur parat liegen, falls sie überprüft werden.

Kritikpunkt 5: Es stehen nicht alle Ärzte fest, die die Gratis-Zahnspange anbieten

Zumindest nicht überall. Die einzelnen Bundesländer hatten unterschiedliche Bewerbungsfristen, die teilweise – wie im Fall von Wien – erst spät gestartet haben. Dementsprechend stehen bis heute noch nicht alle Zahnärzte des Programms fest. Von flächendeckender Versorgung kann zumindest in Wien noch keine Rede sein, wenn man auch bei der Sozialversicherung sehr bemüht ist, diese zu erreichen. Die vollen 180 Vertragsärzte sollen aber bis Jahresende feststehen. Wer jetzt einen Termin ausmacht, für den heißt es vorerst ziemlich sicher „Bitte warten“.

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